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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 40)

Lesen – eine überholte Kunst?

Thema 39
 
Fotomontage aus Bildern von: epd/ Neetz, Spoerl, güs, Spoerl
   

"Fasse dich kurz", hieß es früher einmal an den Telefonzellen. Das ist lange her. Heute freuen sich die Netzbetreiber über Dauergespräche. Trotzdem sind knappe Mitteilungen in Mode gekommen, gerade bei den Handys. Es geht dabei um SMS, schriftliche Botschaften auf dem Display. Sie müssen mit verhältnismäßig wenigen Buchstaben auskommen. Besonders unter jungen Leuten ist es ein Sport, bei aller Kürze viel zu sagen.

Heutige Lesegewohnheiten

Viel gesagt ist damit auch über die heute üblichen Schreib- und Lesegewohnheiten. Manche Menschen tun sich schwer, wenn es über längere Strecken geht. Sie sind zwar keine völligen Analphabeten (auch wenn es auf der Welt davon eine Milliarde gibt). Aber schon die Niederschrift einer kurzen Nachricht oder das Entziffern von Schlagzeilen in der Zeitung macht ihnen zu schaffen. Fachleute sagen, dass in den Industrieländern 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung zu diesen "funktionalen Analphabeten" gehören und ihre Zahl ständig ansteigt. Die elektronischen Medien überschlagen sich in ihren Fortschritten, doch mit den alten Kulturtechniken geht es abwärts.

Sterben Leseratten aus?

Schreiben und Lesen sind eine Kunst in dem Sinn, dass sie echtes Können erfordern. Beim Lesen gehört dazu das Erkennen von Buchstaben und von Wortbildern, das Verstehen eines Satzgefüges und das überblicken eines Textzusammenhanges. Untersuchungen in den USA ergaben, dass nur 10 Prozent der Schulabgänger einen längeren Text aufnehmen und richtig wiedergeben können. Die Spezies der Leseratten scheint am Aussterben zu sein, auch in anderen Ländern. Kinder und Jugendliche verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher als bei den Hausaufgaben. Der Umgang mit dem Computer hat die Schreib- und Lesefähigkeit auch nicht verbessert. Mit schöner Regelmäßigkeit schlagen deshalb Universitäten und Wirtschaft Alarm. Leseförderprogramme werden angeboten, in Form von Kursen oder auch spannenden Wettbewerben.

Doch es geht nicht nur um berufliche Chancen. Lesen ist der Schlüssel zum Riesenreich der Kultur. Es baut Brücken von Mensch zu Mensch, aber auch von der Gegenwart zur Vergangenheit. Lesen erfordert keinen umständlichen, teuren Apparat. Und es ist vielseitig. Ich kann andere mit einbeziehen, indem ich vorlese. Ich kann es still für mich tun und die Umwelt dabei vergessen. Es liegt an mir, ob ich mich in einen Text vertiefe oder auf einen schnellen überblick aus bin. Lesen verlangt, dass ich etwas Eigenes dazugebe. Das kann Vorstellungsvermögen und Fantasie sein, aber auch Begeisterung oder Kritik. Man merkt dies, wenn man mit einem anderen Menschen über seine Erfahrungen mit dem gleichen Lesestück redet. Sie sind oft sehr viel anders als die eigenen.

Lesen erschließt die verschiedensten Welten, wie spannende Unterhaltung und große Dichtung, anspruchsvolle Wissenschaft und Weltanschauung. Ursprünglich waren es meist religiöse Texte, die aufgezeichnet und dadurch festgehalten wurden. Das Aufzeichnen darf man sich ganz wörtlich vorstellen: Es begann mit einer Bilderschrift, so wie sie sich bis heute in ägyptischen Grabdenkmälern und Tempeln erhalten hat. Priester verfassten und lasen heilige Schriften. Ihre Kunst galt als Gott wohlgefällig. Das Alte Testament berichtet davon, dass Gott selbst seine Gebote für das Volk Israel auf steinerne Tafeln schrieb – und sie später dem Mose diktierte. So waren sie festgelegt, zum Lesen, zum Lernen und vor allem zur gehorsamen Beherzigung. Die 10 Gebote sind nur ein kleiner Teil der Heiligen Schrift. Aber auch als Ganze legt sie Zeugnis ab von der Geschichte Gottes mit der Menschheit, von Gehorsam und Ungehorsam, Strafe und Gnade.

Das Lesen und die Bibel

Von Schreiben und Lesen ist in der Bibel immer wieder die Rede. Viele Propheten Israels schrieben ihre Worte auf – zum Nachlesen für eine spätere Generation, auch weil die Botschaft oft von den ersten Hörern nicht beachtet wurde. Jeremia etwa verfasste einen Brief an seine schon nach Babylon deportierten Landsleute. Darin konnten sie die einzigartigen Sätze über die Beziehung zwischen Menschen und Gott lesen: "Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr." Von Jesus berichtet das Lukasevangelium, dass er sich in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth die Schriftrolle mit dem Jesajabuch geben ließ. Er las einen Abschnitt aus dem 61. Kapitel vor und fügte hinzu "Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren." Die frühesten Teile des Neuen Testaments sind die Briefe des Paulus. Er schrieb sie an die von ihm gegründeten Gemeinden, damit sie dort vorgelesen und weitergegeben würden.

Die Kirche hat dann, ebenso wie das Judentum, den Umfang der heiligen Schriften festgelegt. Sie wurden den Gläubigen durch Lesen und Vorlesen vertraut und an die folgenden Generationen durch ständiges Abschreiben per Hand weitergegeben. Das ging so, bis um 1450 Gutenberg seine Technik des Buchdrucks entwickelte und ein neues Zeitalter des Lesens begann. Immer mehr Menschen konnten Bücher und Schriftstücke erwerben, lernten Lesen und Schreiben. Wenn das erste gedruckte Buch eine lateinische Bibel war, so ist dies kein Zufall. Erst recht nicht, dass die Reformation sich um die übertragung der Heiligen Schrift in die Volkssprache bemühte. Martin Luthers Deutsche Bibel wurde schon zu seinen Lebzeiten hunderttausendfach gedruckt und mit Leidenschaft gelesen. Bis ins 19. Jahrhundert war sie in vielen Häusern das einzige Buch: zur Stärkung des Glaubens, aber auch zum Kennenlernen und zur Bewältigung von Lebensfragen. Ganz nebenbei übten unzählige Kinder in der Familienbibel das Lesen, stärkten ihre Fantasie und wurden mit der deutschen Sprache in ihrer besten Form vertraut.

Längst ist die Bibel als klassisches Lesebuch überholt. Sie geht schier unter im Meer der zahllosen Bücher, die auf den Markt kommen. Die Internationale Buchmesse in Frankfurt führt das jedes Jahr deutlich vor Augen. Zwar gilt die Bibel immer noch als das weltweit am meisten verbreitete Buch, aber auch als "Bestseller ohne Leser". Sicher trifft dieses Urteil nicht die ganze Wirklichkeit. Schon gar nicht ist damit gesagt, dass sie als überholt und nutzlos angesehen wird. Aber sie verlangt die volle Kunst des Lesens, eben Konzentration, Gründlichkeit, die Bereitschaft nachzudenken und sich ergreifen zu lassen. Und das fällt heute vielen Menschen schwer. Es gibt deshalb Versuche, heutigen Menschen die wichtigsten Geschichten und Inhalte der Bibel auf andere Weise nahe zu bringen: durch Comics, Spielfilme und Videos. Und warum sollten nicht Bibelverse als SMS auf dem Handy erscheinen! Das alles könnte ein Einstieg sein. Aber dabei sollte es nicht bleiben. Gerade wegen der Bibel lohnt es sich, beim Lesen wirkliches Können zu erlangen.

Christoph Schmerl

 


Gott kreuzt den Weg des Menschen


"Die Wege des Herrn sind lauter Güte und Treue für alle, die seinen Bund und seine Gebote halten."
(Psalm 25, 10)

 
Thema 39
Foto: Diakonisse Elisabeth Kelber
 

Viele Menschen haben Zweifel an der Treue und Güte Gottes und können diesen Psalmvers in unserer Zeit nicht nachsprechen. Erfahrungen unserer Welt und in der eigenen Lebensgeschichte scheinen dagegen zu stehen. Die terroristischen Aktionen in Amerika und ihre Auswirkungen auf die gesamte Welt bringen die uralte Frage wieder zum Durchbruch: Warum lässt Gott dies zu? In persönlichen Krankheitszeiten, wenn die Diagnose noch nicht feststeht oder die Genesung sich langsam hinauszögert, ist schwer von Gottes Güte zu reden. Häufig sind Konflikte mit Menschen Auslöser für Zeiten innerer Verlassenheit, besonders wenn es keine Lösung zu geben scheint, kein klärendes Gespräch, keine Versöhnung. Sich von Gott verlassen zu fühlen, von Gottes Güte und Treue nichts zu spüren, das ist wohl eine Lebenserfahrung, die niemandem erspart bleibt.

Was hilft in solchen Zeiten? Zweifel und Klagen sind erlaubt und wenn ich keine eigenen Worte finde, ist es mit Worten der Psalmen oder mit Jesu Worten möglich: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Die Erinnerungen an Gottes Freundlichkeit in meinem Leben können eine Hilfe sein, dass dankbares Vertrauen wieder wächst. Menschen haben mich umsorgt, waren mir freundlich zugetan, haben mir geholfen. "Du bist geliebt, fürchte dich nicht" – so wurde mir bei der Taufe zugesprochen und Gottes Gebote sind mir Zeichen und Orientierung auf meinen Wegen.

Geistliche Begleitung in Anspruch nehmen, das Gespräch mit einem Seelsorger, das Aussprechen von Schuld und der Zuspruch der Vergebung, die Gemeinschaft am Tisch des Herrn, die persönliche Segnung – Zeichen und Möglichkeiten, die für mich da sind, um die Liebe Gottes zu spüren. Es ist schon richtig: niemand kann sich seinen Lebensweg aussuchen, aber wichtig könnte es sein, dass wir Begegnungen mit ande- ren Menschen unterwegs zulassen. Christus kennt nicht nur das Ziel unseres Lebens, sondern auch unseren Weg. Er kreuzt unseren Weg und lädt ein aufzustehen und ihm nachzugehen und er ist uns näher, als wir manchmal ahnen – wie folgende Geschichte erzählt:

Ein Mann hatte eines Nachts einen Traum. Er träumte, dass er mit Gott am Strand entlang spazierenging. Am Himmel zogen Szenen aus seinem Leben vorbei, und für jede Szene waren Spuren im Sand zu sehen. Als er auf die Fußspuren im Sand zurückblickte, sah er, dass manchmal nur eine Spur da war. Er bemerkte weiter, dass dies gerade zu Zeiten großer Not und Traurigkeit in seinem Leben so war. Deshalb fragte er den Herrn: "Herr, ich habe bemerkt, dass zu den traurigsten Zeiten meines Lebens nur eine Fußspur zu sehen ist. Du hast aber versprochen, stets bei mir zu sein! Ich verstehe nicht, warum Du mich da, wo ich Dich am nötigsten brauchte, allein gelassen hast." Da antwortete der Herr: "Mein liebes Kind: Ich liebe dich und würde dich niemals verlassen! In den Tagen, an denen du am meisten gelitten hast und mich am nötigsten brauchtest, da, wo du nur die eine Fußspur siehst, das war an den Tagen, da ich dich getragen habe." Amen.

Rektor Hermann Schoenauer
Diakonie Neuendettelsau

Wir beten:
Barmherziger Gott und Vater, deine Güte und Treue sind alle Morgen neu; dafür danke ich dir. Du hast mir Stunden des Glücks geschenkt und ich habe sie selbstverständlich hingenommen. Du hast mich durch Schweres reifen las- sen und ich habe verbittert geseufzt. Schenke mir einen neuen Anfang, dass ich deine Güte und Treue erkenne und dich lobe durch Jesus Christus. Amen.

Lied 361: "Befiehl du deine Wege."

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