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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 24)

Gespräche zwischen Himmel und Erding

Pfarrer Helmut Leipold widmet sich am Flughafen München der "Seelsorge im Vorübergehen"

Thema 24
Bevor die Leute abheben, kehren sie manchmal auf den Boden der Tatsachen zurück. "Herr, wir freuen uns auf den Flug in die Türkei. Lass uns gesund wieder zurück nach Hause kommen!" oder "Wir machen heute eine weite Reise. Bitte hilf uns auf diesem Weg!" Diese und ähnliche Sätze sind in dem Andachtsbuch zu lesen, das am Eingang der Christophorus-Kapelle bereitliegt. Das ökumenische Gotteshaus im Obergeschoss des Flughafen-Terminals München ist ein beliebter Anlaufpunkt für Menschen, die unter Flugangst leiden. Im stillen Gebet schöpfen sie Kraft vor dem Start in den Urlaub. Aber auch Dank ist auf den vielen, mit Hand beschriebenen Seiten zu finden: Da freuen sich zwei Kinder über die erholsamen Tage mit der Familie - ohne Streit. Und eine junge Frau hofft, in ihrer Urlaubsbekanntschaft den Mann für´s Leben gefunden zu haben.

Fliegen ist Abschied

Pfarrer Helmut Leipold kennt die kleinen und großen Sorgen der Reisenden. Seit Mai 1992 arbeitet er als Seelsorger am Flughafen München. "Fliegen ist so etwas wie eine Abschiedssituation. Man verliert den Kontakt mit dem Boden und liefert sich aus", sagt er. Ein Gottesdienst, mit materiellen Zeichen wie Brot und Wein, könne da durchaus eine Stärkung sein. Es kamen auch schon Amerikaner und Afrikaner zu ihm, die knieten sich hin und wünschten, dass er sie segnen solle. "Ich habe ihnen dann die Hände aufgelegt und ein englisches Segenswort gesprochen", sagt der Geistliche. Flugangst sei schon ein großes Thema, sie werde aber nur selten eingestanden. Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen jedoch die Angestellten. "Es ist ganz selten, dass jemand mit einem seelsorgerlichen Anliegen zu uns kommt", erklärt Helmut Leipold. Schließlich seien die Leute zum Arbeiten hier. Kontakte ergeben sich bei seinen Rundgängen, quasi "im Vorübergehen". Wobei der 54-Jährige nicht die Probleme an den Anfang seiner Gespräche stellt. "Ich frage zum Beispiel nach den Sternstunden ihrer Arbeit." Als Antwort käme dann oft: "Wenn alles klappt."

Er informiert sich aber auch über Momente, wo sie ihre Tätigkeit am liebsten hinschmeißen würden. Doch zuerst kommt das Positive zur Sprache. "Seelsorge wird meist mit Problemen assoziiert." Die Seele lebe aber auch von dem, was ihr gut tut und Spaß macht. "Evangelium bedeutet eben in erster Linie Frohe Botschaft", unterstreicht Leipold.
Die kirchliche Einrichtung am Flughafen steht auf zwei Säulen. Da ist einmal der Sozialdienst, der sich den Reisenden widmet. Wobei Leipold zwischen freiwillig und unfreiwillig Reisenden unterscheidet. "Es gibt viele Ausländer, die abgeschoben werden und auch ein paar Hundert im Jahr, die als Asyl suchende Flüchtlinge hier ankommen und betreut werden. Die zweite Säule ist die ökumenische Seelsorge, die sich um mehr als 20.000 Beschäftigte kümmert. Für Helmut Leipold und den katholischen Geistlichen, Franz Gasteiger, wurden eigens Räume eingerichtet, die nicht weit von der Kapelle entfernt sind. Zwei Büros für die Pfarrer, ein gemeinsames Zimmer für die Sekretärinnen und eine Teeküche müssen reichen. Ein größerer Besprechungsraum nebenan steht für Sitzungen von Seelsorgern und SozialpädagogInnen oder für eventuelle Besuchergruppen zur Verfügung. Auch für den Zivildienstleistenden Daniel Fritsch wurde ein Arbeitsplatz im Sozialdienst eingerichtet. "Das alles ist nicht viel, aber sehr teuerer Raum", sagt Leipold. Allein für die Miete zahlen beide Kirchen eine viertel Million Mark pro Jahr.
Wer den evangelischen Pfarrer bei seinem Rundgang durchs Terminal begleitet, registriert die Freundlichkeit und Offenheit, mit der ihm die Angestellten begegnen. Ein überschwänglicher Gruß von einem Qualitätsmanager hier, ein kurzes Nicken einer Reisebürokauffrau dort und zwei Bedienstete am Schalter der Gepäckbeförderung, die sich über manch Hochnäsigkeit von Kollegen auslassen. "Die Arbeitsplätze hier sind sehr fordernd für die Menschen", erklärt Leipold. Zum Beispiel die Leute an den Infoschaltern: Nach außen hin müssen sie stets nett erscheinen und das Gefühl vermitteln, sie hätten alles im Griff. Im Innern jedoch belastet sie die Krankheit ihres Kindes oder der Verlust des Ehepartners. "Das äußere Bild, das jemand abzuliefern hat und das innere Erleben klaffen oft weit auseinander", erklärt der Geistliche.

Kirchliches Angebot etabliert

Ganz seinem Motto treu, zuerst das Positive in den Blick zu nehmen, erinnert sich der 54-Jährige an die Höhepunkte seiner mehr als neunjährigen Flughafen-Tätigkeit. Damals, als er die Abschiebung eines jungen Mannes verhinderte, der aus Syrien geflohen war und in den Libanon zurückgeschickt werden sollte. Die Bitten vieler Beschäftigter, sie zu trauen oder ihr Kind zu taufen. Und natürlich die Tatsache, dass sich das kirchliche Angebot am Flughafen München mittlerweile fest etabliert hat. "Bei offiziellen Einweihungen und anderen Anlässen heißt es schon ab und zu: Wenn es Euch Seelsorger hier nicht geben würde, müsste man Euch erfinden", erzählt Leipold. Sein katholischer Kollege Gasteiger fügt mit Recht hinzu: "Es gibt wohl kein besseres Kompliment für unsere Arbeit."

Günter Kusch

Foto: Kusch


Aus einer anderen Perspektive wahrnehmen

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.
Matthäus 9, 35-38

  Andacht 24

Die Fotoausstellung war eine Überraschung: Der Künstler hatte Dinge des Alltags fotografiert. Aber er hatte sie aus einer ungewöhnlichen Perspektive aufgenommen. Völlig neue Ansichten wurden den Besuchern gezeigt.

Mit dem Bibeltext aus dem Matthäusevangelium ist es ähnlich. Im Blick auf das Gottesreich und die Mission zeigt er uns den Blick, den Jesus hat. Jesus ist in Galiläa und im Ostjordanland unterwegs. Und was tut er? "Er predigte und heilte." Ist das etwas Neues? Vielleicht doch: In der Kirche wird oft gegeneinander ausgespielt, was zusammengehört. Das Evangelium muss weitergesagt werden. Es ist keine Pantomime. Aber dieses Reden muss von mitfolgenden Zeichen der Liebe begleitet sein. Wer das eine vom anderen trennt, verzerrt die Perspektive. Jesus rückt uns das Bild gerade.

"Als er das Volk sah, jammerte ihn desselben." Das orientierungslose und unversorgte Volk ging Jesus ans Herz. Uns geht es manchmal nur auf die Nerven. Die Gottlosigkeit in unserem Volk ist nicht zu übersehen. Und nun schauen Christen manchmal selbstgenügsam und abschätzig auf den moralischen Schrott um sie herum. Oder sie blicken gebannt wie die Schlange auf das Kaninchen und fragen sich, wie lange es die Kirche überhaupt noch gibt. Jesus sieht anders. Er sieht mit dem Erbarmen Gottes. Er sieht als der gute Hirte. Von seiner Sichtweise müssen wir uns anstecken lassen. Das gibt veränderte Perspektiven, Perspektiven der Liebe.

"Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende." Jesus schaltet uns bei seinem Rettungswerk nicht aus. Er schaltet uns ein. Bei der Erntearbeit Gottes sind wir nicht nur Zuschauer sondern Mitbeteiligte. Um Mitarbeiter muss gebetet werden. Weithin eine vergessene Perspektive. Wenn in Gemeinden Mitarbeiter gebraucht werden, dann erstellt man Dienstprofile, Gehaltstabellen und fragt nach Papieren. Das alles ist sicher notwendig. Aber in Gottes Erntearbeit werden Menschen gebraucht, die Gott selber beruft und bevollmächtigt. Und um die kann nur gebetet werden. Das ist eine göttliche Perspektive.

"Die Kirche geht nicht zugrunde an der Menge der Heiden, sondern an der Menge der unberufenen Mitarbeiter." So, oder so ähnlich, hat der bayerische Kirchenpräsident Hermann Bezzel vor vielen Jahrzehnten gesagt. Vielleicht hat er auch unseren Bibeltext vor Augen gehabt. Wenn wir uns die Perspektiven, die Jesus hat, zu eigen machen, dann wird für die Arbeit in der Gemeinde und der Mission unser Blick wieder klar.

Rainer Dick,
Landessekretär des Christlichen Vereins Junger Menschen, Nürnberg

Wir beten: Herr Jesus, nimm uns die Scheuklappen von den Augen und hilf uns, unsere Nachbarn, unsere Arbeitskollegen, die Menschen um uns herum so zu sehen, wie du sie siehst. Gib uns Liebe, damit wir ihnen sagen und zeigen können, dass du sie liebst. Amen.

Lied 241: Wach auf, du Geist der ersten Zeugen (Vers 2).

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