Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 38)

"Vergeltung kann nicht das Gebot der Stunde sein"

Wie Kirchenvertreter auf die Terroranschläge in den USA reagierten

Thema 37
 
Kerzen wurden in den Kirchen für die Opfer und die Angehörigen angezündet. (Foto: Nie)
   

Die Kirchen in Bayern reagierten sehr schnell: Nur wenige Stunden nach den Terroranschlägen in New York und Washington gedachten bei einem "Friedensgebet" auf dem Münchner Marienplatz Landesbischof Johannes Friedrich und Kardinal Friedrich Wetter der Opfer. Friedrich bezeichnete die Attentate als "Hölle der Unmenschlichkeit". Noch in der Nacht nach dem Anschlag bat die Landeskirche in einem Rundschreiben an alle Pfarrämter, die Kirchengebäude für Gottesdienste, Gebete und Versammlungen zu öffnen. Mit Kerzen und Gebeten gedachten in den nächsten Tagen in ganz Bayern Menschen bei kirchlichen Veranstaltungen an die Opfer der Terroranschläge.

Bei einer ökumenischen Gedenkstunde in der überfüllten Nürnberger St. Lorenzkirche verband sich das Entsetzen über die Gräueltat mit der Hoffnung, dass Hass und Gewalt nicht das letzte Wort haben. "In den Herzen der Herzen, die so etwas planen, müss ein Abgrund des Bösen sein", sagte der katholische Stadtdekan Theo Kellerer. Auch an die Hintermänner des Terrors wurde bei den Gebeten gedacht: "Gott möge sie aus ihrer Verirrung befreien."

Trost in der Kirche

Viele Menschen suchten Trost in der Kirche. Die Gottesdienste und Friedensgebete wurden zu Orten der Trauer und der Klage über die unfassbaren Ereignisse. Jahrtausende alte Worte der Bibel begannen plötzlich neu zu sprechen, als etwa der Nürnberger Stadtdekan Michael Bammessel aus dem 64. Psalm las "Höre, o Gott, mein lautes Klagen ...". Es klang so, als seien die Worte eigens für den Gedenkgottesdienst geschrieben.

Wie ein roter Faden durchzog der Aufruf zur Besonnenheit die kirchlichen Veranstaltungen. "Vergeltung kann nicht das Gebot der Stunde sein," betonten zahlreiche Kirchenvertreter. Rache und ideologische Parolen dürften jetzt die Entscheidungen der politisch Verantwortlichen nicht diktieren. Immer wieder wurde in den Gottesdiensten und Friedensgebeten die biblische Weisung zitiert: "Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten."

güs/fn/epd


"Mit den Gebeten sind wir bei Euch"

Ihre Solidarität mit ihren amerikanischen Partnern der Upper Susquehanna Synod in Pensylvania haben Vertreter des Kirchenkreises Ansbach-Würzburg ausgedrückt. Noch am Abend des Unglückstages bekundete der Partnerschaftsbeauftragte, Pfarrer Klaus Schlicker (Ansbach) das Mitgefühl der fränkischen Gemeinden. "Mit unseren Gedanken und Gebeten sind wir bei Euch", schrieb Regionalbischof Ernst Bezzel am Morgen nach der Katastrophe. Pastor Bruce Amme, Beauftragter für die Partnerschaft in Pennsylvania antwortete umgehend. Er sprach von "tiefer Dankbarkeit für die Gebete der Christen in Deutschland".

Güs


Radikale missbrauchen die Religion für politische Zwecke

Thema 37
 
Islam-Experte Johannes Triebel. (Foto: güs)
   

Die verheerenden Anschläge in Amerika haben der Diskussion, wie gefährlich und gewalttätig der Islam sei, neu entflammt. Sonntagsblatt Chefredakteur Günter Saalfrank sprach darüber mit dem Islam-Experten Johannes Triebel (Nürnberg). Der promovierte Theologe ist seit letztem Jahr landeskirchlicher Beauftragter für den interreligiösen Dialog und Islamfragen.

Sonntagsblatt: Nach den Anschlägen in New York und Washington hieß es, diese Terrorakte sind Anschläge gegen das Zentrum einer ungläubigen Welt. Was sagen Sie dazu?

Triebel: Sofern hinter den Anschlägen islamische Kräfte stecken sollte, kann man diese Einschätzung verstehen. Vor allem, wenn man daran denkt, dass es radikale islamistische Gruppierungen sind, die in der nicht-islamischen Welt ihre Feinde sehen. Amerika ist da ein Exponent, auch wegen seiner Sympathien für Israel.

Sonntagsblatt: Was ist den radikalen islamistischen Gruppen ein besonderer Dorn im Auge?

Triebel: Ein besonderer Dorn ist die Existenz des Staates Israel und in Verbindung damit die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten, die Israel erfährt. Die extremistischen Kräfte in der islamischen Welt sehen dadurch die Exis-tenz des palästinensischen Volkes bedroht und damit die Freiheit der Araber und Muslime im Nahen Osten eingeschränkt.

Sonntagsblatt: Inwieweit handelt es sich bei den Anschlägen um eine Kriegserklärung radikaler islamischer Gruppen gegen das Christentum?

Triebel: Radikale Kräfte missbrauchen hier die Religion für ihre politischen Anschauungen. Es ist falsch, zu sagen: Der Islam wendet sich hier gegen das Christentum. Sondern es sind Radikale, die versuchen, ihre politischen Interessen durchzusetzen.

Sonntagsblatt: Was sagen Sie zu Stimmen, die schon immer vor der Gewalt und Gefahr des Islam gewarnt haben?

Triebel: Als Gegenbeispiel möchte ich auf Nordirland hinweisen, wo es unter dem Vorzeichen christlicher Religionen und Konfessionen Gewaltanwendung und Auseinandersetzungen gibt. Es ist nicht gerechtfertigt, die Anschläge allgemein dem Islam in die Schuhe zu schieben. Sondern es handelt sich um radikale Kräfte, die es in christlich geprägten Ländern in gleicher Weise geben mag - wenngleich sie bisher noch nicht so brutal aufgetreten sind.

Sonntagsblatt: Welche Auswirkungen sehen Sie durch die Ereignisse in Amerika auf den christlich-islamischen Dialog?

Triebel: Die große Gefahr ist, dass die Ursachen für die Terroranschläge allgemein dem Islam und den Muslimen in die Schuhe geschoben werden und damit alle Bemühungen für ein friedliches Miteinander bei uns und weltweit einen Rückschlag erleiden. Ich vermute, dass auch die Muslime bei uns die Anschläge in gleicher Weise verurteilen wie andere deutsche Staatsbürger.


Neugierig auf Menschen, die glauben


Die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben! Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen.
Lukas 17,5-6

 

Thema 37
 
Edwin Scharff, Marienthaler Kirchentüre (1945-1949/50), Edwin Scharff-Museum, Neu-Ulm (Foto: VG Bild & Kunst)
   

Ich glaube an Gott..." - Das bekennen wir im apostolischen Glaubensbekenntnis. So persönlich formulieren Christen seit dem 5. Jahrhundert ihre innere überzeugung. In dieser Spannung stehen wir täglich: Mein Glaube steht dem Glauben der Christen gegenüber. Manchmal erscheint mir mein Glaube so klein zu sein, dass er im großen Strom des Glaubens durch die Zeiten zu verschwinden droht. Ein andermal paßt er nicht in den Rahmen, der mit dem christlichen Bekenntnis vorgegeben ist. Solche Schwankungen kennen viele Menschen. Dann ist es gut, wenn wir gelernt haben, uns darüber auszutauschen. Die Jünger Jesu hatten den Mut, zu ihrem Herrn und Meister zu sagen: "Unser Glaube braucht Stärkung. Dir trauen wir zu, dass du unserem Glauben neuen Schwung geben kannst." Jesus läßt seine Freunde wissen: Auch das kleinste Körnchen Gottvertrauen bewirkt ungeheuerliches. Auf die Bitte, ihren Glauben zu stärken reagiert er nicht. Der Glaube ist ein Geschenk.

Ich bin neugierig auf Menschen bei denen ich dieses Geschenk finde. Dazu gehört für mich der Maler und Bildhauer Edwin Scharff. Er wird 1887 in Neu-Ulm geboren. Seine Mutter stammte aus Rothenburg ob der Tauber. Er genießt als Katholik eine christliche Kindererziehung. Viele seiner Darstellungen lassen spüren, dass er in der Formensprache der christlichen Kunst des Mittelalters zuhause ist, wie er sie im nahen Ulmer Münster von Kindheit an kennengelernt hat.

In der Nazizeit gelten seine Werke als "entartet". Die Tatsache, dass der Künstler eine Frau mit jüdischen Vorfahren heiratet, bringt ihn zusätzlich in Bedrängnis. Er bangt um das Leben seiner Familie. Er bekommt Berufsverbot. In dieser Situation nimmt er sich vor, eine Kirchentüre aus Bronze zu fertigen und zu stiften, wenn er und seine Familie diese böse Zeit überleben.

Während des Krieges kann er seine Frau auf der Insel Sylt verborgen halten. Er selbst bekommt die Möglichkeit, in einer Farbenfabrik sein Atelier aufzuschlagen. Offiziell probiert er Farben aus. Es entstehen Bilder mit biblischen Themen, unter anderem der Kindermord von Bethlehem. In die biblischen Motive arbeitet er bedrängende, aktuelle Ereignisse ein. Er und seine Familie überleben - wie durch ein Wunder. Noch im Jahre 1945, als der Krieg gerade zu Ende ist, skizziert er die Kirchentüre und schreibt an den Pfarrer von Marienthal, die Bronzetüre solle von "jenem feierlichen Geiste sein, der in alten Türen wie in Pisa, Florenz, Hildesheim und Augsburg ist. Es soll eine heilige Bekenntnistüre werden".

Er stellt die einzelnen Sätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses dar, untereinander verbunden und eingerahmt von einem durchlaufenden Band. Die Türklinke fertigt er in Kreuzform: Wer zu Gott gelangen will, muß das Kreuz ergreifen. In die rechte obere Ecke setzt er das Wort: Amen.

Lassen Sie uns auf die Suche gehen, nach Beispielen gelebten Glaubens durch die Zeiten und auf der ganzen Welt.

Gabriele Burmann
Dekanin in Neu-Ulm

Wir beten:
Heiliger Gott, ich weiß Menschen, die dich suchen und an dich glauben. Dafür danke ich dir. Auch wenn ich sie heute nicht zu Gesicht bekomme, so bin ich doch im Gebet mit ihnen vereint, und so bist du auch heute mitten unter uns. Dafür danke ich dir. Amen

Lied:
EG 645 Ins Wasser fällt ein Stein

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