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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 26)

Was Politikern der christliche Glaube bedeutet

Antworten von Bundestagspräsident Thierse, CDU-Chefin Merkel und Hessens Ministerpräsident Koch

Thema 26
Beim Deutschen Evangelischen Kirchentag in Frankfurt gaben sich Politikerinnen und Politiker ein Stelldichein. Manche nahmen an Podiumsdiskussionen teil oder waren als Referenten aktiv. Andere wie CDU-Chefin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse oder Grünen-Fraktionschef Rezzo Schlauch hielten Bibelarbeiten. Sonntagsblatt-Chefredakteur Günter Saalfrank sprach mit drei politisch Verantwortlichen, was der christliche Glaube für sie bedeutet. Zeit für ein ausführliches Gespräch hatte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Der Kulturwissenschaftler und Germanist gehört dem Zentralkomitee der Katholiken in Deutschland an.

Sonntagsblatt: Was bedeutet für Sie persönlich der christliche Glaube?
Thierse: Er ist ein Teil meines Lebens von Kindesbeinen an. Ich versuche, ein einigermaßen anständiger Christenmensch zu sein.
Sonntagsblatt: Was heißt das?
Thierse: Ich versuche dem zu folgen, was ich für ein wichtiges, sinnvolles Leben halte in der Zusage Gottes, dass er mir dabei hilft.
Sonntagsblatt: Wie wirkt sich das konkret aus?
Thierse: Das müssen Andere beurteilen. Ich bin nicht derjenige, der in der Lage wäre, über mein eigenes Leben angemessen Urteile zu sprechen.
Sonntagsblatt: Sie haben beim Kirchentag davon gesprochen, Politiker sollen immer auch einmal zeigen, dass sie erbarmungswürdige und verletzliche Menschen sind. Was heißt das für Sie als engagierten Christen?
Thierse: Politiker zeigen dies zu selten. Sie geben sich oft als Funktionäre und Personifikation der Macht. Das ist falsch. Politiker haben zwar Macht, doch nur auf Zeit. Sie üben die Macht voller Irrtümer und hoffentlich auch voller Vernünftigkeit aus. Ich wünsche mir, empfänglich zu sein für den Dialog, die Wendungen des Lebens und vielleicht auch die Einfälle Gottes.
Sonntagsblatt: Sie haben beim Kirchentag eine Bibelarbeit gehalten. Was bedeuten für Sie biblische Geschichten?
Thierse: Ich bin mit ihnen aufgewachsen und lese sie immer wieder neu. Manche entdecke ich, die ich früher für langweilig gehalten habe. Manche finde ich jetzt uninteressant, die mich früher aufgeregt haben. Also: Biblische Geschichten sind ein lebenslanger Stoff des Lesens, des Nachdenkens und der Inspiration.
Sonntagsblatt: Wo gab es für Sie dabei in letzter Zeit ein besonderes Aha-Erlebnis?
Thierse: Ich habe mich in der Vorbereitung auf die Bibelarbeit beim Kirchentag besonders mit Wundergeschichten beschäftigt. Sie wirken auf den ersten Blick sperrig. Sie sind aber phantastische, intensive Geschichten menschlicher Begegnung, aus denen Glauben entsteht. Dann sind die biblischen Geschichten plötzlich ganz menschlich und deswegen spannend.
Sonntagsblatt: Sie haben beim Kirchentag dazu aufgerufen, Christen sollen öffentlich als Christen kenntlich sein. Wie soll sich das zeigen?
Thierse: Christen sollen durch Lebenstapferkeit auffallen und dadurch, dass sie mit Niveau und Dialogbereitschaft von ihrer Hoffnung Zeugnis geben können, wie es im ersten Petrusbrief heißt: Gebt Zeugnis von der Hoffnung, die in euch lebt, die euch trägt.
Sonntagsblatt: Gibt es bestimmte Bereiche, wo Christen besonders kenntlich sein sollten?
Thierse: Christen sollten zeigen, dass sie nichts Besonderes sind. Sondern dass sie aus einer Kraft leben, von der sie hoffen, sie könnte Andere auch anstecken. Sie sollten Gesprächspartner sein und keine Gesprächsverweigerer sein, die sagen: Wir sind allein im Besitz der Wahrheit und ihr habt Unrecht. Das wäre fatal. Wenn Christen mit einer Grundeinstellung als Gesprächspartner leben und argumentieren, ist es wichtig, dass sie sich an den ethischen und sozialen Grundfragen des Zusammenlebens diskutierend und mitgestaltend beteiligen.
Sonntagsblatt: Welche Fragen gehören dazu?
Thierse: Sicher die Fragen, was der Mensch ist, worin seine Würde besteht, wann menschliches Leben beginnt, worin die Chancen seiner Freiheit und möglicherweise auch vernünftig begründbare Grenzen liegen sollten. Das sind ethische und soziale Fragen sowie Fragen, bei denen es um Gerechtigkeit und Solidarität in der Welt geht.

Ein Rückhalt

Der christliche Glaube bedeutet für mich Rückhalt, Versicherung und vor allem das Gefühl: Ich bin nicht allmächtig, sondern ich habe auch in Demut vor Gott zu handeln. Ich darf auch Fehler machen und muss nicht vollkommen sein. Denn es gibt so etwas wie Verzeihung.
Angela Merkel, CDU-Vorsitzende (Berlin)

Ein Kompass

Der christliche Glaube ist für mich ein Kompass, eine Orientierung. Es ist kein verbindlicher Weg, wo man nur etwas nachlesen muss und weiß, was man zu entscheiden hat. Der Glaube ist ein Maßstab, um die weitere Richtung zu erkennen. Das ist für mich sehr wichtig: Angefangen von schwierigen Fragen wie in der Gentechnik bis hin zu alltäglichen Fragen des einzelnen Bürgers, der Hilfe und Solidarität braucht.
Ministerpräsident Roland Koch (Wiesbaden)

Foto: güs


Wie aus einem interessierten Beobachter ein Glaubender wird

Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden. Als sie das sahen, murrten sie alle und spra-chen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
Lukas 19, 1-10

  Andacht 26

Zachäus auf dem Maulbeerbaum - von Neugierde getrieben und das nur, um einen Blick auf Jesus zu erhaschen. Natürlich kannte auch Zachäus diesen Mann aus Nazareth vom Hören-Sagen.

Also, Jesus kam - und blieb stehen. Da war es wie eine Sturzflut, die über Zachäus hereinbrach. Jesus holte ihn aus der Rolle eines religiös interessierten Zuschauers heraus. Und Zachäus ließ sich mitreißen! "Steig schnell herunter", sagt Jesus, "denn ich muss heute in deinem Haus einkehren". Nun kam da einer, der sich selbst zum Gast und Freund machte, ausgerechnet zu ihm, der überhaupt keine Freunde hatte. Aber offenbar wusste Jesus sehr genau, wen er da besuchte. Zachäus war jedenfalls wie verwandelt, seitdem Jesus bei ihm eingekehrt war. Die Veränderung seines Lebens wurde schnell sichtbar. Er wolle alles, was er sich am Rande der Legalität ergaunert hatte, zurückgeben und die Hälfte seines Vermögens für Arme stiften. Sprach hier auf einmal das Herz, statt der Verstand?

Aus dem interessierten Beobachter wird ein Glaubender, den die überraschende Nähe Jesus glücklich macht. "Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn!", sagt Jesus. Das alles geschah im Namen Gottes. Mehr noch: Jesus hatte ihm, dem Zachäus, Gott selbst ins Haus gebracht. Und Zachäus sollte von jetzt an zu Gott gehören.

Zachäus erkannte: Jesus ist in sein Leben getreten. Nicht mehr, was er hat, macht sein Leben lebenswert, sondern was er ist. Durch Jesus ist er nun Gott zugehörig. Gehört es doch zu dem Mann aus Nazareth, "zu suchen und selig zu machen, was verloren ist." -

Ob auch wir uns ändern wie Zachäus? Das muss wohl jeder mit sich selbst ausmachen! Dass wir dann unseren Beobachterposten verlassen können, das Astwerk, in dem man sich trefflich verstecken kann und sich dann fragt: "Meint er mich? - Ja! Meinen Namen sagt er. Mich ruft und meint er, weil er mich kennt. Dann hätte er Gott auch in mein Haus und Herz gebracht."

Angela Schacht, Lektorin
Büchelberg bei Gunzenhausen

Wir beten: Herr, Du öffnest Türen, an denen wir vorübergehen. Du liebst auch die, die wir übersehen. Du besuchst Menschen, die es nach unseren Maßstäben nicht verdient haben, denn jeder einzelne liegt Dir am Herzen. Gib uns Deinen Geist, dass wir offene Herzen und Sinne behalten, wenn Du uns besuchen willst, auch wenn wir damit nicht gerechnet haben. Mache uns zu Menschen, die Dich in die Herzen und Häuser anderer Menschen bringen. Amen.

Lied 353: Jesus nimmt die Sünder an.

Foto: Zahn

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