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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 10)

Segen oder Sünde?

"Therapeutisches Klonen" in der Diskussion

Thema 10 Es gibt nur wenige Visionen, die im Laufe der Geschichte derart in ih-ren Bann gezogen haben. Die Verheißung eines "neuen Menschen", der möglichst vollkommen sein soll, spukt seit Jahrhunderten durch die Köpfe von Wissenschaftlern. Auch in der Gentechnik spielen derartige Schöpfungsvisionen eine Rolle. In einem geheimen Labor in der Wüste Nevadas will ein Forscherteam das erste menschliche Klon-Baby erzeugen. Das Kind, die identische Kopie eines im vergangenen Jahr verstorbenen zehn Monate alten Mädchens, soll noch 2001 zur Welt kommen. Die schöne neue Welt, die Aldous Huxley in seinem bekannten Zukunftsroman beschrieben hat, wird womöglich früher Wirklichkeit, als es der Autor selbst gedacht hat.
Kurz vor Weihnachten verabschiedete das englische Parlament ein Gesetz, das das so genannte "therapeutische Klonen" innerhalb der ersten 14 Tage des embryonalen Wachstums erlaubt. Erbinformationen eines Kranken sollen in eine entkernte Eizelle eingeschleust werden. Dem daraus wachsenden Embryo werden wiederum Stammzellen entnommen, um damit Ersatzgewebe zu züchten, das vom Körper nicht abgestoßen wird. Die Forscher versprechen sich neue Möglichkeiten im Kampf gegen Alzheimer, Parkinson, multiple Sklerose, Querschnittslähmung oder Herzinfarkt.

"Debatte ohne Scheuklappe"

Nachdem sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder zu einer "Debatte ohne ideologische Scheuklappen" aufgerufen hatte, wird in Deutschland heftig debattiert. Die Gegner des "therapeutischen Klonens" sprechen von Grenzüberschreitung. Mit der Befruchtung der Eizelle sei ein genetisch vollständig angelegter Mensch entstanden, der "Gottes Ebenbild" entspreche und damit unter den Schutz des Grundgesetzes falle. Befürworter der Gentechnik verweisen auf das lebensrettende Material, das durch "therapeutisches Klonen" zur Verfügung stünde. Sie erinnern daran, dass immer wieder über den Mangel an Spenderorganen geklagt wird und an die medizinische Hilfe, die man Schwerkranken doch nicht verweigern dürfe.
Der deutsche Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin wurde heftig angegriffen, als er folgende These ins Gespräch brachte: "Menschenwürde kann nur der beanspruchen, der sich selbst achten kann." Ohne es wahrscheinlich zu wissen, brachte er damit das Hauptproblem auf den Punkt. Handelt es sich bei Embryonen im Reagenzglas um werdende Menschen oder lediglich um einen Haufen vermehrungsfähiger Zellen? Joachim Track, Professor für Systematische Theologie an der Augustana-Hochschu-le in Neuendettelsau meint: "Als Mensch wird derjenige bezeichnet, der von einem Menschen geboren wurde." Es sei unmöglich, dafür einen genauen Termin festzulegen, also zum Beispiel den Eisprung oder eine Zeit von 14 Tagen.
Die Aussage Nida-Rümelins hält der Theologe in diesem Zusammenhang für gefährlich: "Das Selbstverhältnis des Menschen kann kein Maßstab sein. Die Frage darf nicht lauten, ob er irgendeine Norm erfüllt. Wie würde man da im Hinblick auf Behinderte argumentieren?" Natürlich gebe es ein Recht auf Heilung, betont Track, aber man muss auch die Folgen im Blick behalten. Wenn werdendes Leben als Mate-rial verstanden und Ersatzteile für den Menschen hergestellt würden, dann werde eine Grenze überschritten, sagt der Systematiker. Er steht dem Klonen deshalb zurückhaltend gegenüber: "Es handelt sich um einen Eingriff, der uns nicht zusteht", meint Track. Eine sachliche Auseinandersetzung ist mittlerweile schwierig. Sie ist durch Vokabeln wie "Selektion", "Euthanasie" oder "Menschenzüchtung" vergiftet. Biomediziner werden als Frankensteins des 21. Jahrhunderts abgestempelt. Tiefe Gräben zwischen Theologen und Forschern, Ethikern und Juristen, Philosophen und Ärzten tun sich auf.

Ist Klonen Sünde?

Die "Woche", eine große deutsche Wochenzeitung, titelte vor kurzem provokativ: "Ist Klonen Sünde?" Doch so weit würde Dr. Helmut Ruhwandl, Beauftragter für Sozialethik an der Augustana-Hochschule, nicht gehen. "Seit wann ist Forschen Sünde", fragt er zurück. Mit diesem theologisch sehr gewichtigen Begriff werde ein Verhalten des Menschen beschrieben, das gegen den Willen Gottes gerichtet ist. Klonen wiederum sei ein "Vorgang in der Schöpfung, der beispielsweise bei den Pflanzen als Ableger oder beim Menschen als eineiiger Zwilling ganz natürlich ist." Problematisch werde das Klonen erst, wenn in einer Glasschale von embryonalen Lebewesen sozusagen künstlich ein Ableger oder eben ein Zwilling mit identischen Erbanlagen hergestellt werde. Für diesen Bereich, dem Klonen von menschlichen Embryonen, findet Helmut Ruhwandl deutliche Worte: "Das ist gegen die Schöpfung, also Sünde!"

Forschung ethisch geboten

Allerdings lehnt der Sozialethiker Forschungen auf dem Gebiet der Genetik nicht völlig ab. Sie seien sogar ethisch geboten und durch das Evangelium angeregt (Matthäus 4, Vers 23): "Jesus heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen im Volk." Die neuen Möglichkeiten in der Genforschung seien aber nicht nur Verheißung, sondern auch Verhängnis, weil sie im Bereich von Missbrauch und damit der Sünde liegen. Neben solch grundsätzlichen Erwägungen müssten zudem die Mechanismen der liberalen Marktwirtschaft in ein sozialethisches Urteil einbezogen werden. Das Motto "Gemacht wird, was bezahlt wird. Erforscht wird, wofür es Geld gibt" dürfe nicht zum Leitgedanken der neuen Gesellschaft werden, so Ruhwandl. Höchstes Ziel müssten die "Ehrfurcht vor dem Leben" (Albert Schweitzer) und die "Würde des Menschen" bleiben. Im Blick auf das "therapeutische Klonen" heißt das: Verträgliche Zellen für die Therapie sind auf anderen Wegen zu suchen.
Wichtig bei der ganzen Debatte ist laut Ruhwandl, "dass in der interessierten Öffentlichkeit über die Forschungen der Biotechnologie berichtet wird." Menschen aus vielen Bereichen sollten sich darüber austauschen. "Dabei müssen sie ihre Hoffnungen auf ein gesünderes Leben mit der Beachtung der Menschenwürde zusammenbringen." Vielleicht ist das Jahr 2001, das unter dem Motto "Jahr der Lebenswissenschaften" steht, eine Chance. Rund um den Globus wird über neue technische Möglichkeiten gestritten. Übrigens wählte auch die Evangelische Kirche Deutschlands die Fragen von Medizinethik und Gentechnologie zum Schwerpunktthema des ersten Halbjahres.

Günter Kusch
Foto: Wodicka


Wahrhaftig und verlässlich sein

Jesus sagt: Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.
Johannes 8,26

  Andacht 10

"Hallo, ich brauche deinen Rat." Ich rufe einen Freund an. "Sag mir, worum geht es denn?" entgegnet er, und ich bin froh, dass er sich Zeit nimmt. Ich kann mein Problem schildern. Er hat mir schon oft zugehört, mit seinem Rat oder nur durchs Zuhören geholfen. Auf ihn kann ich mich verlassen. Solche Beispiele tun gut. Denn wir kennen nur zu viele andere Fälle, in denen wir enttäuscht wurden. Nicht eingehaltene Zusagen und vergebliches Warten zeugen davon, dass wir uns nicht immer auf andere verlassen können.

Manches Mal zählen wir selber zum Kreis derer, auf die andere sich nicht verlassen können. Wir merken vielleicht gar nicht, wie sehr ein anderer auf uns baut, auf ein Zeichen oder eine Tat von uns wartet, und wie sehr er enttäuscht oder gar verletzt sein kann. Ganz anders ist Gott, bezeugt der Evangelist Johannes. Gott ist wahrhaftig. Und das verstehe ich so: Er steht zu dem, was er sagt. Ich kann mich auf ihn verlassen. Er ist wie ein guter Freund oder eine gute Freundin für mich. Natürlich ist das ein Zeugnis des Glaubens. Für mich ist Gottes Gnade und Treue jeden Morgen neu. Ich freue mich am neuen Licht jedes Tages und sehe Gottes Schöpferkraft dahinter. Ich verlasse mich darauf, dass in Jesus Christus Gottes Liebe und Zuwendung zu mir und der ganzen Welt sichtbar wird. In Jesus sehe ich, wie sehr sich Gott um mich und seine Geschöpfe abmüht und mit welchem Engagement er um unser Vertrauen wirbt. Er leidet mit ihnen und für sie. Er setzt sich ganz für uns ein.

Ein wichtiger Gedanke der Passionszeit ist für mich, dass wir uns auf Gottes Nähe in Schmerz und Leid, Schuld und Versagen verlassen können. Er ist da. Jesus am Kreuz hat offene Arme für uns. Wenn wir aber so dran sind, dass wir uns von Menschen und von Gott verlassen fühlen? Wenn wir mitten drin sind im Leiden? Dann laden uns die biblischen Worte ein, doch auf Gottes Nähe zu vertrauen, zu bitten, zu flehen, ja zu klagen - wie man das auch gegenüber einem Menschen tun kann, auf den man ganz vertrauen kann - und sich dann doch verlassen fühlt.

Das Wort Jesu spornt mich schließlich an: Mit seiner Hilfe möchte ich verlässlich und so wahrhaftig sein.

Pfarrer Karl-Heinz Fuchs,
Wernsbach

Wir beten:
Gott, ich danke dir, dass Du mir Halt gibst. Schenke mir immer dieses Grundvertrauen. Lass mich jemand sein, der andere hält, tröstet und stärkt. Lass mich, wenn ich unten bin, jemand finden, der mir zur Seite steht. Amen.

Lied 366: Wenn wir in höchsten Nöten sein.


Foto: Wodicka

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