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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 43)

"Schwerhörige müssen in der Gesellschaft mehr Gehör finden"

Gespräch mit Pfarrer Volker Schmeling
100 Jahre Schwerhörigenseelsorge in Deutschland

Thema 42
 
Sozialpädagogin Anna Mühlbauer informiert über drahtlose Lichtanlagen, die das Klingeln von Telefonen oder von Haustürglocken sichtbar machen.
   

Für die schwerhörige Barbara S. (Name geändert) war die Begegnung mit Kirche eine "schmerzliche Erfahrung". In einem Brief an den zuständigen Seelsorger beschreibt sie mit deutlichen Worten ihre damaligen Gefühle:

"Im Alter von etwa fünf Jahren wurde bei mir eine Schwerhörigkeit festgestellt. Mit dreizehn Jahren begann dann mein Konfirmandenunterricht. Unser Pfarrer wurde bei der Anmeldung auf meine Hörbehinderung hingewiesen. Im Unterricht saß ich in der ersten Reihe und bemühte mich etwas mitzubekommen. Der Pfarrer hatte zwar eine gute Aussprache, es gab aber keine Hilfen für mich als Schwerhörige. Besonders meine Mitkonfirmanden/ -innen verstand ich nicht gut."

Als weitere Belastung stellte sich der Gottesdienstbesuch heraus. Die heute 51-Jährige formuliert es so: "Wir Konfirmanden saßen in den vorderen Reihen der Kirche, trotzdem war ich zu weit vom Altar entfernt, um dem Gottesdienst folgen zu können. Das Fatale dabei war, dass meine Unsicherheit immer größer wurde. Ich war immer froh, wenn der Gottesdienst endlich vorbei war. Nach der Konfirmation hatte ich kaum noch Kontakt zur Kirche. Während der Konfirmandenzeit war so viel von Nächstenliebe die Rede. Davon hätte ich mir hinsichtlich meiner Hörprobleme ein wenig gewünscht."

Der einzige in Deutschland

Thema 42
 
Volker Schmeling (links), landeskirchlicher Beauftragter für Schwerhörigenseelsorge in Bayern, nutzt bei seinen Gesprächen mit Betroffenen Mikrofon und Kopfhörer. (Fotos: Kusch)
   

Schreiben dieser Art landen regelmäßig auf dem Schreibtisch von Volker Schmeling. Seit 1994 arbeitet der Pfarrer und Hörgeschädigtenpädagoge als landeskirchlicher Beauftragter für Schwerhörigenseelsorge in Bayern in der etwas versteckt gelegenen Dienststelle in Nürnberg. Wenn er erzählt, dass er "der erste und einzige hauptberuf- liche Gehörlosenseelsorger in ganz Deutschland" ist, dann sagt er das nicht unbedingt mit Stolz.

Seit sieben Jahren fordert er von der Landeskirche, dass die drei vorgesehenen Stellen für die fränkische Einrichtung endlich besetzt werden. "Mit derzeit eineinhalb Arbeitskräften und der finanziellen Ausstattung ist diese Arbeit jedenfalls nicht zu leisten", beklagt er das mangelnde Interesse der Kirchenleitung. Ist er doch nicht nur für Nürnberg – mit einer eigenen Schwerhörigen-Gemeinde – zuständig, sondern im gesamten Raum Bayern unterwegs. Die große Resonanz auf die erstmalig angebotene zweijährige Ausbildung zum Schwerhörigen-Seelsorger in Pappenheim zeigte ihm ganz deutlich, dass ein "Riesen-Bedarf" an dieser Arbeit besteht. 60 Teilnehmer aus Deutschland und österreich kamen, um sich mit Themen wie "Grenzen und Annahme der Schwerhörigkeit" oder "Mein Glaube als schwerhöriger Mensch" auseinander zu setzen.

Man mag es nicht glauben: 25 bis 30 Prozent der Deutschen sind laut offizieller Statistik schwerhörig. Hintergründe sind der zunehmende Lärm, Unfall oder Krankheit. Schwerhörigkeit betrifft besonders die älteren. Und weil es immer mehr alte Menschen gibt, steigen auch die Zahlen der Betroffenen.

Deshalb ist es für Volker Schmeling keine Frage, dass sich Kirche in diesem Bereich deutlicher engagieren muss: "Die Schwerhörigen müssen mehr gehört werden." Für ihn ist das eine Aufgabe, die jede einzelne Gemeinde betrifft. Kaum ein Altenheim der Diakonie oder ein Gemeindezentrum sei auf Schwerhörige eingestellt. Und auch die Gottesdienste verhindern echte Kommunikation. Schwerhörige lesen beispielsweise zu 30 Prozent vom Mund ab, erläutert der 43-Jährige. Die Hinwendung des Pfarrers zum Altar schließe die Schwerhörigen aus. Da die Betroffenen durch ihre Behinderung nicht leiser, sondern verzerrt und bruchstückhaft hören, käme es auf eine deutliche und langsame Aussprache an. "Aber wo werden heutige Pfarrer schon in Rhetorik geschult?", kritisiert Schmeling.

100 Jahre Die Schwerhörigenseelsorge blickt heuer auf ihr 100-jähriges Bestehen zurück. Erst kürzlich feierte die Arbeitsgemeinschaft für Evangelische Schwerhörigen-Seelsorge (AFESS) in Deutschland aus diesem Anlass in Berlin. Dort fand 1901 nämlich der erste Gottesdienst für Schwerhörige statt.

Für Volker Schmeling war der Festakt auch in anderer Hinsicht ein bedeutendes Ereignis. Als Nachfolger von Pastor Dr. Dietfried Gewalt wurde er zum Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft gewählt. Für den 43-Jährigen einer der Gründe, den Blick noch weiter in die Zukunft zu lenken. Derzeit plant er eine ähnliche Arbeitsgemeinschaft für Bayern, um die rund 40 Dekanatsbeauftragten und die zahlreichen Ehrenamtlichen auf dem Gebiet der Schwerhörigenseelsorge noch besser zu vernetzen. Dabei hat er die zwei Hauptziele dieser Organisation stets fest im Blick: Kirchliche Mitarbeiter zu begleiten und Betroffenen zu helfen, ih- re Behinderung anzunehmen. Woher er die Zeit nimmt für all diese Aufgaben? "Man muss wohl ein ‘Workaholik’ sein, um bei 20 Arbeitsstunden am Tag nicht auf die Uhr zu blicken."

Günter Kusch

 


Der Sonntag als Fenster in die Ewigkeit

Jesus sprach zu den Pharisäern: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. (Markus 2, 27.28)

 

Thema 42
 
Foto: kil
   

Der Sonntag hat Freunde. Man merkt es an den Autoaufklebern mit dem Satz: "Ohne Sonntag gibt es nur noch Werktage." Und überall im Land läuten am Sonntag die Glocken und laden nicht vergeblich zum Gottesdienst ein. Aber es hat den Anschein, dass die Freunde der Sonntagsfeier weniger werden. Groß ist die Konkurrenz anderer, die sich um den freien Tag verdient machen oder daran verdienen wollen. Es geht um freie Fahrt für das Vergnügen und den Konsum. Das dritte Gebot steht diesem Fortschritt im Weg. Den Kirchen wird vorgeworfen, sie klammerten sich an alte Rechte, die heute niemand mehr versteht. "Rettet den Sonntag" – für wen denn?

In dem Bibelwort aus dem Markusevangelium geht es um eine ähnliche Frage. Die Pharisäer hatten beobachtet, wie die Jünger Jesu den Sabbat nicht ernst genug nahmen. Sie setzen sich über eine der vielen Bestimmungen zum Schutz des Feiertags einfach hinweg. Jesus ließ das zu, zum Erstaunen der Gesetzestreuen. Noch ärgerlicher war seine Begründung: "Gott hat den Sabbat für den Menschen gemacht und nicht den Menschen für den Sabbat." Und als schlimme Anmaßung mussten es die Pharisäer empfinden, dass Jesus sich "Herr über den Sabbat" nannte. Den Gesetzesvertretern war nicht bewusst, dass sie sich schon vorher zum Herrn über den Sabbat gemacht hatten. Ihre vielen Regeln verkehrten den von Gott gewollten Sinn des Feiertags ins Gegenteil. Jesus dagegen beschädigte ihn nicht, er rettete ihn für die Menschen. Und die brauchen den Feiertag, auch heute noch: für das Wohlergehen von Leib und Seele, für das Gedeihen guter Gemeinschaft. Dafür setzen sich Christen heute ein und nicht für die Bewahrung ihrer religiösen Rechte oder eines schönen Brauchtums.

Aber der Sonntag hat doch auch in besonderer Weise mit Christus zu tun und er ist dann mehr als der von Gott gestiftete Ruhetag. Die frühe Christengemeinde feierte ihn am ersten Wochentag als lebendige Erinnerung an Ostern und die Auferstehung. Jetzt galten nicht mehr die alten Gesetze und kleinlichen Bestimmungen. Jesus war der Herr über den Sabbat und über das ganze Leben. Und er öffnete dieses Leben für die Welt Gottes. Der Sonntag wurde zum Fenster in die Ewigkeit.

Die modernen Kalendermacher haben dem Sonntag den ersten Platz in der Woche genommen. Dieser Fortschritt zeigt, wie alt unsere neue Welt oft aussieht. Sie hält den Menschen fest auf dem Boden der alltäglichen Last, Hast und Mühe. Doch Christen sollten sich davon nicht beeindrucken lassen. Niemand kann ihnen ihren Sonntag nehmen. Auch heute öffnet er das Fenster zur Welt Gottes. Ich feiere den Sonntag und erkenne, dass die Zeit nicht mir selbst gehört. Ich nehme sie aus Gottes Hand und gebe allem den gebührenden Platz: den Aufgaben und Herausforderungen, aber auch der Ruhe und dem Nachdenken. Der Zuwendung zu Menschen genauso wie den Bedürfnissen meiner Seele. Dem Ernst des Lebens wie der Fröhlichkeit und dem Spiel.

Ich schleppe nichts Ungeordnetes über Tage und Wochen hin. Ich lasse es nicht Nacht werden über einem Konflikt. Ich vergebe meinem Nächsten die Schuld und bitte um Vergebung für die eigene. Ich höre auf mit dem ängstlichen Vergleichen und bin dankbar für alles, was Gott mir schenkt. Es gibt viele Gründe, ein Freund des Sonntags zu sein, gerade in unserer Zeit. Und wenn Christen den Sonntag retten wollen, dann tun sie das nicht nur für sich selbst.

Dekan Christoph Schmerl, Kitzingen

Wir beten: Himmlischer Vater, wir danken dir für das Geschenk des Feiertags. Lass uns an ihm ruhig werden und neue Kraft schöpfen. Gib, dass wir dich finden, wenn wir ihn als Tag deines Sohnes feiern. Lass uns auch den Menschen nahe sein, denen wir etwas geben können und die uns etwas bedeuten.

Lied 162: Gott Lob, der Sonntag.

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