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Intellektuelle Elite
Die Anfänge der Auswanderungsbewegung palästinensischer Christen
liegen in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Vor allem die Armut
trieb Christen dazu, in der "Neuen Welt" ihr Glück zu suchen. Da
die christliche Minderheit in der arabischen Gesellschaft des britischen
Mandatsgebiets Palästina in der Mittel- und Oberschicht angesiedelt
waren, stand ihnen diese Option offen. Bis heute gehören viele Christen
zur kulturellen und intellektuellen Elite. Sie sind finanziell besser
gestellt, haben bessere Verbindungen ins westliche Ausland und einen höheren
Bildungsstandard als ihre moslemischen Volksgenossen.
Durch den Befreiungskrieg des Staates Israel 1948 wurden 50.772 Christen
zu Flüchtlingen, 35 Prozent der christlichen Bevölkerung Palästinas.
Im Gegensatz zu den Moslems hatten viele von ihnen Verwandte in Amerika
und mußten sich deshalb nicht in Flüchtlingslagern zusammenpferchen
lassen. Aus dem Gebiet des jungen Staates Israel strömte eine beträchtliche
Zahl von moslemischen Flüchtlingen in ursprünglich christliche
Städte wie Ramallah oder Bethlehem und Beit Jala. Das beeinflußte
die soziale Struktur in diesen Gebieten entscheidend. Außerdem macht
sich die vergleichsweise niedrige Geburtenrate der Christen bemerkbar.
1967 wurde das Westjordanland von Israel besetzt. In den letzten zwanzig
Jahren ist wieder eine verstärkte Abwanderung von Christen aus den
palästinensischen Gebieten zu verzeichnen. Christliche Vertreter
aus dem gesamten Spektrum der palästinensischen Gesellschaft sind
sich darin einig, dass dies vor allem auf die instabile politische und
wirtschaftliche Situation zurückzuführen ist. "Der Hauptgrund
ist der Konflikt mit Israel, daß wir seit 60 Jahren keinen Frieden
haben" erklärt der Direktor des evangelikalen "Bethlehem Bible College",
Bishara Awad.
Dem widerspricht der in den USA lebende Exillibanese Walid Phares. Aufgrund
seiner Erfahrung im Libanon statiert der maronitische Christ: "Die Christen
verlassen ihre Heimat wegen des islamischen Fundamentalismus." Ein Problem
ist allerdings, dass immer mehr Moslems in christliche Wohngebiete ziehen.
Bei Land- und Immobilienkäufen erweisen sich die sonst materiell
weniger gut gestellten moslemischen Mitbürger plötzlich als
äußerst kaufkräftig.
Verfolgung von Christen?
1997 warfen die christlich-zionistische Internationale Christliche Botschaft
in Jerusalem (ICEJ) und das Büro des israelischen Ministerpräsidenten
Netanjahu der Palästenischen Autonomiebehörde vor, Moslems,
die sich zum Christentum bekehrt hatten, einzuschüchtern, zu verhaften
und zu foltern. Als die amerikanische Presse darüber berichtete,
reagierte die Palästinensische Autonomie mit einer Stellungnahme,
die betonte, dass die Freiheit der Religionsausübung und der religiösen
überzeugung palästinensischer Moslems, Christen und Juden geschützt
sei.
Bischof Munib A. Younan von der evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien
hat seinen Amtssitz in Jerusalem und ist für die evangelisch-lutherischen
Christen in den Automiegebieten verantwortlich. Er meint: "Wenn Verfolgung
bedeutet, dass ich nicht als Christ leben darf, dass meine Predigten kontrolliert
werden, dann gibt keine Christenverfolgung, weder in Israel, noch in der
palästensischen Autonomie." Dieser Einschätzung folgen viele
Christen.
Für Bischof Munib Younan steckt "unsere christliche Identität
in einer Krise". "Wir sind zu Fremden geworden," meint der Kirchenführer,
dessen Familie ursprünglich aus dem heute israelischen Beer Scheva
stammt. Auch der Leiter des palästenischen Zweiges der Bibelgesellschaft,
Labib Madanat benennt das Minderheitensyndrom als "Grundproblem palästinensischer
Christen. Allerdings sieht er einen Fehler in der überbetonung ihrer
palästinensischen Identität: "Wir müssen lernen, nicht
Jesus in unserer nationalen Identitätssuche unterzubringen, sondern
unsere Identität in Christus zu suchen."
Johannes Gerloff
Schlimme Lage
Extrem verschärft hat sich die Lage der palästenischen Christen
durch die im September letzten Jahres ausgebrochenen Unruhen zwischen
Israelis und Palästinensern. Weil die Touristen ausbleiben, fehlt
den christlichen Gemeinden eine wichtige Einnahmequelle. Die Gemeinden
wissen nicht, wie sie ihre Einrichtungen (zum Beispiel die Schulen) finanzieren
sollen. Zudem sind die Christen nach außen hin isoliert. Sie dürfen
wie auch alle anderen Palästenser die Autonomiegebiete
nicht mehr verlassen. Israel hat eine Einreisesperre verhängt.
Obwohl sich palästensische Christen mit ihren Landsleuten solidarisch
zeigen, werden sie von PLO-Aktivisten als Israelfreunde abgestempelt.
Christen werden öffentlich angeprangert, sich im Aufstand gegen Israel
zurückzuhalten. Neben der äußeren Isolation droht eine
innere. Beträchtlich sind Schäden, die durch die Unruhen an
Häusern angerichtet wurden. "Bethlehem, das stärkste Symbol
des Christentums wird buchstäblich in Stücke zerrissen", beklagen
Palästinenser. Christlich arabische Dörfer wie Beit Jala waren
Zielscheibe von Angriffen.
Güs
Foto: kil
Jesus
Christus spricht: "Das Heil kommt von den Juden. Aber es kommt die Zeit
und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden
im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter
haben. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist
und in der Wahrheit anbeten." (Joh. 4, 22b 24)
Immer noch trauern um Jerusalem? Mehr und mehr wurde diese damalige Katastrophe
als warnendes Beispiel für die Christenheit verstanden und als
gerechtes Gottesgericht über die Juden. War es nicht allzu deutlich, dass
das Judentum eine gescheiterte und überholte Religion war, dem Christentum
weit unterlegen? Aus dieser Geringschätzung erwuchs entsetzliches Leid
für das jüdische Volk bis in unsere jüngste Zeit. Wie konnten wir
vergessen: Jesus Christus stammt aus diesem Volk!
Jesus aus Nazareth war nicht der
erste Christ. Jesus war Jude. Durch ihn sind wir als Christen mit dem
Gott Israels verbunden, dem Vater Jesu Christi und dem Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs. Durch ihn haben wir Zugang zur Geschichte Gottes mit
seinem Volk. Durch ihn sind wir hineingewachsen in den Glauben Israels.
Da ist jenes Wort Jesu aus dem Evangelium an eine fragende und suchende
Frau gerichtet: "Das Heil kommt von den Juden" (Vers 22) So ist es die
hoffnungsvolle Erwartung der Propheten. In dem wundervollen Gespräch des
Juden Jesus mit einer samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen in der Nähe
der heutigen Stadt Nablus geht es um Lebens- und Glaubenswege. Vieles
wird angesprochen, manches bleibt unausgesprochen. Die unbekannte Frau
erfährt von Jesus viel über sich selbst und über ihn. Ein Prophet ist
er! Er wird auch die Antwort auf die uralte Frage wissen: Wo wird Gott
in der richtigen Weise angebetet, auf dem Berg Garizim oder in Jerusalem?
Wer hat die richtige Religion, die Samaritaner oder die Juden?
Die Antwort ist deutlich: "Das Heil kommt von den Juden". Dann spielt
die Frage des Ortes keine Rolle mehr. Wo Gott in die Welt eintritt und
auf die Menschen zugeht, dort will er auch gefunden und angebetet werden.
Das Evangelium lässt keinen Zweifel daran, dass es von Jesus Christus
spricht. "Ich bin's, der mit dir redet".
Juden sehen das nicht so. Doch sie sind mit Christen
im Glauben an den einen Gott, den Schöpfer Himmels und der Erde verbunden.
In einer Stellungnahme jüdischer Gelehrter aus jüngster Zeit heißt es:
"Der nach menschlichem Ermessen unüberwindbare Unterschied zwischen Juden
und Christen wird nicht eher ausgeräumt werden, bis Gott die gesamte Welt
erlösen wird..." Bis dahin ist viel Zeit und Gelegenheit sich näher zu
kommen, aufeinander zu hören und voneinander zu lernen, Der "Israel-Sonntag",
so der neue Name, will nicht nur an Vergangenes erinnern. Er möchte Zukunft
aufschließen, einladen die gemeinsame Verantwortung füreinander und für
die Welt Gottes wahrzunehmen.
Der Israel-Sonntag ruft uns insbesondere
auf, um Frieden und Versöhnung zu beten für die Menschen, die im Heiligen
Land leben, Israelis und Palästinenser, Juden, Moslems und Christen. Vielleicht
kommt es doch wieder zu Brunnengesprächen zwischen scheinbar Fremden,
die ihren gemeinsamen Durst entdecken und dem anderen das Wasser reichen.
Regionalbischof
Gebet: Treuer Gott,
in Jesus bist du Mensch geworden, inmitten des jüdischen Volkes, zum Heil
der Welt. Deine Treue verbindet Christen und Juden. Wir bitten dich: stärke
alle Kräfte, die sich für das gemeinsame Leben aller und für den Frieden
im Heiligen Land einsetzen. Dich wollen wir loben in Ewigkeit. Amen.
Lied
290: "Nun danket Gott, erhebt und preiset..."
Foto: Kusch
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