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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 8)

"Ohne Lachen gäbe es viel mehr Frust und Kriege"

Interview mit dem Fürther Kabarettisten und Kirchenvorsteher Volker Heißmann

Thema 8 Er braucht keine fünfte Jahreszeit, um so richtig in Stimmung zu kommen. "Wir haben das ganze Jahr Fasching", schmunzelt Volker Heißmann. "Das ist ja das Schöne an uns Komödianten, dass wir uns jederzeit verkleiden können, um den Leuten einen Spiegel vorzuhalten", fügt der 31-Jährige hinzu, der seit 1991 die Geschicke der Comoedie Fürth leitet. Was nur wenige wissen: Der fränkische Kabarettist ist seit 13 Jahren im Kirchenvorstand der Fürther Gemeinde St. Paul. Kabarett und Kirche, wie passt das zusammen? Sonntagsblatt-Redakteur Günter Kusch hat Volker Heißmann dazu befragt.


Sonntagsblatt: Sie haben einmal gesagt, die Kirche sei schuld daran, dass Sie Komödiant wurden...
Heißmann: Ja, das ist schon witzig. Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich unbedingt das Flötenspiel lernen. Unsere Kantorin meinte, ich sollte erst einmal im Kinderchor singen. Als sie feststellte, dass ich eine hübsche und hohe Stimme hatte, durfte ich beim Krippenspiel teilnehmen und die Maria singen. Diese Rolle übernahm ich dann bis zum 16. Lebensjahr. Ich dachte schon, wann kommt endlich mein Stimmbruch? Zum Glück ging alles gut und ich wurde zum Bass.

Weiter Weg zum Kabarettist


Sonntagsblatt: Von der Maria ist es aber doch ein weiter Weg bis zum Kabarettisten...
Heißmann: Bei Jugendfreizeiten gab es zum Abschluss einen "bunten Abend", zu dem jeder etwas beitragen sollte. Gemeinsam mit einem Freund spielte ich Sketche von Didi Hallervorden nach, der damals gerade auf Tournee war. Die Leute waren von uns derart begeistert, dass sie uns dazu ermunterten, 1983 in Fürth ein zweistündiges Programm mit Sketchen auf die Bühne zu bringen. Wir waren da gerade mal 14 Jahre alt und unheimlich aufgeregt.
Sonntagsblatt: Inzwischen bewältigen Sie mehr als 300 Auftritte pro Jahr. Liefern Ihre Erfahrungen im Kirchenvorstand mitunter Stoff für Satire?
Heißmann: Ab und zu schon. Wenn zum Beispiel 15 erwachsene Menschen zusammensitzen, die als Tagesordnungspunkt Zwei das Thema "Gottesdienstgestaltung" haben, aber über Punkt Eins, die Organisation des Grillfestes, bereits eineinhalb Stunden lang diskutiert. Da wurde ausführlich darüber gesprochen, ob man nun nürnberger oder fränkische Bratwürste nimmt und darüber, ob man 30 oder 40 Paar einkauft. Am Schluss stand fest: Wir nehmen 35 Fränkische! Aber für die Frage, inwieweit der Gottesdienst umstrukturiert werden könnte, blieben uns nur noch zehn Minuten. Solche Erfahrungen bieten sich natürlich an, sie kabarettistisch weiter zu "verbraten".
Sonntagsblatt: Heißt das, seitdem Sie im Kirchenvorstand sind, gibt es öfter einmal etwas zu lachen?
Heißmann: Es kam bei der vergangenen KV-Wahl zu einem Generationenwechsel. Und die acht Neuen dachten tatsächlich, naja der Heißmann ist dabei, da wird es recht lustig. Aber ich bin da schon ernst und kein Blödel. Ich glaube, dass Komödianten gerade im privaten Bereich oft sehr ernste Menschen sind. Ab und zu kommt mir aber im Kirchenvorstand schon etwas Witziges über die Lippen.

Kabarett-Gottesdienst


Sonntagsblatt: In St. Sebald/Nürnberg und in Kammerstein bei Schwabach waren Sie einmal bei einem Kabarett-Gottesdienst zu erleben. Was soll man sich denn darunter vorstellen?
Heißmann: Die Idee ist nach einem Gastspiel in einer Dorfgaststätte in Kammerstein entstanden. Der Pfarrer saß in der ersten Reihe. Vorher hatte er noch gemeinsam mit dem Bürgermeister eine Gans verspeist. Das war für uns dann Thema im Programm. Der Pfarrer kam anschließend auf uns zu und meinte: "Mensch, heute waren wir ja die Opfer. Ich bin auch so ein Lustiger. Ich würde gerne mal was in dieser Richtung machen." Worauf ich ihm vorschlug, einen Kabarett-Gottesdienst zu gestalten. Er war sofort davon begeistert.
Sonntagsblatt: Die Kanzel als Bütt, eine Blaskapelle statt der Orgel, kommt das an?
Heißmann: Nein, nein, so war das nicht. Es gab ein ganz normales Orgelvorspiel und der Pfarrer kommt herein, um den neuen Vikar vorzustellen. Er bittet die Gemeinde jedoch um Nachsicht, weil der Neue doch recht aufgeregt sei. Ich kam dann im Talar herein, aber mit einem weiß-blauen Beffchen, um keine Probleme zu bekommen. Und als Vikar habe ich dann die Abkündigungen gemacht, den Spruch der Woche, wobei ich einiges durcheinander brachte. Wir hatten keinen Text vorbereitet, alles ergab sich ganz spontan. Auch bei der Predigt: Ein Junge aus der Gemeinde wählte per Zufallsprinzip einen Text aus der Bibel, über den der Pfarrer und ich dann je fünf Minuten predigten.
Sonntagsblatt: Wie wichtig sind Ihnen Kirche und Christsein im Beruf?
Heißmann: Ich bin nicht jeden Sonntag in der Kirche. Aber ich versuche - was mir sicher nicht immer gelingt - nach dem Prinzip der christlichen Nächstenliebe und nach den Geboten zu leben. Der Blick auf Jesus Christus ist mir wichtig. Ich sage öfter am Samstag abend vor der Zugabe: "Ihr bekommt nur dann eine Zugabe, wenn Ihr am nächsten Sonntag in die Kirche geht."
Sonntagsblatt: Und, hat das schon einmal gewirkt?
Heißmann: Ich weiß nicht, ob es etwas bringt, aber es schadet zumindest nicht. Die Leute überlegen so vielleicht, wieder einmal über einen Gottesdienst zu besuchen. Vielleicht denken sie ja auch bloß wieder über Gott nach oder sprechen nach langer Zeit einmal ein Gebet.

Sondergottesdienste anbieten


Sonntagsblatt: Woran liegt es, dass immer weniger Jugendliche Theologie studieren. Ist die Kirche zu ernst geworden?
Heißmann: Derzeit werden Pfarrstellen in den Gemeinden gestrichen, auch in anderen Bereichen gibt es Einsparungen. Für die eigentliche Arbeit des Pfarrers - Seelsorge und Verkündigung - bleibt fast keine Zeit mehr. Und wenn man in den Gottesdiensten aber nichts Besonderes bietet, kommen eben nur noch kirchliche Mitarbeiter oder Aussiedler, für die der Gottesdienst sowieso zum Leben dazugehört. Man muss eben überlegen, ob es sinnvoll ist, die Gottesdienstordnung, die seit 100 Jahren mehr oder weniger gleich ist, nicht freier gestaltet, um auch einmal jüngere Menschen anzusprechen. Ein Kabarett-, Diskussions- oder Musik-Gottesdienst wär da eine gute Alternative. Heutzutage muss man den Leuten schon etwas bieten.
Sonntagsblatt: In dem Kinofilm "Der Name der Rose" ging es auch um die theologische Frage, ob Jesus gelacht hat und ob Gottes Sohn so etwas wie menschliche Regungen zeigen darf. Was würde der Kabarettist darauf antworten?
Heißmann: Wenn Gott nicht möchte, dass es Lachen gibt, warum macht es dann so viel Freude? Wenn wir nichts mehr zum Lachen hätten, wären wir schon längst dem Untergang geweiht. Dann gäbe es viel mehr Frust und Kriege. Es ist doch gerade das Schöne, dass auch in der tiefsten Trauer oder zumindest nach einer gewissen Zeit das Lachen wieder kommt. Ich denke mir oft, wenn wir eine Vorstellung machen, dass der liebe Gott da drüber sitzt und sich so richtig mitfreut, wenn er sieht: Da sitzen Menschen, die vielleicht schon ewig nichts mehr zum Lachen gehabt haben und vergessen für zwei Stunden ihre Sorgen. Vielleicht hilft das, über manches Schicksal leichter hinwegzukommen.
Sonntagsblatt: Die närrische Zeit geht ja jetzt ihrem Ende zu. Gibt es etwas, das Sie den Pfarrern und Gemeindegliedern für die Monate danach mitgeben möchten?
Heißmann: Ich würde mir wünschen, dass mehr Pfarrer ihre Zuhörer mit der Predigt fesseln können. Es gibt ja viele Predigten, denen man wegen der Rhetorik keine 15 Minuten folgen kann. Es muss in der Predigt etwas enthalten sein, das den Menschen sehr berührt und etwas, worüber sie lachen können. Und zu den Gemeindegliedern: Leider ist es ja in der Kirche völlig verpöhnt, dass man klatscht, wenn einem etwas gefällt. Aber woher soll der Pfarrer wissen, ob etwas gut bei den Leuten ankommt?

Rolle des Predigers


Sonntagsblatt: Warum drängt es Volker Heißmann eigentlich so in die Rolle des Predigers, siehe Kabarett-Gottesdienste?
Heißmann: Weil ich glaube, dass ich die christliche Botschaft den Leuten näherbringen kann als mancher Pfarrer. Das liegt einfach daran, weil ich näher dran bin an den Menschen. Und weil sie mir vielleicht manches eher abnehmen als einem Pfarrer, der das berufsmäßig macht.

Foto: Kusch


Schrei nach Barmherzigkeit

Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, daß ein Blinder am Wege saß und bettelte. Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: Was willst du, daß ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, daß ich sehen kann. Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.
Lukas 18,35-43

  Andacht 08

Jesus kommt auf seinem Weg nach Jerusalem in die Nähe von Jericho. Nach heutiger Forschung ist diese Stadt bereits 11.000 Jahre alt. Hier standen viele Palmen, es wurden Datteln geerntet und ausgeführt. Hier wurde Balsam hergestellt, ein wohlriechendes und teures Öl. Jericho war eine reiche Stadt, eine bedeutende Kulturstadt. Es war die Stadt der Zöllner und der Priester.

Neben dem großen Reichtum gab es aber auch große Armut. Am Straßenrand von Jericho saßen die Bettler, die Armen, die Kranken und Entrechteten. Es sind Menschen, die unter entwürdigenden Bedingungen in Armut leben müssen. Das ist die Schattenseite der hohen Kultur. Da ist auf der einen Seite der immense Reichtum, auf der anderen Seite die ungeheure Armut.

An dem blinden Bettler, der seinen Bettelplatz vor der Stadt hat, ziehen besonders viele Menschen vorbei. Viele von ihnen sind Pilger, die zum Passafest nach Jerusalem ziehen. Viele erwarten nach Jesu Wundern und Predigten, dass er in diesen Tagen das Reich Gottes in Jerusalem errichten wird, dass er eine Armee sammeln und die Römer aus dem Land vertreiben wird. Dass sein Weg ans Kreuz geht, das hat Jesus nur seinen Jüngern gesagt. Aber die wollen das nicht hören (Lukas 18, 31-34).

Der Blinde hört, dass Jesus kommt. Er ruft: "Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner." In Jesus sieht der Blinde die Barmherzigkeit Gottes in Person. Nach dieser Barmherzigkeit schreit er so laut er kann. Den Leuten in seiner Nähe ist das zu laut. Sie wollen ihn ruhig stellen. Aber das geht nicht. Denn dieser Schrei ist Glauben an Jesus. Der lässt sich nicht still stellen. Der Glaube schreit nach Barmherzigkeit, nach Anerkennung und Wiederherstellung der Menschenwürde. Jetzt kommt Jesus vorbei. Wo er ist, da kommt Hoffnung gerade zu den Armen, zu den Entwürdigten und Entrechteten. Wo Jesus ist, da kommt die Kultur der Barmherzigkeit zu den Menschen. Diese neue Kultur der Barmherzigkeit zeigt sich hier am Straßenrand der alten Kulturstadt. "Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen." Es hätte ja auch die Möglichkeit bestanden, in einer großartigen Geste die Blindheit dieses Menschen wegzunehmen und der Menge ein großes Wunder zu zeigen. Aber das tut Jesus nicht. Er beginnt ein Gespräch. Jesus fragt: "Was willst du, dass ich für dich tun soll?" So beteiligt Jesus den Blinden. Jesus achtete ihn und seinen Willen. Der Blinde sagt: "Herr, ich möchte sehen können". Blinde heilen, das kann nach der Erwartung der Bibel nur der Messias.

Jesus heilt den Blinden, aber am Ende macht er aus der Geschichte der Heilung doch eine Geschichte des Glaubens. Jesus sagt zu dem Geheilten: "Sei sehend. Dein Glaube hat dir geholfen". So ruft Jesus alle, die von diesem Wunder hören, zu einer neuen Lebensweise. Er ruft zum Glauben und zum Vertrauen. Er ruft uns heraus aus der alten Lebensweise, die ganz auf unsere eigenen Kräfte vertraut und auf die Kultur, die wir selber schaffen können. Er ruft uns zum Glauben, dass wir uns ganz auf Gottes Hilfe verlassen, auf seine Barmherzigkeit und selber Menschen werden, die der Barmherzigkeit alles zutrauen. Denn wo Jesus ist, da zieht die Barmherzigkeit ein und der Schrei nach Barmherzigkeit geht nicht mehr ins Leere.

Pfarrer Thomas Römer, München

Wir beten:
Herr Jesus Christus, du bist Gottes Barmherzigkeit. Nach dir sehnt sich unser Leben und unsere Welt. Wir bitten dich, dass wir deine Barmherzigkeit erfahren und Menschen werden die barmherzig sind. So komme deine Barmherzigkeit besonders zu allen, die krank sind, die leiden, die Angst haben, die entrechtet und entwürdigt sind. Herr, erbarme dich über uns. Amen.

Lied 355: Mir ist Erbarmung widerfahren.

Foto: Wodicka

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