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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 30)

Das Erlebnis der Berge

Wie sich die Maße von Raum und Zeit verändern

Thema 30
Im Urlaub zieht es viele Menschen ans Meer oder ins Gebirge. Sie entfliehen ihrer künstlichen Umwelt und kehren in die ursprüngliche Natur zurück. Offensichtlich brauchen sie es von Zeit zu Zeit, aus den lauten Anforderungen des Alltags in die Stille der Freizeit, aus den komplizierten Aufgaben des Berufs in das elementare, einfache Leben zu kommen. Solche elementaren Erlebnisse vermittelt sowohl das Schwimmen im Meer als auch das Besteigen der Berge.
Otto Haendler, ein bekannter Theologe, hat einmal gesagt: "Berge sind nicht nur schön, sondern sie ordnen auch die Seele." Diese ordnende Kraft erfährt, wer eine Bergwanderung unternimmt. Zunächst führt einen der Weg durch hohe Wälder, wie sie an den unteren Hängen der meisten Berge anzutreffen sind. An der körperlichen Anstrengung ist zu spüren, wie steil der Aufstieg ist. In Serpentinen gewinnt man langsam an Höhe. Allmählich wird der Wald lichter, die Bäume werden niedriger und gehen schließlich in Knieholz über, das sich flach an den Boden hinduckt. Nun liegt die Waldgrenze hinter einem und gibt den Blick frei auf den Felskegel, auf dessen Spitze ein Kreuz steht. Ein schmaler, steiler Pfad führt zur Felsspitze empor. Beherzt (und vielleicht auch ein wenig ängstlich) erklimmt man die Höhe. Oben angekommen, sucht man den Schutz des Kreuzes. Es ist gut, sich am Stamm des Kreuzes festzuhalten. Gehalten vom Kreuz kann man in die schwindelerregenden Abgründe hinabsehen, die sich unter einem auftun. Ohne diesen Halt würde es einen mit Macht in die Tiefe hinabziehen.

Unmerklicher Wandel

Beim Blick in die unter einem liegenden Täler und Ortschaften vollzieht sich ein unmerklicher Wandel, eine stille Umwertung aller Werte. Die Raummaße verändern sich. Was einem unten groß und gewaltig erschien und den ganzen Blick gefangen nahm, sieht von hier oben klein und winzig aus. Und was man unten kaum wahrnahm (zum Beispiel die Wege, die durch die Felder gehen), wird wichtig und bedeutungsvoll.
Was man beim Besteigen eines Berges erlebt, ist auch für die Bewältigung des Alltags hilfreich. Es ist gut, von Zeit zu Zeit über den Dingen zu stehen und einen Überblick über die gestellten Aufgaben zu gewinnen. Viele der selbstverständlichen Pflichten sind aus dem Abstand gesehen gar nicht so selbstverständlich und viele übersehenen Pflichten fallen verpflichtend ins Auge. Durch eine solche Neuordnung der Pflichten bekommt das Leben ein anderes Profil: An der einen Stelle werden Aufgaben zurückgenommen, an der anderen neue entdeckt. Insgesamt aber entsteht dadurch ein Leben mit weniger Hektik, aber mit mehr Verantwortung für die wirklich wichtigen Dinge.
Im Gebirge verändern sich aber nicht nur die Raummaße, sondern auch die Zeitmaße. In den Bergen gehen die Uhren anders. Während man in einem Menschenleben mit Jahren und Jahrzehnten rechnet (acht Jahrzehnte sind schon eine lange Lebenszeit), rechnet man in den Bergen in Jahrtausenden und Jahrmillionen. Es hat lange Zeiträume beansprucht, bis sich die Berge in gewaltigen tektonischen Bewegungen zu ihrer heutigen Gestalt auffalteten oder durch große Vulkanausbrüche bildeten.
Meeresboden auf zweitausend Meter Höhe - das weist auf sehr lange Prozesse hin. Wie lange hat es gedauert, bis das Gestein verwitterte und sich die Berge begrünten und bewaldeten. Vor diesen Prozessen werden die Maße der Menschheitsgeschichte oder gar des persönlichen Lebens sehr klein. Es ist für jeden wichtig, dass seine Maße ab und zu zurechtgerückt werden. Gott, "tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist", heißt es im 90. Psalm (Psalm 90, 4).

Wunder der Schöpfung

Die Flora ist in den Bergen besonders vielgestaltig. Hier leben die Pflan-zen kürzer, aber intensiver. Die Farben der Blumen sind auf den Höhen stärker und leuchtender als in den Tä-lern. Überwältigend ist die Fülle ihrer Formen und Farben. Wer eine Almwiese betrachtet, hat das Wunder der Schöpfung vor sich ausgebreitet.
In den Bergen wird das Leben vor härtere Herausforderungen gestellt als in der Ebene. Mancher Baum, der hier oben wächst, erzählt seine Geschichte. In seiner unverwechselbaren Gestalt bringt er zum Ausdruck, was er erlebt und erlitten hat. Sein Bild kann sich einem tief einprägen. Er zeigt, wie er trotz Wetter und Sturm seinem inneren Gesetz treu geblieben ist. Seine Zweige und Äste sind zerzaust von Sturm und Wind, auf der Wetterseite sind sie ganz abgeschlagen, aber trotzdem hat er durchgehalten. Weil er nur wenig Boden hat, sind seine Wurzeln festgekrallt in den Felsspalten. So sind auch manche Menschenschicksale, auf die sich nur mit Ehrfurcht blicken lässt. Es gibt Menschen, die durch Krankheiten, Unfälle oder schwere Todesschicksale so geschlagen sind, dass man vor ihrem Ergehen nur verstummen kann.

Wohnsitz der Götter

Berge haben Menschen schon immer fasziniert. Da sie unerreichbar waren, galten sie als Wohnsitze der Götter. Die hohen Berge dieser Erde (auch die der Alpen) sind erst im 19. und 20. Jahrhundert bestiegen worden. Neben dem Götterberg Olymp gibt es zahlreiche Berge, auf denen heidnische Götter beheimatet waren. Baale und Astarte wurden auf den Bergen verehrt.
Auch bei den Israeliten und Christen spielen Berge eine bedeutende Rolle. Moses empfing die Gebote auf dem Berg Sinai, Jesus wurde auf einem Berg verklärt, seine Bergpredigt hielt er, wie der Name sagt, auf einem Berg und gekreuzigt wurde er auf dem Berg Golgatha. Besonders häufig sprechen die Psalmen von Bergen. In Psalm 2 heißt es: "Ich habe meinen König eingesetzt auf meinem heiligen Berg Zion" (Psalm 2, 6). Und in Psalm 15 fragt der Beter: "Wer wird bleiben auf deinem heiligen Berg?" (Psalm 15, 1). Alle Psalmbeter aber wissen, dass Berge nicht in sich heilige und unerschütterliche Gebilde, sondern Schöpfungen Gottes sind, der in seiner grenzenlosen Macht souverän über sie herrscht. Vor ihm zerschmelzen sie wie Wachs, wie der 97. Psalm sagt. Anders als die Heiden im Umfeld Israels auf die Berge blicken, weil dort ihre Heiligtümer sind, hebt der Be- ter des 121. Psalms seine Augen auf zu den Bergen. Seine Blicke bleiben nicht an den Bergen hängen, sondern gehen darüber hinaus. Weil er von den Berggöttern nichts erwartet, stellt er die Frage: "Von wo kommt mir Hilfe?" und gibt sich selbst die Antwort: "Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" (Psalm 121, 2).

Hinweise auf Gott

So sind Berge zwar keine Göttersitze, aber sie sind Hinweise auf Gott, weil sie die Blicke über den Alltag hinausheben. Urlauber in den Bergen können das erfahren.

Professor Dr. Walter Saft

Foto: Saft


Jeden Tag Gottes Freundlichkeit begegnen

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. So sollen sagen, die erlöst sind durch den Herrn, die er aus der Not erlöst hat, die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden.
Die irre gingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, die dann zum Herrn riefen in ihrer Not, und er errettete sie aus ihren Ängsten und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: Die sollen dem Herrn danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.
Psalm 107, 1-9

  Andacht 30

Ein Jude erblickt am Versöhnungstag seinen Konkurrenten und Feind im Betsaal. Versöhnlich gestimmt geht er auf den Mann zu, streckt ihm die Hand hin und sagt gefühlvoll: "Ich wünsche dir alles, was du mir wünschst." "Fängst du schon wieder an!" erwidert jener bitter.

Da kann einer nicht glauben, dass sein Feind es gut mit ihm meint, ihm freundlich entgegenkommt. Geht es uns manchmal so in unserem Verhältnis zu Gott? Können wir von Herzen darauf bauen, dass Gott uns gut ist?

Ich möchte die Freundlichkeit Gottes begreifen. "Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilandes, machte er uns selig." (Titus 3, 4-5) Gottes Freundlichkeit begegnet mir am Morgen eines Tages. Ich erwache und kann aufstehen. Gott ist für mich da in seiner Liebe und ich kann ihm begegnen. Ich spüre Schaffenskraft, Müdigkeit oder nehme Sorgen wahr. Ich sage Ja zu meinem Leben, wie es ist und bitte Gott um seine Führung an diesem Tag. Gottes Freundlichkeit begegnet mir im Laufe des Tages. Ich atme, ich lebe, ich bin. Ich freue mich an der Natur und an Menschen, die ich treffe. Ich kann etwas tun. Dann gibt es Zeiten der Ruhe und Gelegenheit zum Innehalten. Der Tag bekommt eine Struktur: "Was ist jetzt im Vordergrund, was ist jetzt dran und was hat Zeit bis später? Was möchte ich tun und was lasse ich?"

Gottes Freundlichkeit begegnet mir am Abend des Tages. Wenn möglich, genieße ich den Feierabend. Meistens gönne ich mir am Ende des Tages fünf bis zehn Minuten Zeit. Darin blicke ich auf den Tag zurück. Ich "schmecke", wie ich heute gelebt habe. Was hat mich gefreut und beglückt? Dafür danke ich Gott. Wo habe ich mich geärgert oder etwas gesagt, was mir jetzt leid tut? Dafür bitte ich Gott um Vergebung und mache mir bewusst, dass er mit Liebe auf mich sieht. So kann ich mich getrost zur Ruhe legen.

Gott ist gut und menschenfreundlich. Das kann jemand auch in Not und Krankheit erfahren. Zuerst ist da vielleicht das Gefühl, von Gott vergessen zu sein. Doch kann gerade in Schwierigkeiten Gottes Fürsorge erfahren werden. So sagte mir eine Frau nach ihrer Operation: "Ich bin jetzt auf dem Weg der Genesung. Diese Krankheit hat mir gezeigt, dass ich nicht gut mit mir umgegangen bin. Ich habe mich von meiner Arbeit auffressen lassen. Gott sei Dank, dass ich mein Leben jetzt umstellen kann."

Die Freundlichkeit Gottes ist uns in besonderer Weise in Jesus Christus erschienen. Sein Vertrauen gibt uns Mut, Gott zu trauen. Darum können wir Gott danken, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.

Dekan Günter Förster
Naila

Wir beten: Keiner wird zuschanden, welcher Gottes harrt; sollt ich sein der erste, der zuschanden ward? Nein, das ist unmöglich, du getreuer Hort! Eher fällt der Himmel, eh mich täuscht dein Wort!

Lied 326: Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut.

Foto: Wodicka

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