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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 20)

Unendliche Weiten...

Ein Weltraumflug ist keine "Himmelfahrt"

Thema 20
Neben Feuerwehrmann und Polizist ist Astronaut ein klassischer Berufswunsch bei Kindern. Doch nur wenige werden es. Was motiviert einen Menschen diesen Beruf zu ergreifen, was geht einem durch den Kopf, wenn es Richtung "Himmel" geht? Welche Rolle spielt der Glaube? Astronaut Hans Schlegel, seit zweieinhalb Jahren in Houston (Texas, USA) betont, dass ein Weltraumflug jedenfalls nichts mit "Himmelfahrt" zu tun hat. Und doch nahm Sonntagsblatt-Redakteurin Karin Ilgenfritz dies zum Anlass, um ein Interview mit dem 49-jährigen Familienvater, der in Überlingen am Bodensee geboren wurde, zu führen. Er ist experimenteller Physiker und einer von zehn deutschen Astronauten, die im Weltall waren, seit es den bemannten Raumflug gibt.

Sonntagsblatt: Wie sind Sie dazu gekommen, Astronaut zu werden?

Schlegel: Weltraumfahrt spricht fast jeden Menschen an, insbesondere junge. Ich habe als Kind allerdings gar nicht gewagt, davon zu träumen. Ich war zehn Jahre alt, als die ersten Mensch in den Weltraum flogen und habe das gespannt verfolgt. Aber der konkrete Wunsch, Astronaut zu werden, kam erst später, als ich im Rahmen meiner Diplomarbeit mit Proben gearbeitet habe, die im Weltraum hergestellt wurden. So kam es dann, dass ich mich mit 35 Jahren - damals das Höchstalter - beworben hatte und mit Können und vor allem mit viel Glück und Unterstützung Astronaut geworden bin.

Sonntagsblatt: Sie sind evangelisch, getauft und konfirmiert. Spielte der Glaube eine Rolle bei der Berufswahl?

Schlegel: Indirekt vermutlich. Ich bin Christ. Mein Selbstverständnis von Religion hat sich in meiner Jugend gebildet. Ich hatte zwei Jahre lang Konfirmandenunterricht und habe in der Gemeinde mitgearbeitet. Wichtig am Christentum sind für mich Aspekte wie die Bewahrung der Schöpfung und das soziale und verantwortliche Verhalten, das mit dem christlichen Glauben verbunden ist. Das ist auch genau das, was wir als Astronauten brauchen. Ich glaube, wegen dieser Einstellungen wurde ich auch ausgewählt. Womit ich nicht sagen will, dass anders Gläubige keine guten Astronauten sein können.

Sonntagsblatt: Haben sich Begriffe wie Himmelfahrt, Auferstehung oder ewiges Leben für Sie durch Ihren Beruf geändert?

Schlegel: Nein, nicht wirklich. Der Grundstein meiner Überzeugungen wurde, wie gesagt, in meiner Jugend gelegt. Dass natürlich mein Leben als Astronaut und die Entwicklung meiner familiären Situation meine Position der Religion gegenüber beeinflusst hat, ist klar.

Sonntagsblatt: Wann und wie lange waren Sie im All?

Schlegel: Ich war 1993 zehn Tage lang auf der D2-Mission. Das war eine Wissenschaftsmission, bei der wir 90 Experimente aus elf Wissenschaftsgebieten durchgeführt haben.

Sonntagsblatt: Was geht einem durch den Kopf, wenn man sich darauf vorbereitet, tatsächlich ins Weltall zu fliegen?

Schlegel: Man bereitet sich mit mehreren Menschen zusammen im Team vor. Man hat ein gemeinsames Ziel, das will man erreichen. Jeder ist bei der Durchführung seiner Aufgabe nicht nur sich selbst verantwortlich sondern auch dem Team gegenüber. So möchte ich die Vorbereitung auf einen Flug beschreiben. Auf unserer Mission wurden viele Experimente durchgeführt. Etliche hundert Menschen haben das vorbereitet. Diejenigen, die dann tatsächlich ins All fliegen, sind der verlängerte Arm der am Boden verbliebenen Wissenschaftler. Ich habe mich konzentriert darauf vorbereitet, meine Aufgaben zu erfüllen. Das bin ich den am Boden verbliebenen schuldig. Sie haben über Jahre hinweg dafür gearbeitet, dass diese Experimente im All durchgeführt werden können.

Sonntagsblatt: Haben Sie sich im Vorfeld des Fluges verstärkt mit dem Tod auseinandergesetzt?

Schlegel: Nein, eigentlich nicht. Ich denke, andere Menschen gehen genauso große Risiken ein. Die Entscheidung ein Leben lang Auto zu fahren ist gefährlicher, als wenn ich mich entscheide einmal oder auch zweimal mit einem Shuttle zu starten. Ich habe über das Risiko nachgedacht, als ich mich als As-tronaut beworben habe. Das war damals kurz nach der Challenger-Kathastrophe. Natürlich hatte ich Respekt vor dem Start. Man weiß, dass jeder Handgriff sitzen muss. Aber man wird gut darauf vorbereitet, was im Notfall zu tun ist, worauf man auch bei den Kollegen achten muss.

Sonntagsblatt: Würden Sie Ihren Weltraumflug als eine Art "Himmelfahrt" bezeichnen?

Schlegel: Christliche Himmelfahrt hat überhaupt nichts mit einem Raketenstart zu tun. Himmelfahrt ist für mich eng verbunden mit der Auferstehung Christi und allem was daraus folgt für die Grundlagen des Christentums. Wir machen Raumfahrt aus naturwissenschaftlicher Neugier und Erkenntnistrieb, um mit dieser Erkenntnis das Leben auf der Erde besser zu gestalten. Allerdings haben viele unserer Experimente danach gefragt, wie unser Leben entstanden ist. Woher kommen wir und wohin gehen wir? Himmelfahrt hat für mich etwas damit zu tun, wie wir in der Gemeinschaft miteinander leben. Ist für uns der Tod das Ende? Für mich ist die Antwort klar: Ich denke über den Tod hinaus.

Sonntagsblatt: Fühlten Sie sich im All dem Himmel oder Gott näher?

Schlegel: Wir waren 300 Kilometer über der Erdoberfläche. Aber was auch immer man als Himmel bezeichnen mag, man ist ihm nicht näher. Aber man ist in einer anderen Umwelt, eben in der Schwerelosigkeit. Es gibt kein Oben und kein unten. Man kann ungestört auf dem Kopf arbeiten. Beim Blick auf die Erde erkennt man keine Grenzen. Man erkennt Kontinente, man sieht Wüsten und Wälder - die große Struktur der Erde. Und eineinhalb Stunden später fliegt man wieder über das gleiche Gebiet. Da wird einem die Endlichkeit bewusst. Und gleichzeitig saß ich aber in diesem relativ engen Shuttle, in dem wir Nahrung, Energie und Sauerstoff sorgfältig einteilen mussten. Da wurde mir bewusst, welche Schätze wir auf der Erde haben, dass aber auch diese begrenzt sind und wir sorgfältig damit umgehen müssen. Das war neben all dem Wissenschaftlichen ein Gefühl, das sich im Bauch entwickelte und mit dem ich zurück kam.

Sonntagsblatt: Was war für Sie das einschneidenste Erlebnis in Ihrer Astronauten-Karriere?

Schlegel: Das einschneidenste und schönste Erlebnis war für mich, im Verlauf dieser Mission festzustellen, dass ich den Anforderungen und Erwartungen der Wissenschaftler am Boden gerecht werde. Die Freude über ein geklapptes Experiment, als ich über die Sprechverbindung ein Lachen oder einen Glückwunsch hörte, das war schon toll. Eben die Erkenntnis, dass man seinem Ziel näher gekommen ist und dass andere Menschen die Freude mit einem teilen.

Sonntagsblatt: Was möchten Sie keinesfalls nochmal erleben?

Schlegel: Da gibt es eigentlich nichts. Nur allgemein stelle ich im Nachhinein fest, ich hätte öfter in den Jahren der Vorbereitung mehr Zeit für mich und meine Familie reservieren sollen.

Sonntagsblatt: Vor kurzem war der erste Tourist, Dennis Tito, im Weltraum. Was halten Sie davon?

Schlegel: Wir betreiben Raumfahrt nicht zum Selbstzweck, sondern zur Erkenntniserweiterung, es ist die technische Erweiterung unserer Möglichkeiten und eine Chance, das Leben auf der Erde besser zu machen. Das ist meine Überzeugung. Der Energieaufwand in den Erdorbit zu kommen ist so groß, dass ich finde man kann das nicht aus rein touristischen egoistischen Gründen machen. Es ist mir klar, dass ich da wahrscheinlich anderer Meinung bin als meine Organisation, die ESA (European Space Agency). Diese erhofft sich, hier finanzielle Quellen zu erschließen. Die Experimente und Forschungen in internationaler Zusammenarbeit sind bislang nicht kommerziell und so sollte es meiner Meinung nach auch bleiben. Zumindest so lang der Aufwand und die Ressourcen die man dazu einsetzen muss so hoch sind. Ich finde den bislang nötigen Aufwand für ein Privatvergnügen zu hoch. Ich halte es nur für gerechtfertigt, Menschen in den Erdorbit zu bringen, wenn man Ziele verfolgt, die auch anderen Menschen auf der Erde von Nutzen sind.

Sonntagsblatt: Tito war ja ganz begeistert von seinem Aufenthalt im All. Er sagte, es sei, wie das Paradies gewesen. Wie beurteilen Sie das?

Schlegel: Wenn er das gesagt hat, dann müssen ihn die Kollegen aber sehr verwöhnt haben und ihm Gastfreundschaft und gutes Essen haben zukommen lassen. Nein ehrlich, ich kann damit nichts anfangen. Aber ich bin mir bewusst, dass mir als relativ nüchterner Wissenschaftler das Verständnis für solche Äußerungen fehlt. Für mich heißt das, es war ein toller Raumflug, damit kann ich was anfangen. Jedenfalls ist das Weltall für mich nicht das Paradies, darunter verstehe ich etwas anders.

Sonntagsblatt: Was ist dann für Sie das Paradies?

Schlegel: Unser Paradies sollte hier auf der Erde ein erfahrbares Paradies sein, das wir Menschen verwirklichen.

Sonntagsblatt: Glauben Sie an die Auferstehung, an das ewige Leben?

Schlegel: Ich glaube nicht an ein physikalisches Paradies. Aber ich glaube an das Paradies in dem Sinne, das mein Verhalten und Handeln heute einen Einfluss hat auf das Leben meiner Kinder und meiner Umwelt. Damit sollte ich so handeln, wie ich handeln würde, wenn ich ewig mit den Konsequenzen meines Verhaltens leben würde.

Sonntagsblatt: Was dachten Sie, als Sie hörten, jemand von einer Kirchenzeitung will Sie interviewen?

Schlegel: Das fand ich interessant, ich war neugierig. Es ist gut, wenn auch eine Kirchenzeitung über weltliche Dinge berichtet, natürlich unter einem bestimmten Blickwinkel.

Sonntagsblatt: Ein letztes Wort?

Schlegel: Ja, um den Space-Tourismus nochmal ins rechte Licht zu rücken: Ich wünsche jedem Menschen von Herzen eine solches Erlebnis. Auch wenn es nur für wenige möglich wird. Aber ich möchte jeden Menschen dazu ermuntern, in seinem Leben auf der Erde sich Ziele zu suchen, deren Erreichung ihm tiefe Befriedigung verschafft und neue Einsichten ermöglicht.

Sonntagsblatt: Vielen Dank für das Gespräch.

Foto: ESA/ L.L. Atteleyn


Vater unser: Vertrauensvoll mit Gott reden

Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Unser täg-lich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Matthäus. 6, 9-13

  Andacht 20

Es ist Mittwochnachmittag. Im Wohnzimmer des Alten- und Pflegeheimes herrscht erwartungsvolle Stille. Zwei Kerzen brennen auf dem Tisch, der zum Altar geschmückt ist. Im Halbkreis davor die Bewohner, die Abendmahlsgemeinde: Sieben sitzen im Rollstuhl, eine liegt im Pflegebett, zwei sitzen auf Stühlen. Ich spreche die Einsetzungsworte und bete weiter "Vater unser ...". Ein Chor aus festen und unsicheren Stimmen fällt ein und wir beten gemeinsam. Es sprechen Menschen mit, die sonst keine Worte mehr finden. Ich höre bisher unbekannte Stimmen eindeutig reden. Der Raum ist erfüllt von einer unbeschreiblichen Dichte an Spiritualität und Glauben, Gott zum Greifen nahe. Das "Vater unser" setzt eine Kraft frei, die mich überrascht und erfüllt. Ich bin dankbar für diese Erfahrung. Vielleicht kennen Sie Ähnliches. In unserer sprachlos gewordenen Welt, in der oft ein riesiges Stimmengewirr vom Wesentlichen ablenkt, sind solche Momente selten geworden.

Das Gebet Jesu, mit dem er ein Beispiel dafür gibt, wie Leben mit Gott in Beziehung kommt. Jesus erfährt Gott in einer einzigartigen Weise als Vater. Diese Erfahrung ist das Herzstück der Gotteserkenntnis seiner Verkündigung. Er sagt "Abba" zu ihm, ganz schlicht, alltäglich, wie zuhause in der Familie. "Abba" eine innige, fast zärtliche Erfahrung der Nähe Gottes. Gott ist den Menschen so zugewandt und nahe wie im Haus der Vater dem Sohn und der Tochter mit seiner Fürsorge und Liebe. So nahe empfinden es die Menschen, mit denen ich Abendmahl feiere.

Die Beter reden Gott vertrauensvoll mit "du" an. Dieses Vertrauen weist über sie selbst hinaus und findet seinen Grund außerhalb ihrer Existenz. Dieser Grund allen Seins ist nicht gnadenlos sondern gnädig. In einer Gesellschaft, die als "vaterlos" bezeichnet wird, leuchtet plötzlich Väterlichkeit, Vertrautheit und Nähe auf. Nicht jeder Vater wird damit zum Abbild Gottes, sondern es werden Erfahrungen aus dem Verhältnis von Vater und Kind sowie Mutter und Kind benützt, um die Gottesbeziehung zu beschreiben: "Er ist der, der mich geschaffen hat, der mich hegt wie eine Mutter, der für mich sorgt wie Vater und Mutter."

Wer zu Gott Vater sagt, ruft nicht kindlich eine Autorität an, duckt sich nicht ängstlich und schutzsuchend unter ein allmächtiges Über-Ich, sondern spricht mit Gott vertrauensvoll und verantwortlich wie ein Sohn oder eine Tochter mit ihrem Vater über sich selbst und die Welt. Zwiesprache mit Gott im Gebet ist der Ort der Offenbarung Gottes in Jesu Leben. In der Wüste, auf dem Berg, im Garten Gethsemane sucht er Orte zum ungestörten Gebet, früh am Morgen, auf der Höhe des Tages und am Abend. Wer betet, lässt sich auf Gott ein. Alles Reden über Gott gründet sich im Re-den zu Gott. Alles Nachdenken über Gott ist Denken auf ihn hin. Das "Vater unser" ist die Zusage, dass Gott dem Menschen nicht gleichgültig gegen-über steht. Er kommt ihm in lebensnotwendiger Freundlichkeit entgegen, begründet ein neues Kindschaftsverhältnis und ermächtigt ihn so vertrauensvoll wie Jesus mit Gott zu reden. Aus Distanz wird Nähe, aus Sorge Zuspruch, aus Unsicherheit Hoffnung.

Rektor Heinrich Götz,
Diakonissenanstalt
Augsburg

Wir beten:
Gütiger Vater, du bist mir nahe,
auch wenn ich dir ganz fern bin.
Du hältst mich,
auch wenn ich wenig von dir halte.
Du liebst mich,
auch wenn mir die Liebe fehlt.
Amen.

Lied 432: Gott gab uns Atem.

Foto: Harlandt

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