Grüß Gott, willkommen auf den Internet-Seiten des Evangelischen Sonntagsblattes aus Bayern.
Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 22)

Was heißt: Ich glaube an den heiligen Geist?

Eine Sonntagsblatt-Umfrage unter bekannten und unbekannten evangelischen Christen

Thema 22
Jeden Sonntag werden die Worte im Gottesdienst gesprochen: "Ich glaube an den heiligen Geist …. Was das für sie heißt, dazu hat das Sonntagsblatt bekannte und unbekannte evangelische Christinnen und Christen befragt.

Ein Wachmacher

Die Pfingstgeschichte sagt mir auf unüberhörbare Weise: Ich kann mit mehr rechnen als mit dem, was ich auf Grund meiner Erfahrungen kenne. Ich darf auf mehr hoffen. Denn das Obere will ins Untere gelangen, das Künftige in die Gegenwart. Denn Pfingsten heißt: Gott will Wüsten in Oasen verwandeln. Er kommt im Sturm, um die Schiffe der Kirchen, die sich an den Ufern der Zeit viel zu lange aufhalten, wieder hinaus zu treiben auf das offene Meer. Er kommt im Feuer, um erstarrte Vorstellungen und festgefrorene Einstellungen aufzutauen. Und wo der Heilige Geist Menschen ergreift, geht es weiter, kommt alles wieder voran. So kann der Heilige Geist - davon bin ich überzeugt - Menschen, die wie tot im Glauben, der Hoffnung und der Liebe sind, wieder zum Leben wachmachen. Darum haben unsere Vorväter gebetet: "Komm, Schöpfer Geist." Es wird freilich darauf ankommen, dass wir uns gegenüber diesem Geist Gottes öffnen. Könnte das besser geschehen als mit der Bitte:

"O Geist der Wahrheit,
erleuchte mich,
o Geist der Güte,
erwärme mich,
o Geist der Stärke,
beschwinge mich,
o Geist der Schönheit,
besel'ge mich,
o Geist der Weisheit,
begleite mich,
o Heiliger Geist vollende mich".

Johannes Kuhn,
langjähriger Fernsehpfarrer,
Leinfelden

Blick auf die Taube

"Wenn ich beim Gottesdienst das Glaubensbekenntnis bete und die Stelle kommt: ‚… ich glaube an den Heiligen Geist', schaue ich immer auf die Taube im Schalldeckel der Kanzel. Der Heilige Geist ist mit Worten unbeschreibbar. Ich denke, er ist die Macht, die Kraft, mit der Gott die Welt geschaffen hat und erhält. Im Betrieb des Alltags denke ich nicht so oft an Gott und Christus und an den Heiligen Geist schon gar nicht. Aber in der Nacht, wenn ich wach liege und mir viele Gedanken durch den Kopf gehen und mich Sorgen bedrücken, dann bete ich: ‚Komm Heiliger Geist, gib mir Frieden…' Da spüre ich den Heiligen Geist, wenn ich zur Ruhe komme, wenn Frieden in mein Herz einzieht. Ich meine, den Heiligen Geist kann man mit den Sinnen nicht wahrnehmen, aber man spürt ihn."

Babette Sixtbauer, Bäuerin
Sinderlach/Gunzenhausen

Gottes große Lokomotive

Ich weiß, wo ich Trost finde, denn der Heilige Geist ist der Tröster. Ich weiß, wo Kraft und Mut herkom-men, wenn Ohnmacht und Resigna- tion mich überkommen. Der Heilige Geist ist Gottes große Lokomotive. Er ist weder heilige Begeisterung noch Wohlfühl-Fluidum, sondern ruft in den Gehorsam gegen Gott und seinen Willen. Er ist personhafte Wirklichkeit, die ich erbeten und anbeten kann. Der Heilige Geist gehört zu uns Christen wie der Motor zum Auto.

Peter Hahne, ZDF-Moderator, Berlin

Antreibende Kraft

Wenn ich den Glauben mit dem Motorrad fahren vergleiche, ist der Heilige Geist für mich der Motor. Gott ist das Motorrad selbst: Der Rahmen, der alles zusammenhält. Das Fahrwerk, die Reifen, die mich durch die Kurven tragen. Nicht zuletzt die Sitzbank, auf der ich sicher ruhe. Aber der heilige Geist ist der Motor, der mich in fünf Sekunden von null auf hundert beschleunigt, der mich nach vorne zerrt, wenn ich den Gashahn öffne. Der Heilige Geist ist die Kraft, die mich bewegt. Ob in Glaubensfragen oder der Entscheidung für einen Naturstromanbieter. Die Kraft des Heiligen Geistes ist es, die mich nach dem Willen Gottes fragen lässt und mir die Energie und Begeisterung gibt, wenn ich doch wieder dazu neige, bequem sitzen zu bleiben.

Manfred Walter
Jugendreferent der Evangelischen
Landjugend, Bayreuth

In Gücksmomenten spürbar

Die spürbare Gegenwart des Heiligen Geistes ist von keinem Ort abhängig. Der Heilige Geist, oder das was ich darunter verstehe, wird für mich in Momenten, in denen ich sehr glücklich oder erfüllt bin, spürbar. In den Momenten, die das Leben lebenswert machen. Diese Augenblicke machen für mich einerseits die Vollkommenheit Gottes deutlich, die auch unser Leben ganz und heil sein lässt. Andererseits zeigen sie das Leben als Geschenk, für das ich unendlich dankbar bin. Eine Situation, in der ich die Gegenwart des Heiligen Geistes ganz besonders deutlich empfunden habe, war in einem Ostergottesdienst einer schwarzen Gemeinde auf einer karibischen Insel. Dort habe ich gesehen und gefühlt, dass die Gemeinde lebt - nein, Christus lebt. Ein Gefühl, das ich bei einigen unserer Gottesdienste manchmal vermisse. Ich ging nach zwei Stunden erfrischt aus der Kirche, in der ich noch gut und gerne zwei weitere Stunden hätte bleiben können. Doch um das zu spüren, muss man nicht in die Karibik! Es können auch sonst Augenblicke sein, in denen ich mich ganz besonders glücklich fühle und dadurch auch Gott dankbar bin, dass ich leben darf.

Hannah Feldmeier, Abiturientin,
Bayreuth


Pfingsten für überlastete Kirchenleitungen

Und Mose versammelte 70 Männer aus den Ältesten des Volkes und stellte sie um die Stiftshütte. Da kam Gott hernieder und nahm von dem Geist, der auf Mose war, und legte ihn auf die 70 Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten.
4. Mose 11, 24-25

  Andacht 22

"Alles muss ich alleine machen. Immer liegt die ganze Last auf mir. Und dann nörgeln die andern mit ihren überzogenen Ansprüchen auch noch an einem herum. Ich mag nicht mehr." Ich höre diese Klage von Pfarrerinnen und Pfarrern und gerade auch von Eh-renamtlichen in Kirche und Vereinen.

So war auch Mose mit seinem Leitungsamt in eine Krise geraten. Ausgebrannt und leer war er. Burn- out-Syndrom nennen wir das heute. "Ich vermag all das Volk nicht alleine zu tragen. Es ist mir zu schwer. Ich kann nicht mehr. Lieber will ich sterben." Als Antwort verstärkte Gott die Geisteskraft dieser besonders begna-deten Führungspersönlichkeit nicht, sondern er teilte und verteilte die Fülle der Geistesgaben über 70 Mitarbeitende. Teamarbeit und partizipatorischer Leitungsstil nennen wir das heute. Und als hätten die 70 nur darauf gewartet, endlich gebraucht und in die Verantwortung einbezogen zu werden, da geraten sie in Verzückung.

Einen kleinen Nebenzug erzählt die Geschichte danach noch: Zwei weitere Männer waren im Lager beim Volk geblieben. Zu aller Verwunderung erfüllte der Geist Gottes auch sie und versetzte sie in Verzückung. Die neu berufenen 70 wollten ihnen wehren. Aber Mose sagte: "Vielleicht will Gott seinen Geist über das ganze Volk kommen lassen." Wunderbar! Die Fülle des Geistes Gottes kennt keine Grenzen, sondern will alle erfüllen und in den Dienst des Reiches Gottes stellen. Eine entlastende Verheißung für eine überlastete Kirchenleitung!

Was damals auf der Wüstenwanderung so vorgezeichnet war, das ereignete sich in überwältigender Weise an Pfingsten. Eindrucksvoll zeigt es das Pfingstbild auf dem Kanzelkorb der Klaussteinkapelle in der Fränkischen Schweiz: Hier sind es zunächst die 12 Jünger. Sie wurden erfüllt vom Heiligen Geist und dazu Maria, die Mutter Jesu in ihrer Mitte. Sie gerät in Verzückung und tanzt mit anmutigen Bewegungen. Der Heilige Geist begeistert sie sozusagen zu einem liturgischen Tanz der Freude und Anbetung Gottes. Einige Jünger scheinen schon mitzutanzen.

Auf dem Pfingstbild haben einige Jünger den Blick in eine andere Richtung gewendet. Sie schauen sozusagen in die Welt und auf die Verantwortung, zu der der Heilige Geist sie sendet. Sie sollen die Liebe Got-tes und die Begeisterung des Glaubens zu allen Menschen bringen: Traurige trösten, Entmutigte aufrichten, Notleidenden helfen, Einsame besuchen, Verirrte auf den rechten Weg bringen. Für die jeweilige Situation das rechte, wegweisende Wort Gottes mit der Weisheit des Heiligen Geistes sagen - das gehört auch zur Verzückung wie "Propheten". Wenn die Begeisterung durch den Heiligen Geist die Menschen erfüllt, können diese leicht außer Rand und Band geraten. Der Hintergrund des Pfingstbildes gibt mit seinen roten und schwarzen Karos der Bewegung Rahmen und Struktur. "Bekenner des Geistes, verachtet mir die Form nicht. Auf dieser Erde muss jede Seele ihren Leib haben und das Christentum seine Kirche. Ohne sichtbare Kirche wird sich der christliche Glaube nicht vergeistigen, sondern verflüchtigen" (Peter Rosegger).

Die freie Bewegung und "Verzückung" des Geistes stehen nicht im Gegensatz zur Struktur von Ämtern und Leitungsorganen, sondern wollen diese erfüllen und es so ermöglichen, dass viele Geist erfüllte Menschen die "Last" der Leitungsverantwortung gemeinsam tragen. Der Heilige Geist sucht oft zuerst das Charisma einer begnadeten Führungspersönlichkeit. Und dann, am heutigen Pfingstfest, sucht er eine gemeinschaftliche Leitungsstruktur: Er erfüllt die 70 Ältesten und die 12 Jünger, Maria und Frauen, Landeskirchenrat und Synode, Vorstand und Mitgliederversammlung, Kirchenvorstand und beschließende Ausschüsse - das ganze Volk Gottes wird erfüllt vom Heiligen Geist. Jetzt nörgeln sie mit ihren überzogenen Ansprüchen nicht mehr herum, sondern sie nehmen alle selbst Leitungsverantwortung wahr. Eine hoffnungsvolle Pfingstbotschaft für eine überlastete Kirchenleitung.

Regionalbischof Wilfried Beyhl,
Bayreuth

Wir beten:
Du Heilger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern, mit deiner Kraft begleite das Zeugnis von dem Herrn. O öffne du die Herzen der Welt und uns den Mund, dass wir in Freud und Schmerzen das Heil ihr machen kund. Amen.

Lied:O Heiliger Geist kehr bei uns ein.

Foto: privat

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