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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 9)

Durch Leid hindurch zu gelingendem Leben finden

Wie ein Theologe und Psychologe die Aufgabe der Passionszeit beschreibt

Thema 9 Sie ist wie ein Ausgleichs- und Gegenprogramm zur Wohlfühlideologie und Heile-Welt-Gesellschaft, in der alles schön, schnell, jung und gesund sein muss. Sie will das Leben nicht vermiesen, sondern ihm mehr Tiefgang geben. So beschreibt der Theologe und Diplom-Psychologe Hans Gerhard Behringer (Nürnberg) die Aufgabe der Passionszeit. Die sieben Wochen von Aschermittwoch bis Ostern machten deutlich: "Zum Leben gehören Schattenseiten, Not und Leiden hinzu. "Wer dies ausklammere, tue sich im Alltag schwer. "Menschen verlieren Durchhaltevermögen und Tragfähigkeit für Konflikte und Schwierigkeiten."

Im christlichen Glauben werden, so Behringer, Leid, Not und Krankheit ernst genommen, aber mit der Perspektive, dass sie nicht das Letzte sind. "Karfreitag ist wichtig. Aber Dreh- und Angelpunkt der biblischen Botschaft ist Ostern." Von daher erscheine auch die Passionszeit in einem anderen Licht.

Schwierige Gratwanderung

Den Umgang mit den Schattenseiten des Lebens stellt für den Theologen, der sich als Buchautor über die Heilkraft des Kirchenjahres einen Namen gemacht hat, "eine schwie-rige Gradwanderung zwischen Leidensscheu und Leidensverherrlichung" dar. Auf der einen Seite seien für die persönliche Reifung schwere, schmerzhafte Erfahrungen wichtig, um von Menschen und von Gott hindurch begleitet zu werden. Es gehe darum, "den Schmerz bewusst zu fühlen, zu erleiden, auszudrücken und zu überstehen". Auf der anderen Seite darf dem Psychologen zufolge Leiden nicht zum Selbstzweck werden - so als sei es immer und grundsätzlich etwas Positives: "Wenn sich Menschen davon zu sehr beeinflussen lassen, nehmen sie manches hin, was vielleicht verändert werden kann."
Die Passionszeit hat für Behringer Modellcharakter: "An Jesus ist zu sehen, wie es geht, durch Leid hindurchzukommen und so zu einem gelingenden Leben zu finden." Dieser Prozess, durch Leid und Tod hindurchzugehen, ereigne sich nicht nur einmal. "Es gibt im Leben viele kleine Tode", zum Beispiel, wenn Beziehungen scheiterten, Lebensentwürfe verloren gingen oder es Veränderungen in der Arbeitswelt gäbe.
An Jesus können die Menschen dem Buchautor zufolge lernen, dass er ein nüchterner, realistischer Mann war. "Er konnte absehen, so wie ich lebe, wird es mir das Leben kosten'". Deshalb habe er schon früh von seinem Leidensweg gesprochen. In der Karwoche hat Jesus, so Behringer, am Gründonnerstag seinen Abschied gestaltet. Mit den Freunden habe er über das Weggehen geredet. "Er wich der Not und der Bedrohung nicht aus", unterstreicht der Theologe. Er rät dazu, Abschiede bewusst zu gestalten, zum Beispiel von den Kindern, wenn sie groß werden oder vom Berufsleben.

Jesus als Vorbild

Noch in anderer Hinsicht kann Jesus nach den Worten des Psychologen ein Vorbild sein: Jesus sprach offen über den Schmerz und die Angst - was Männern oft schwer falle. Er bat auch Jünger um Beistand und Hilfe, bekam sie aber nicht. Er klagte anderen und Gott gegenüber die Not, herzhaft und intensiv. Er schrie sein Elend Gott ins Angesicht, ohne Rücksicht. Behringer sieht darin eine zweifache Medizin. Zum einen eine "Medizin für fromme Leute, die sonst in Gefahr sind, zu schnell alles als von Gott verordnet anzusehen". Und zum anderen eine Medizin für die Seele: "Klagen sind nicht nur erlaubt, sondern auch notwendig zur Leidensbewältigung."
Nach Ansicht des Theologen will Gott keine kleinen Kinder als Gegenüber. Ihm gehe es um erwachsene Söhne und Töchter, die auch protestieren dürften. So habe sich Jesus gewünscht, dass der bittere Kelch des Leidens an ihm vorüber gehe. Dass er schließlich ein "Ja" dazu finden konnte, sei in der Bibel "sehr verdichtet dargestellt". In der Regel ist es nach der Erfahrung des Psychologen ein "jahrelanger oder jahrzehntelanger Prozess, bis jemand seinen ureigensten Weg bejahen kann". Ein solches Ringen sei notwendig, um zu reifen und ein mündiger, eigenständiger Mensch zu werden.
Erstaunlich ist Behringer zufolge, dass Gott dieses Ringen aushält und er Jesus keine Vorwürfe macht. Auch nicht, als dieser klagt: "Mein Gott, warum hast du mich verlasssen?" Die Auferstehung am Ostermorgen wertet der Theologe als "Bestätigung Gottes zu diesem Weg".
Von der Passion Jesu geht - so Behringer - Trost für Menschen aus. Wenn sie sehen, dass ihm Not und Schmerzen nicht fremd sind, sondern er sie am eigenen Leib erlebt hat. Und wenn sich Betroffene damit trösten: "Der am Kreuz musste viel leiden". Vor allem Menschen in der Dritten Welt bedeute es viel, den geschundenen Christus zu sehen und sich darin wieder zu entdecken.

Eine Trostbotschaft

Der Theologe warnt allerdings davor, Worte wie "Jesus musste viel schlimmer leiden als ..." gegenüber Menschen zu gebrauchen, die schwer zu tragen haben. Dies könne schnell zynisch oder als billiger Trost verstanden werden. Vielmehr komme es darauf an, Leidenden wirklich beizustehen und ihnen menschliche Nähe spüren zu lassen. Von der Passionszeit gehe eine Botschaft aus, die nicht vertrösten, sondern weiterhelfen möchte. Behringer bringt sie so auf den Punkt: "Die Leidensgeschichte Jesu ist wie eine heilsame Fläche, auf der Menschen ihren eigenen Weg sehen und dadurch Trost gewinnen können."

Günter Saalfrank

Foto: güs


Gott allein genügt

Da Jesus vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat zu ihm und sprach: Bist Du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden...
Und der Teufel stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab...
Und der Teufel zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: "Du sollst anbeten den Herrn, deinen Gott, und ihm allein dienen."
Aus: Matthäus 4, 1-11

  Andacht 09

Die Kirchendecke in der romanischen Kirche St. Martin in Zillis/ Graubünden stellt auf 98 Bildtafeln das Leben Jesu dar. Die Mitte der Bilder zeigt die dritte Versuchung Jesu. Vielleicht wollte der Maler um 1130 auf die entscheidende Siegesnachricht hinweisen: "Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre"?

Jesu Taufe hat ihm bestätigt: "Ich bin ein Geschenk des Vaters an die Menschen. Ich soll ihnen vermitteln, wer und wie der Vater ist. Darum habe ich eingewilligt, mit ihnen das Leben zu teilen." Dieser Auftrag muss sich bewähren. Der Geist führt ihn in die Wüste. Es gibt keine Fluchtmöglichkeit. Vierzig Tage und Nächte fastet Jesus. Er geht mit seinem Fasten bis an die Grenze des menschlich Aushaltbaren. Da tritt der Teufel zu ihm. Die Möglichkeit des Scheiterns Jesu könnten seine Sendung gefährden. Für die Menschen ist wichtig, wie Jesus sich in dieser Herausforderung verhält. Schauen wir also genau hin, wie Jesus mit den Anfragen und Angeboten umgeht.

Ich entdecke zum ersten: Er bleibt in der Abhängigkeit zum Vater. Sich Steine in Brot zu wandeln, wäre Selbsthilfe. Jesus hält seinen Mangel zu Gott hin offen. - Wie gehen wir da mit unserem erkannten Mangel um? Sind wir Selbstversorger und stillen ihn mit Ersatzbefriedigungen? Oder halten wir es aus, ganz auf Gott angewiesen zu sein?

Zum zweiten erkenne ich, wie Jesus sich zur Ohnmacht bekennt. Er lässt sich zu keinem Schauwunder reizen. Der Raum seiner Bergung ist für ihn im Tempel, nicht zwischen Tempelzinne und Erde. Schon als Zwölfjähriger bekennt er: "Ich bin im Tempel zu Hause!" - Wissen wir auch so gewiss, wo unser Raum tiefer Bergung ist? Die dritte Situation: In einem Augenblick sieht Jesus alle Reiche der Welt vor sich. Eben jene Szene, die der Maler in Zillis in den Mittelpunkt gerückt hat. Der Versucher weist auf die "Herrlichkeiten der Welt": Reichtum, Sinnesfreuden und Macht. Doch alles ist hervorgegangen aus dem schaffenden Wort Gottes. Was Eigentum seines Vaters ist, muss sich Jesus nicht aus fremden Händen erbetteln. In einer hoheitsvollen und entschiedenen Geste sagt Jesus zum Versucher: "Weg mit dir! Deine Gedanken sind nicht die meines Vaters." Eine eindeutige Absage. Jesus reißt nicht die Macht an sich. - Wie gehen wir mit unseren Gaben um? Bringen wir sie in Beziehung mit Gott? Loslassen kann ich, wenn mir Gott allein genug ist. In der Anbetung des dreieinigen Gottes bekenne ich, wem meine ungeteilte Aufmerksamkeit gehört.

Noch ist unser geistliches Leben gefährdet.Darum brauchen wir "Wüstenzeit", wie sie sich in der Passionszeit anbietet. Wie wollen wir sie gestalten? Der Sieger Jesus Christus bleibt uns nahe, stärkt uns und richtet uns immer wieder aus auf Gott, der allein genügt.

Schwester Isolde Rügemer,
Christusbruderschaft Selbitz

Wir beten:
Nichts darf mich ängstigen, nichts darf mich erschrecken; alles geht vorüber, Gott ändert sich nicht. Wer Gott besitzt, dem wird nichts fehlen. Gott allein genügt. Amen.

Lied 697: Meine Hoffnung und meine Freude


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