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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 34)

Als Kirche stets in Rufweite sein

Warum sich Seelsorger mit der Notfallseelsorge manchmal schwer tun

Thema 34 Es passiert nachts um drei Uhr. Zwei Jungs, die sich bei einer Party vergnügt haben, düsen mit ihrem Mofa noch kurz zum nächsten Zigarettenautomaten. Sie merken nicht, dass sie zu schnell unterwegs sind. Zu rasant für die Kurve, die auf Grund der Dunkelheit kaum zu sehen ist. Das Zweirad gerät ins Schleudern. Der Beifahrer, gerade einmal 16 Jahre alt, stürzt gegen die Leitplanke und bricht sich das Genick. Kurze Zeit später klingelt bei Udo Götz das Handy. Der Pfarrer, der seit einem Jahr als Sonderbeauftragter für die Notfallseelsorge im Dekanat Fürth verantwortlich ist, muss sofort an die Unfallstelle. "Anschließend fuhr ich zur Familie des Jungen, um ihnen die Todesnachricht zu überbringen", erzählt er.

"Die Stille ausgehalten"

Es war einer seiner schlimmsten Einsätze, meint der 35-Jährige. "Ich wusste überhaupt nicht, was ich reden sollte. Ich war einfach da und habe die Stille ausgehalten", schildert der Seelsorger seine damaligen Gefühle. Udo Götz ist mit einer ganzen Stelle für die Gemeindearbeit in der Fürther Christuskirche zuständig. Eine Ausbildung in Sachen Notfallseelsorge kann er nicht vorweisen: "Das war für mich wie ein Sprung ins kalte Wasser." Die Fortbildung für seine Einsätze am Unfallort will er im Herbst nachholen.

Seit 1991 existieren in Bayern Notfallseelsorge-Systeme, über die zu jeder Zeit Hilfe zu Notfällen gerufen werden kann. Die ersten Einrichtungen wurden in den Landkreisen Kronach und Erlangen/Höchstadt aufgebaut. Sie sind dabei stets auf ein lebhaftes Interesse in den Medien und auf ein unterschiedliches Echo unter den Geistlichen gestoßen. Immer wieder wird auf Pfarrkonferenzen und -konventen über Sinn und Unsinn einer kirchlichen Beteiligung gestritten. "Das Problem ist, dass viele Seelsorger nicht noch mit einer weiteren Aufgabe belastet werden wollen", unterstreicht Udo Götz. Regelmäßig habe er deshalb überzeugungsarbeit zu leisten, damit sich die PfarrerInnen auf seinem Notfall-Jahreseinsatzplan eintragen.

Gegenargumente gibt es viele. "Wir sind für diese Aufgabe nicht ausgebildet", sagen die einen. "Ich mache das nur, wenn ich dafür im Religions- oder Konfirmandenunterricht entlastet werde", betonen die anderen. Schließlich könne es nicht angehen, dass "Christen immer im Dienst seien". Problematisch ist auch, dass zahlreiche Pfarrer gar nicht in ihrer Gemeinde wohnen oder abends – als Schutz vor außerdienstlichen Störungen – den Anrufbeantworter einschalten.

"Welches Bild von Kirche bieten wir hier den volkskirchlich distanzierten Gemeindegliedern" fragt deshalb Hans-Eberhard Rückert in einem Zeitungsartikel nicht ganz zu Unrecht. Bis vor kurzem lenkte er im Teildienst die Geschicke der Notfallseelsorge im Dekanat Nürnberg. Diese Stelle soll nun im Herbst neu besetzt werden. Ein Diakon, dem sie ans Herz gelegt wurde, winkt erst einmal ab: "Soll ich den ganzen Tag damit beschäftigt sein, die Pfarrer zur Mitarbeit zu überreden?"

Hanjo von Wietersheim, landeskirchlicher Beauftragter für die Notfallseelsorge und die Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdiensten in Wiesenbronn, kennt die Sorge der Seelsorger. Das Leben mit dem Piepser oder dem Handy sei für viele einfach ungewohnt und unangenehm. Viele wüssten nicht, wie sie damit umgehen sollen. "Bei manchen führt das sogar zu Schlafstörungen", berichtet der 43-Jährige. Als Zweites nennt er den Umgang mit angstbesetzten Situationen, die Konfrontation mit akut trauernden Menschen: Das erfordere eine Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit, der persönlichen Trauer und Verwundbarkeit.

An dieser Stelle werde auch ein Mangel in der theologischen Ausbildung deutlich: "Was derzeit an den Predigerseminaren gemacht wird, scheint nicht auszureichen", sagt von Wietersheim. Es könne nicht angehen, "dass jemand Pfarrer wird, der noch nie zuvor einen Toten gesehen hat". Es sollte also schon bei der Vorbereitung auf den Pfarrberuf dazugehören, "zum Beispiel einen Bestatter zu besuchen und mit ihm zu sprechen", rät er.

Die Leiter der Predigerseminare betonten: "Bei uns wird Seelsorge beispielhaft im Krankenhaus gelernt. Alles Weitere muss die Praxis bringen." Hanjo von Wietersheim lässt solche Ausflüchte nicht gelten: "Bestimmte Situationen kann man nicht beispielhaft lernen, die muss man de facto durchgemacht haben!" Immerhin zeige sich: Wer einen oder zwei Einsätze hinter sich habe, für den sei das Ganze keine Frage mehr. "Die meisten sagen, dass es eine wertvolle Erfahrung für sie war."

Wie sieht sie also aus, die "Notfallseelsorge für die Notfallseelsorge"? Wie ist der Sinn dieser kirchlichen Betreuung in Krisensituationen den Geistlichen besser zu vermitteln? Sicherlich durch Aufklärung. Wer weiß schon genau, welche Aufgaben damit tatsächlich verbunden sind? "Bei rund 80 Prozent aller Einsätze handelt es sich um normale seelsorgerliche Tätigkeiten im häuslichen Bereich" unterstreicht von Wietersheim. Bei Verkehrsunfällen oder Wohnhausbränden sollen natürlich möglichst die Beauftragten für Notfallseelsorge hinzugezogen werden.

Präsenzpflicht neu beleben

"Wir müssen auf jeden Fall ein Verständnis dafür wecken, dass wir als Kirche erreichbar sein müssen", sagt der 43-Jährige. Und: "Die Präsenzpflicht, also die Anwesenheit des Pfarrers vor Ort, ist wieder mit Leben zu füllen" – allerdings angepasst an heutige Lebensgewohnheiten und an die Möglichkeiten der Technik.

Ob das funktioniert, wird der neue "halbe Pfarrer" in Nürnberg unter Beweis stellen müssen. Erfolg versprechend ist jedenfalls die Tatsache, dass auch die katholische Kirche einen "50-Prozent-Priester" für diese Aufgabe zur Verfügung stellt. Auf eines dürfe aber laut Wietersheim nicht verzichtet werden: die örtlichen Pfarrer in dieses System mit einzubinden, "sonst sind die beiden heillos überfordert".

Von einem ist der Nürnberger Regionalbischof Karl-Heinz Röhlin jedenfalls überzeugt: "Das Vorurteil, dass Seelsorger heutzutage nur noch Dienst nach Vorschrift machen und mehr als acht Stunden nicht drin ist, stimmt nicht." Das Problem sei die Unsicherheit auf dem Gebiet der Notfallseelsorge. "Das ist ein schwieriges Feld." Er könne das Gejammer seitens der Sonderbeauftragten nicht mehr hören: "Jeder sieht nur seinen Arbeitsbereich und hält ihn für den Kosmos."

Günter Kusch

Foto: privat


Erlösung als Entlastung von der Sorge um sich selbst

Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu (dem Pharisäer) Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.
Lukas 7, Verse 44, 47

Andacht 34 Eine nicht unumstrittene Geschichte ist das, von der "Sünderin", die Jesus sehr nahe kommt und dem Pharisäer Simon, dem das mehr als peinlich ist. Nur ganz groben Klötzen mögen die erotischen Momente im Handeln dieser Frau entgehen. Simon entgeht das nicht. Immerhin reißt er nicht gleich entrüstet den Mund auf, sondern schweigt vornehm und denkt sich seinen Teil: Mein Gott, selbst bevor ich zum Glauben kam war ich nicht halb so unmöglich, wie die...

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich mag diesen Simon. Es bringt ja gar nichts, ihn und seine Gedanken zu hassen. Schließlich ist dieser Pharisäer ja auch ein Teil von mir. Schließlich sitzt Jesus ja nicht nur mit Zachäus, sondern auch mit Simon an einem Tisch. Und weiß sehr wohl, was der denkt, auch wenn er vornehm schweigt. Jesus weiß sehr wohl, dass sein Nerv getroffen ist, auch wenn er nichts sagt. Das Verhalten der Frau rührt in Simon mehr an, als Fragen nach dem guten Geschmack. Das Verhalten der Frau ist Simon sozusagen mehr als peinlich. Es trifft genau den Nerv seines Glaubens. Es trifft den Nerv der Frage: Wer bin ich vor Gott? Auf welcher Seite stehe ich? Bin ich gut oder schlecht? Bin ich Gott nah oder fern? Es zeigt uns Simon als einen bis in die Tiefen seines Glaubens hinein nur mit sich selbst beschäftigten Menschen.

Was für ein Verhängnis! Da plagt man sich mit den letzten Fragen ab nach Gott und der Welt. Da führt man vielleicht ein frommes und anständiges Leben, das allerlei soziale und diakonische Wohltaten für andere Menschen aufzuweisen hat. Da ist man vielleicht einer, der weise und überzeugende Reden führen kann, die allgemeinen Beifall finden und manchen auf den rechten Weg bringen – und hat sich doch sein Leben lang mit nichts anderem beschäftigt als mit sich selbst. Und war doch von nichts anderem angetrieben, als von der Angst um sich selbst. Was für ein Verhängnis!

Erlösung, das wäre Entlastung von der Sorge um sich selbst, das wäre die Freiheit sich dahinfahren zu lassen, sich gehen zu lassen. Erlösung, das wäre die Fähigkeit in einem anderen aufzugehen, um sich so neu zu gewinnen. So wie diese Frau das kann. Sie ist das Bild eines erlösten Menschen. Und das, was sie weint, sind nicht Tränen der Reue, sind nicht Tränen der Not. Es sind Tränen der Freude. Diese Frau feiert. Diese Frau liebt: Selbstvergessen, endlich sich selbst aus der Hand geglitten; nicht länger mehr kontrolliert durch die Meinung der anderen und die eigene moralische Nabelschau. Spontan sein, das geht nur so. Und glücklich sein auch. Gott sei Dank. Wer so sich selbst entkommen ist, hat gar keine Lust mehr, andere auf sich selbst und ihre Sünden festzunageln. So wie der Pharisäer Simon das tut, der Jesus kein Wasser für die Füße gegeben hat, geschweige denn Tränen. Der Jesus keinen Kuss gegeben hat und kein Parfüm für die Haare. Tja, Simon, sagt Jesus zu ihm, wem wenig vergeben ist, der liebt auch wenig. So mickrig ist und bleibt deine moralische Spitzenexistenz. Armer einsamer intakter Simon. Wie lange willst du dir da in dieser Hinsicht noch etwas vormachen?

Ich denke: Ach, Simon, wenn ich ehrlich bin, bist du ein Teil von mir und ich höre dich reden aus den Worten von Menschen, mit denen ich lebe. Aber wenn Jesus dieser Frau Recht gibt, wie sollte ich da Gottes Güte nicht recht geben? Wie sollten wir da unser Leben dieser Güte und Liebe nicht anvertrauen? Wir dürfen die Angst um uns selbst loslassen, um uns in ihm neu zu finden. Nicht länger festgenagelt auf das Urteil über uns und das Urteil, das andere über uns fällen, sondern als freie Menschen, deren Leben jede Minute in Gott ruht, in der himmlischen Extravaganz seiner Liebe.

Pfarrer Johannes Taig, Hof

Wir beten: Lieber Herr Jesus Christus, wie oft sind wir nur mit uns selbst beschäftigt. Wir drehen uns um uns selbst und werden taub für die guten Worte, die du für uns und für andere hast. Darum bitten wir dich: öffne unsere Ohren, damit wir dein Wort hören und deiner Güte mehr trauen, als unseren Urteilen und Vorurteilen. Mach uns zu Menschen, die es wagen, aus deiner Gnade zu leben. Amen.

Lied 428: "Komm in unsre stolze Welt, Herr, mit deiner Liebe Werben."

Foto: Wodicka

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