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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 21)

Die wundersame Protestantenvermehrung

Welche Probleme Wachstumsgemeinden in der Region Regensburg haben

Thema 21
An der Türe des Amtszimmers hängt eine Landkarte. Rot eingezeichnet sind die Grenzen des Gemeindegebietes. Pfarrer Max Lehner fährt mit dem Finger die Linie ab. "Vor 13 Jahren lebten in der Kirchengemeinde 1.380 Evangelische, heute sind es fast doppelt so viele", erzählt der Pfarrer von Hemau.

Die nordöstlich von Regensburg gelegene, 260 Quadratkilometer große evangelische Gemeinde ist in der Region kein Einzelfall. Auch in den anderen Gemeinden gibt es die wundersame Protestantenvermehrung. "Regensburg ist eines der Wachstumsgebiete in der bayerischen Landeskirche", betont Regionalbischof Helmut Millauer (Regensburg). Während im Freistaat die Zahl der Protestanten nur minimal steige, gehe sie in der Region entlang der Donau deutlich nach oben.

Gründe für Zuwachs

In den letzten vier Jahren verzeichnete das Dekanat Regensburg einen Zuwachs von 11,6 Prozent an Gemeindegliedern. Die Gründe für diese Entwicklung sind - so Dekan Gottfried Schoenauer - vielfältig. Zum einen fördere die Öffnung der Märkte nach Osteuropa den Wirtschaftsstandort Regensburg und Ostbayern. Große Unternehmen ließen sich nieder. "Unter den Mitarbeitern, die aus anderen Gegenden Deutschlands zuziehen, sind auch viele Evangelische", berichtet Schoenauer. Zum anderen expandierten die Bildungseinrichtungen. Die Regensburger Uni sei mittlerweile die drittgrößte Bayerns. In Deggendorf entstehe derzeit eine neue Fachhochschule. Vom Personal, das in die Region kommt, gehörten viele der evangelische Kirche an.

Als dritten Grund für die starke Zunahme der Protestanten in der Diasporaregion nennt der Dekan die überwiegend evangelischen Spät-aussiedler aus der früheren Sowjetunion. Ihr Anteil betrage in manchen Kirchengemeinden 20 Prozent oder noch mehr. Beispiel Hemau: Fast ein Viertel der Gemeindeglieder sind Spätaussiedler. 600 Menschen aus der früheren Sowjetunion haben in dem oberpfälzischen Ort eine neue Heimat gefunden. Durch das 1991 eingeweihte Übergangswohnheim für Aussiedler fassten viele von ihnen hier Fuß.

Angespannte Personallage

Auf den enormen Zuwachs kann das Dekanat nicht schnell reagieren, weil die kirchliche Planungsarbeit der Entwicklung hinter her hinkt. "Schon jetzt steht ein Bedarf von acht zusätzlichen Stellen in Gemeinden und übergemeindlichen Diensten fest, ohne dass sie besetzt werden können", schildert Schoe-nauer die angespannte Personal- lage. Beispiel Studierendenseelsorge: Dort ist ein Pfarrer mittlerweile für über 20.000 Studierende zuständig. In anderen Orten Bayerns gibt es bei 15.000 Studierenden zwei kirchliche Ansprechpartner.

Die personelle Situation ändert sich - so Regionalbischof Millauer und Dekan Schoenauer - erst dann, wenn vor allem in Städten wie München und Nürnberg theologisches Personal abgebaut und in die Oberpfalz und nach Niederbayern verlagert werde. Das sieht jedenfalls der sogenannte Landesstellenplan. Er muss nun rasch umgesetzt werden, fordern die Verantwortlichen in der Wachstumsregion Regensburg.

"Wir können die volkskirchliche Grundversorgung nicht mehr leisten", klagt Dekan Schoenauer. In den Schulen falle ein Teil des Re- ligionsunterrichtes aus. Von 9.000 evangelischen Schülerinnen und Schülern bekämen 1.000 gar keinen Religionsunterricht, weitere1.000 nur einen reduzierten. Zu kurz komme auch die Seelsorge in Krankenhäusern und Altenheimen. Betroffene und Angehörige zeigten sich oft enttäuscht, wenn sich von der evangelischen Kirche niemand sehen lasse.

Qualität statt Quantität

Für Schoenauer steht fest, "dass sich nicht mehr alles abdecken lässt". Er setzt auf Qualität statt Quantität in der Diasporaregion, wo Protestanten zwischen fünf und fünfzehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen - Tendenz steigend. "Dort, wo wir als Evangelische auftreten, müssen wir gut sein und überzeugen", betont der Dekan.

Der Hemauer Pfarrer Max Lehner ist einer von vielen Geistlichen, die immer wieder an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit geraten. Allein für inzwischen 2.500 Gemeindeglieder zuständig, betreut er ein Gebiet, das flächenmäßig größer ist als manches fränkische Dekanat. "Weil sich die Gemeinde fast verdoppelt hat, muss ich Abstriche in der Arbeit machen", erklärt er. "Konnte ich am Anfang fast alle über 70-Jährigen zum Geburtstag besuchen, ist das nur noch bei runden Geburtstagen möglich."

15 Neubaugebiete

Auf katholischer Seite stehen dem 46-Jährigen zehn Geistliche gegenüber. Derzeit unterrichtet er an fünf verschiedenen Schulen. Sonntags hat er regelmäßig zwei Gottesdienste zu halten, einmal im Monat kommen zwei weitere Predigtstationen hinzu. In Lehners Gemeindebereich liegen insgesamt 15 Neubaugebiete. Durch Zuzüge und Taufen wächst die Gemeinde ständig an. Weil sich die beiden evangelischen Kirchen seiner Gemeinde für die Konfirmation als zu klein erwiesen, weicht Lehner seit 1996 in die große, neu gebaute katholische Kirche in Waldetzenberg aus. In diesem Jahr reicht selbst das Gotteshaus für 47 Konfirmandinnen und Konfirmanden nicht mehr aus, sodass es zwei Feiern geben wird. Eine davon am Pfingstsonntag: Damit die Konfirmation an diesem Tag stattfinden kann, verzichtet die katholische Gemeinde auf ihren Hauptgottesdienst und lädt stattdessen zur Vorabendmesse und zum Abendgottesdienst ein.

Zeitmanagement als A und O

"Zeitmanagement ist das A und O", erklärt der Pfarrer. Deshalb versuche er zwischen den Unterrichtsstunden an einzelnen Schulen, Besuche und Gespräche zu legen, damit er nicht Strecken mehrmals fahren muss. Trotzdem können an einem Vormittag schon einmal 80 Kilometer zusammen kommen. Pro Jahr ist Lehner im Durchschnitt 12.000 Kilometer dienstlich unterwegs. Kein Wunder, dass Kirchenvorsteher sagen: "Die meiste Zeit verbringt der Pfarrer mit dem Auto auf der Straße."

Günter Saalfrank

Foto: güs


Wer sollte mir Angst einjagen?

Der Herr ist mein Licht, er rettet mich. Vor wem sollte ich mich noch fürchten? Bei ihm bin ich geborgen wie in einer Burg. Vor wem sollte ich noch zittern und zagen? Wenn mich gewissenlose Leute in die Enge treiben und mir nach dem Leben trachten, wenn sie mich bedrängen und mich offen anfeinden, werden sie dennoch stürzen und umkommen!
Höre mich, Herr, wenn ich rufe! Hab Erbarmen mit mir und antworte! Denn ich erinnere mich, dass du gesagt hast: "Suchet meine Nähe!" Das will ich jetzt tun und zu dir beten. Verbirg dich nicht vor mir, stoße mich nicht im Zorn zurück! Ich diene dir, und du hast mir bisher immer geholfen. Gib mich nicht auf, verlass mich nicht, du mein Gott und mein Retter!
Ich aber vertraue darauf, dass ich am Leben bleibe und sehen werde, wie gut Gott zu mir ist. Vertraue auf den Herrn! Sei stark und mutig, vertraue auf den Herrn!
Psalm 27 (in Auszügen)

  Andacht 21

Wer den Psalm genau betrachtet, fragt sich wahrscheinlich: Sind das die Worte eines Menschen? Da kommen doch ganz unterschiedliche Stimmungen zum Ausdruck, die im krassen Gegensatz zueinander stehen: In den ersten Versen ein beneidenswerter Glaube voller Gottvertrauen, Mut und einer kraftvollen Glaubensgewissheit. Und dann später das Flehen eines in Angst und Todesnot bedrohten Menschen, der verzweifelt Gott um Hilfe bittet. Nichts mehr ist zu spüren von dem Vertrauen und der Zuversicht.

Aber besteht hier wirklich ein unvereinbarer Gegensatz zwischen dem Glaubensmut auf der einen und dem bangen Ausschau halten nach Gottes Hilfe auf der anderen Seite? Ich denke, diese beiden ganz unterschiedlichen Seiten gehören untrennbar zusammen. Sie machen deutlich: Das sind nicht die Worte eines selbstsicheren Menschen, der über alle Probleme und Nöte erhaben ist und den nichts aus der Bahn werfen kann. Nein, David, der Beter dieses Psalms weiß, dass er ganz von Gott gehalten ist und nur bei ihm Schutz und Geborgenheit findet.

David macht seine Hoffnung und Zuversicht an drei Grundlagen fest, die nicht zerstört werden können: Licht, Heil, Kraft. Der Herr gibt nicht Licht, Heil und Kraft, sondern Gott ist Licht, Heil und Kraft. Wenn er uns Menschen stark macht, können uns alle Machenschaften - von wem auch immer - letztlich nichts anhaben. Von dem Grafen Nikolaus von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine, stammt der Satz: "Ein Mensch mit Gott ist immer in der Übermacht!" Die Verse in der zweiten Hälfte des Psalms machen deutlich: Der Beter des Psalms weiß sehr wohl, dass er Licht, Heil und Kraft, deren er sich rühmt, nicht "in der Tasche hat". Mit Bitten und Flehen wendet er sich an Gott. Er weiß, keinen Anspruch darauf zu haben, dass Gott ihn erhört und ihm hilft. Darum hält er Gott sein eigenes Wort vor: "Du selbst hast gesagt ,suchet meine Nähe'!" Von Menschen hat er keine Hilfe mehr zu erwarten. So setzt er seine ganze Hoffnung auf Gott: "Du Herr, mein Gott und mein Retter, du nimmst mich doch auf!"

David redet sich seine ganze Verzweiflung von der Seele, schüttet sein Herz vor Gott aus und ruft sich in Erinnerung, wer und wie Gott ist. Mitten in diesem Bitten und Flehen bricht wieder die Gewissheit durch: "Ich aber vertraue darauf, dass ich am Leben bleibe und sehen werde, wie gut Gott zu mir ist." Noch befindet er sich in der bedrohlichen Lage. Er muss die Spannung aushalten zwischen der Bedrohung und der Gewissheit, dass Gott ihm heraushelfen wird. Diese Spannung ist nur auszuhalten, indem er sich immer wieder selbst mutmachende Worte sagt: "Harre aus, vertraue auf Gott, sei stark und mutig!"

Die Erfahrung, die David mit Gott machen konnte, ist für jeden Menschen möglich. David hat sein ganzes Vertrauen auf Gott gesetzt. Wer in einem solchen Vertrauen lebt, kann erfahren: Gott ist Licht in dunklen Stunden, Heil in Ausweglosigkeit und Kraft in Krankheit und Resignation.

Diplomsozialpädagogin Angelika Böhm
Feuchtwangen

Wir beten:
Du Herr bist mein Licht und meine Rettung. Du Herr bist meine Lebenskraft. Ich fürchte mich nicht und wer sollte mir Angst einjagen. Amen.

Lied 351: Ist Gott für mich, so trete

Foto: Keim

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