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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 41)

EKD-Botschafter: Diplomat und Seelsorger

Prälat Stephan Reimers vertritt die Evangelische Kirche in Berlin

Thema 39
 
Stephan Reimers (Foto: güs)
   

Die letzten Wochen waren für Stephan Reimers eine besonders bewegte Zeit. Vor allem die Gedenkgottesdienste in den großen Berliner Kirchen an die Opfer der Terroranschläge in den USA wird der Prälat mit der langen Amtsbezeichnung nicht vergessen. Den "Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesrepublik Deutschland und bei der Europäischen Gemeinschaft" beeindruckte die "gemeinsame Klage von Christen und Nichtchristen". Kirche und Politik seien in diesen Stunden "sehr nahe zusammen gewesen".

Eigener kirchlicher Auftrag

Nicht nur Zustimmung fanden Reimers zufolge allerdings Stimmen von Bischöfen, die in den letzten Tagen zur Besonnenheit mahnten und vor Vergeltung warnten. Hinter solchen Voten hätten manche Politiker Antiamerikanismus vermutet. Für den kirchlichen Beauftragten ist die unterschiedliche Sichtweise verständlich. "Ich hätte ein unbehagliches Gefühl, wenn Kirchenführer und Politiker dasselbe sagen würden", meint der promovierte Theologe, der bis 1999 Landespfarrer der Diakonie in Hamburg war. "Denn als Kirche haben wir einen eigenen Auftrag, zum Frieden zu mahnen."

Funktion: Weberschiffchen

Seit zwei Jahren ist der Hanseat als Bevollmächtigter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Berlin tätig. "Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind" lautete das aus dem alttestamentlichen Buch der Sprüche kommende Motto seiner Berufungsurkunde. Zu Reimers Hauptgeschäft gehören diplomatische Aufgaben. Er führt im Auf- trag der EKD Gespräche mit der Regierung und der Opposition. Umgekehrt informiert er kirchliche Gremien über Pläne und Vorgänge in Berlin, wie mögliche Gesetzesvorhaben: "Meine Aufgabe ist es, das Gras wachsen zu hören und die Kirche zu sensibilisieren für Kommendes." Der Prälat sieht sich selbst als "eine Art Weberschiffchen, das sich hin- und her bewegt". Zum Bundeskanzleramt hat der EKD-Botschafter nach eigenen Worten einen guten Draht. "Wir können uns schnell über Vorhaben der Regierung orientieren und mit Vorschlägen darauf reagieren." überhaupt würden Regierung und Opposition "aufmerksam auf Anregungen und Positionen der Kirchen achten". Das habe sich im letzten Jahr gezeigt, wo der Bundestag einstimmig die mehrere Monate zuvor beschlossene Steuergesetzgebung zu Gunsten der Kirche korrigierte. Jährliche Einnahmeausfälle von 1,2 Milliarden Mark hätten dadurch vermieden werden können.

"Die Politik sieht die konkreten Leistungen, die Kirche und Diakonie vollbringen", so die Erfahrung Reimers, der selbst schon in der Politik tätig war. Einige Jahre gehörte er für die CDU der Hamburger Bürgerschaft und dem Bundestag an. Seit 1993 ist er parteilos. Die Politik braucht dem Prälaten zufolge die Kirchen auch als Partner. Zum Beispiel, um gegen Fremdenfeindlichkeit im Land vorzugehen oder um einen stärken Zusammenhalt in der Gesellschaft zu erreichen: "Sie darf nicht nur eine vom Egoismus geprägte Gemeinschaft sein." Bundeskanzler Gerhard Schröder hält die Kirchen nach Einschätzung des EKD-Botschafters für gesellschaftlich wichtig. So habe sich Schröder in der Debatte um das umstrittene Fach LER (Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde) eindeutig für den Religionsunterricht ausgesprochen – im Gegensatz zu seinen Parteifreunden in Brandenburg.

Gute Noten erteilt Reimers, der überlegt antwortet und druckreif formuliert, für die Steuerpolitik der Regierung. Die Korrekturen beim Unternehmenssteuergesetz seien eine wichtige Hilfe für die Kirche gewesen. Schlechte Zensuren gibt der Kirchendiplomat für den Abwärtstrend bei den Mitteln für Entwicklungshilfe. Die Familienpolitik sei durch die Erhöhung des Kindergeldes und der Freibeträge "auf einem guten Weg". Kritisch sieht Reimers das im August in Kraft getretene Partnerschaftsgesetz. Die Regelung, gleichgeschlechtliche Paare rechtlich besser zu stellen, berge die Gefahr, "dass der Wert von Ehe und Familie nivelliert wird". Kritik übt der Prälat auch an Teilen des geplanten Zuwanderungsgesetzes. So seien der Flüchtlingsschutz und die Regelung für Härtefälle nicht ausreichend. Mit Unverständnis reagiert er darauf, dass mit Rücksicht auf die Nicht-Christen im Land das Kanzleramt nicht gesegnet wurde: "Immerhin gehören etwa zwei Drittel der Bürgerinnen und Bürger und auch der Bundestagsabgeordneten einer christlichen Konfession an." Unkenrufen zum Trotz hat sich dem Bevollmächtigten zufolge der Umzug von Regierung und Parlament vom Rhein an die Spree nicht nachteilig für die Kirchen ausgewirkt. "Das Klima ist nicht kälter geworden." Reimers sieht eine "erkennbare Mühe der Koalition, es nicht zu einer Entfremdung von Kirche und Politik kommen zu lassen".

Seelsorgerliche Gespräche

Gerade in der Parteispendenaffäre führte der 57-jährige Theologe viele Einzelgespräche mit Parlamentariern. Sein Antrittsbesuch bei Wolfgang Schäuble fiel auf den Tag, wo dieser seinen Rücktritt als CDU-Vorsitzender erklärte. Keine Frage, worum es bei der Unterredung ging. Alle sechs Wochen lädt der Prälat die 221 evangelischen Bundestagsabgeordneten zu Gesprächsrunden ein. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Fragen, wie jüngst das Zusammenleben mit Muslimen. Die Parlamentarier schätzen es – so Reimers – "offen und über Parteigrenzen hinweg ohne Presse reden zu können." Die Gespräche fänden guten Zuspruch: Knapp die Hälfte der Abgeordneten reagierten auf die Einladungen. Neuerdings bietet der EKD-Bevollmächtigte auch spezielle Gesprächsrunden für nichtkonfessionelle Parlamentarier an, die sich "durchaus interessiert" an solchen Kontakten zeigten. "Viel Lob gab es von diesen Abgeordneten für die Kampagne der Kirchen zum Schutz des Sonntags." Insgesamt hätten die Parlamentarier gefragt, wie die Kirchen der Politik helfen könnten.

Deutlicher Wunsch

Angesichts der Terrorakte in den USA ist es kein Wunder, dass in den Gesprächsrunden mit Abgeordneten nun ein Wunsch immer wieder zu hören war: "Die Kirchen mögen ihren Dialog mit dem Islam verstärken, damit die Gesellschaft ein klareres Bild davon bekommt, was Muslime wirklich denken."

Günter Saalfrank

 


Das Urteil über Gut und Böse Gott überlassen

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu, die der Wind verstreut. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen vergeht.
(Psalm 1)

Thema 39
 
Foto: Hammerbacher
   
"Dabei kümmts druff oo, desäss aff die Weld nedd bloos guud unn bös gibt": Der in Mundart geschriebene Kommentar einer fränkischen Zeitung befasste sich mit den Reaktionen auf die Terroranschläge von New York und Washington. Er warnte davor, die Welt fein säuberlich in Gut und Böse einzuteilen. Vielleicht gar eine ganze Religion an den Taten brutaler und fanatisierter Anhänger zu messen: "Dabei kommt es darauf an, dass es auf der Welt nicht nur gut oder böse gibt". Eine mutige Stimme, angesichts von Ereignissen, die abgrundtief böse waren. Und während ich diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht, was noch kommen wird. Nichts kann in diesen Tagen so alt sein wie eine Zeitung von gestern oder von morgen. Andererseits: Die Fragen nach dem Guten und nach dem Bösen, nach dem Gerechten und nach dem Gottlosen gehen – wie der Psalm zeigt – über die tagespolitische Aktualität hinaus. Der Psalmbeter beschreibt aus der höheren Warte unseres Gottes, wie es ist, mit dem Weg der Gerechten und dem Weg der Gottlosen und überlässt vertrauensvoll das Urteil über Gut und Böse der Unbestechlichkeit des göttlichen Gerichts.

Freilich ist es nicht nur der Wunsch der Stammtische und der Medien, klare, einfach gestrickte Antworten auf die Frage nach Gut und Böse in unserem Leben zu bekommen oder zu vermitteln. Die Welt ist hochkompliziert und schnelllebig. Tragfähiges und Verlässliches scheinen in Auflösung begriffen. "Da komme ich nicht mehr mit", höre ich, oder, wie neulich ein Mitarbeiter klagte (den ich nun keineswegs als rückständig oder erzkonservativ kenne): "Ja, gilt denn überhaupt nichts mehr?" Nun, so soll es nicht sein: Die Gebote Gottes gelten. Bergpredigt und Gleichnisse, Worte zur Lebensführung in den biblischen Briefen, überlieferte und aktuelle Bekenntnisse zeigen die Richtung an, geben Orientierung, helfen, den Weg zu finden. Ob es der gute ist? Es gibt nicht nur gut oder böse auf der Welt. Oft ist beides vielfältig miteinander verwoben oder ineinander verstrickt. Der Riss geht mitten durch uns selbst hindurch, sagte Landesbischof Johannes Friedrich im Gedenkgottesdienst für die Opfer der Terroranschläge.

Wer sein eigenes Handeln oder das anderer auf den Prüfstand stellt, wird um sorgfältiges Nachdenken, klären, reflektieren, vergeben und verzeihen, Position beziehen und widerstehen, abwägen und einordnen nicht herumkommen. Wohl dem, der nicht dummes Zeug schwätzt oder zynisch spottet, sondern sich die Mühe macht, sorgfältig und intensiv (Tag und Nacht!) nachzudenken über das, was Gott will und was gut sein könnte. Wohl dem, der in seinem persönlichen Leben, in seinen Ehrenämtern, im Beruf, in der Gesellschaft und in der Kirche nicht müde wird, fair und sachgerecht zu argumentieren und auf billige "Totschlagargumente" (da geht es ja los!) zu verzichten. Wohl dem, der sich ehrlich abmüht, gut und böse differenziert zu beurteilen und dabei die eigenen blinden Flecken nicht übersieht. Wohl dem, der auf seiner Palette der Gedanken und Gefühle nicht nur "Schwarz" und "Weiß" hat. Dabei kümmts druff oo, dessäs aff die Weld nedd bloss guud unn bös gibt. Die wou dess dengn, sinn eichendli die gfährlichstn, egaol wou in dä Weld sä hoggn. Und doch gibt es eine Ausnahme: Dass Gott mich einen guten Weg führt, egal was unterwegs passiert: Da bin ich mir sicher.

Frank Seifert
Kirchenrat, München

Wir beten:
Oh Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Dass ich Liebe übe, wo man sich hasst. Dass ich verzeihe, wo man sich beleidigt. Dass ich verbinde, wo Streit ist. Dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum herrscht. Dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel drückt. Dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält. Dass ich ein Licht anzünde, wo Finsternis regiert. Dass ich Freude bringe, wo Kummer wohnt. Amen.

Lied 497: Ich weiß, mein Gott.

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