|
||
|
|
||
|
|
||
"Die Stille ausgehalten"
Es war einer seiner schlimmsten Einsätze, meint der 35-Jährige. "Ich
wusste überhaupt nicht, was ich reden sollte. Ich war einfach da und habe
die Stille ausgehalten", schildert der Seelsorger seine damaligen Gefühle.
Udo Götz ist mit einer ganzen Stelle für die Gemeindearbeit in der Fürther
Christuskirche zuständig. Eine Ausbildung in Sachen Notfallseelsorge kann
er nicht vorweisen: "Das war für mich wie ein Sprung ins kalte Wasser."
Die Fortbildung für seine Einsätze am Unfallort will er im Herbst nachholen.
Seit 1991 existieren in Bayern Notfallseelsorge-Systeme, über die zu
jeder Zeit Hilfe zu Notfällen gerufen werden kann. Die ersten Einrichtungen
wurden in den Landkreisen Kronach und Erlangen/Höchstadt aufgebaut. Sie
sind dabei stets auf ein lebhaftes Interesse in den Medien und auf ein
unterschiedliches Echo unter den Geistlichen gestoßen. Immer wieder wird
auf Pfarrkonferenzen und -konventen über Sinn und Unsinn einer kirchlichen
Beteiligung gestritten. "Das Problem ist, dass viele Seelsorger nicht
noch mit einer weiteren Aufgabe belastet werden wollen", unterstreicht
Udo Götz. Regelmäßig habe er deshalb überzeugungsarbeit zu leisten, damit
sich die PfarrerInnen auf seinem Notfall-Jahreseinsatzplan eintragen.
Gegenargumente gibt es viele. "Wir sind für diese Aufgabe nicht ausgebildet",
sagen die einen. "Ich mache das nur, wenn ich dafür im Religions- oder
Konfirmandenunterricht entlastet werde", betonen die anderen. Schließlich
könne es nicht angehen, dass "Christen immer im Dienst seien". Problematisch
ist auch, dass zahlreiche Pfarrer gar nicht in ihrer Gemeinde wohnen oder
abends als Schutz vor außerdienstlichen Störungen den Anrufbeantworter
einschalten.
"Welches Bild von Kirche bieten wir hier den volkskirchlich distanzierten
Gemeindegliedern" fragt deshalb Hans-Eberhard Rückert in einem Zeitungsartikel
nicht ganz zu Unrecht. Bis vor kurzem lenkte er im Teildienst die Geschicke
der Notfallseelsorge im Dekanat Nürnberg. Diese Stelle soll nun im Herbst
neu besetzt werden. Ein Diakon, dem sie ans Herz gelegt wurde, winkt erst
einmal ab: "Soll ich den ganzen Tag damit beschäftigt sein, die Pfarrer
zur Mitarbeit zu überreden?"
Hanjo von Wietersheim, landeskirchlicher Beauftragter für die Notfallseelsorge
und die Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdiensten in Wiesenbronn, kennt
die Sorge der Seelsorger. Das Leben mit dem Piepser oder dem Handy sei
für viele einfach ungewohnt und unangenehm. Viele wüssten nicht, wie sie
damit umgehen sollen. "Bei manchen führt das sogar zu Schlafstörungen",
berichtet der 43-Jährige. Als Zweites nennt er den Umgang mit angstbesetzten
Situationen, die Konfrontation mit akut trauernden Menschen: Das erfordere
eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, der persönlichen
Trauer und Verwundbarkeit.
An dieser Stelle werde auch ein Mangel in der theologischen Ausbildung
deutlich: "Was derzeit an den Predigerseminaren gemacht wird, scheint
nicht auszureichen", sagt von Wietersheim. Es könne nicht angehen, "dass
jemand Pfarrer wird, der noch nie zuvor einen Toten gesehen hat". Es sollte
also schon bei der Vorbereitung auf den Pfarrberuf dazugehören, "zum Beispiel
einen Bestatter zu besuchen und mit ihm zu sprechen", rät er.
Die Leiter der Predigerseminare betonten: "Bei uns wird Seelsorge beispielhaft
im Krankenhaus gelernt. Alles Weitere muss die Praxis bringen." Hanjo
von Wietersheim lässt solche Ausflüchte nicht gelten: "Bestimmte Situationen
kann man nicht beispielhaft lernen, die muss man de facto durchgemacht
haben!" Immerhin zeige sich: Wer einen oder zwei Einsätze hinter sich
habe, für den sei das Ganze keine Frage mehr. "Die meisten sagen, dass
es eine wertvolle Erfahrung für sie war."
Wie sieht sie also aus, die "Notfallseelsorge für die Notfallseelsorge"?
Wie ist der Sinn dieser kirchlichen Betreuung in Krisensituationen den
Geistlichen besser zu vermitteln? Sicherlich durch Aufklärung. Wer weiß
schon genau, welche Aufgaben damit tatsächlich verbunden sind? "Bei rund
80 Prozent aller Einsätze handelt es sich um normale seelsorgerliche Tätigkeiten
im häuslichen Bereich" unterstreicht von Wietersheim. Bei Verkehrsunfällen
oder Wohnhausbränden sollen natürlich möglichst die Beauftragten für Notfallseelsorge
hinzugezogen werden.
Präsenzpflicht neu beleben
"Wir müssen auf jeden Fall ein Verständnis dafür wecken, dass wir als
Kirche erreichbar sein müssen", sagt der 43-Jährige. Und: "Die Präsenzpflicht,
also die Anwesenheit des Pfarrers vor Ort, ist wieder mit Leben zu füllen"
allerdings angepasst an heutige Lebensgewohnheiten und an die Möglichkeiten
der Technik.
Ob das funktioniert, wird der neue "halbe Pfarrer" in Nürnberg unter
Beweis stellen müssen. Erfolg versprechend ist jedenfalls die Tatsache,
dass auch die katholische Kirche einen "50-Prozent-Priester" für diese
Aufgabe zur Verfügung stellt. Auf eines dürfe aber laut Wietersheim nicht
verzichtet werden: die örtlichen Pfarrer in dieses System mit einzubinden,
"sonst sind die beiden heillos überfordert".
Von einem ist der Nürnberger Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin jedenfalls
überzeugt: "Das Vorurteil, dass Seelsorger heutzutage nur noch Dienst
nach Vorschrift machen und mehr als acht Stunden nicht drin ist, stimmt
nicht." Das Problem sei die Unsicherheit auf dem Gebiet der Notfallseelsorge.
"Das ist ein schwieriges Feld." Er könne das Gejammer seitens der Sonderbeauftragten
nicht mehr hören: "Jeder sieht nur seinen Arbeitsbereich und hält ihn
für den Kosmos."
Günter Kusch
Foto: privat
Und er wandte sich zu der Frau und
sprach zu (dem Pharisäer) Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus
gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat
meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Deshalb sage
ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt;
wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich mag diesen Simon. Es bringt
ja gar nichts, ihn und seine Gedanken zu hassen. Schließlich ist dieser
Pharisäer ja auch ein Teil von mir. Schließlich sitzt Jesus ja nicht nur
mit Zachäus, sondern auch mit Simon an einem Tisch. Und weiß sehr wohl,
was der denkt, auch wenn er vornehm schweigt. Jesus weiß sehr wohl, dass
sein Nerv getroffen ist, auch wenn er nichts sagt. Das Verhalten der Frau
rührt in Simon mehr an, als Fragen nach dem guten Geschmack. Das Verhalten
der Frau ist Simon sozusagen mehr als peinlich. Es trifft genau den Nerv
seines Glaubens. Es trifft den Nerv der Frage: Wer bin ich vor Gott? Auf
welcher Seite stehe ich? Bin ich gut oder schlecht? Bin ich Gott nah oder
fern? Es zeigt uns Simon als einen bis in die Tiefen seines Glaubens hinein
nur mit sich selbst beschäftigten Menschen.
Was für ein Verhängnis! Da plagt man sich mit den letzten Fragen ab nach
Gott und der Welt. Da führt man vielleicht ein frommes und anständiges
Leben, das allerlei soziale und diakonische Wohltaten für andere Menschen
aufzuweisen hat. Da ist man vielleicht einer, der weise und überzeugende
Reden führen kann, die allgemeinen Beifall finden und manchen auf den
rechten Weg bringen und hat sich doch sein Leben lang mit nichts anderem
beschäftigt als mit sich selbst. Und war doch von nichts anderem angetrieben,
als von der Angst um sich selbst. Was für ein Verhängnis!
Erlösung, das wäre Entlastung von der Sorge um sich selbst, das wäre
die Freiheit sich dahinfahren zu lassen, sich gehen zu lassen. Erlösung,
das wäre die Fähigkeit in einem anderen aufzugehen, um sich so neu zu
gewinnen. So wie diese Frau das kann. Sie ist das Bild eines erlösten
Menschen. Und das, was sie weint, sind nicht Tränen der Reue, sind nicht
Tränen der Not. Es sind Tränen der Freude. Diese Frau feiert. Diese Frau
liebt: Selbstvergessen, endlich sich selbst aus der Hand geglitten; nicht
länger mehr kontrolliert durch die Meinung der anderen und die eigene
moralische Nabelschau. Spontan sein, das geht nur so. Und glücklich sein
auch. Gott sei Dank. Wer so sich selbst entkommen ist, hat gar keine Lust
mehr, andere auf sich selbst und ihre Sünden festzunageln. So wie der
Pharisäer Simon das tut, der Jesus kein Wasser für die Füße gegeben hat,
geschweige denn Tränen. Der Jesus keinen Kuss gegeben hat und kein Parfüm
für die Haare. Tja, Simon, sagt Jesus zu ihm, wem wenig vergeben ist,
der liebt auch wenig. So mickrig ist und bleibt deine moralische Spitzenexistenz.
Armer einsamer intakter Simon. Wie lange willst du dir da in dieser Hinsicht
noch etwas vormachen?
Ich denke: Ach, Simon, wenn ich ehrlich bin, bist du ein Teil von mir
und ich höre dich reden aus den Worten von Menschen, mit denen ich lebe.
Aber wenn Jesus dieser Frau Recht gibt, wie sollte ich da Gottes Güte
nicht recht geben? Wie sollten wir da unser Leben dieser Güte und Liebe
nicht anvertrauen? Wir dürfen die Angst um uns selbst loslassen, um uns
in ihm neu zu finden. Nicht länger festgenagelt auf das Urteil über uns
und das Urteil, das andere über uns fällen, sondern als freie Menschen,
deren Leben jede Minute in Gott ruht, in der himmlischen Extravaganz seiner
Liebe.
Pfarrer Johannes Taig, Hof
Wir beten: Lieber Herr Jesus Christus, wie oft sind wir nur mit uns selbst
beschäftigt. Wir drehen uns um uns selbst und werden taub für die guten
Worte, die du für uns und für andere hast. Darum bitten wir dich: öffne
unsere Ohren, damit wir dein Wort hören und deiner Güte mehr trauen, als
unseren Urteilen und Vorurteilen. Mach uns zu Menschen, die es wagen,
aus deiner Gnade zu leben. Amen.
Lied 428: "Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben."
Foto: Wodicka
|
|
|
|
|
|
|