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"Nacht-Cafe"
Im Wilhelm-Löhe-Haus des Diakonischen Werkes Bamberg-Forchheim ist heute "Nacht-Cafe" und der Gemeinschaftsraum wird ab 20 Uhr langsam immer voller. Martin Knobloch sitzt am Kopfende des Tisches. Auf ihn haben die meisten Anwesenden sehnlich gewartet. Heute Abend ist er - wie so oft - der "Hahn im Korb": 15 alte Damen sitzen im Gemeinschaftsraum, einige haben sich sicherheitshalber bei Schwester Petra erkundigt, ob Herr Knobloch auch wirklich kommt. Wie immer hat er seine Mundharmonika dabei. Der 79-Jährige ist ein richtiger Bilderbuch-Opa, Enkelkinder hat er allerdings keine. Bei fast jedem Freizeitangebot der Heimleitung ist Martin Knobloch dabei, bei Ausflügen, Gymnastikgruppen oder Liederabenden.
"Schatzsucher" bei Senioren
"Wir haben hier Senioren, die nicht wissen, wo sie wohnen, 90-Jährige, die ständig nach ihrer Mutter fragen, die aber aus dem Stegreif vier Strophen vom ‚Jäger aus der Kurpfalz' singen", berichtet Saul. Der Diplompädagoge ist ein "Schatzsucher": Tief vergrabene Begabungen spürt er bei den Heimbewohnern wieder auf, hier und da kommen längst verloren geglaubte Fähigkeiten ans Licht. Das gibt Selbstvertrauen, "man hat eine Aufgabe und macht sich nützlich", ergänzt die 84-jährige Margarete Schick. Die Bewohner sticken, häkeln, basteln Weihnachtskarten und Osterschmuck, es werden eigene Gedichte vorgetragen und kleine Artikel für die Hauszeitung "Blickpunkt" geschrieben.
Gemütlicher Treff
"Die Leute werden abends oft ins Bett gebracht, weil Dienstschluss ist", lässt die Altenpflegerin Erika Rauscher durchblicken, "beim Nachtcafe können die Senioren einmal in der Woche so lange aufbleiben, wie sie wollen." Dann wird der Gruppenraum zum gemütlichen Wohnzimmer, um zu erzählen, stricken oder zu spielen. Oder um in alten Erinnerungen zu schwelgen - von den langen schlesischen Wintern, vom Geruch des Pferdestalls und von warmen Ziegelsteinen unter der Bettdecke. Und während die Senioren so vergangenen Zeiten nachsinnen, spielt Martin Knobloch noch ein altes Volkslied.
Fotos: Hupfer
Ein Konfirmand ist in der Schule "sitzen geblieben". Es fällt ihm schwer, Anschluss an seine neue Klassengemeinschaft zu finden. Er kapselt sich immer mehr ab.
Der Verlobte von Fräulein Auguste hat sie vor mehr als 40 Jahren "sitzen lassen". Seitdem ist sie verbittert und einsam. Niemanden lässt sie an sich heran. Sie hatte Angst, wieder enttäuscht zu werden. So ist sie allein geblieben. Der Nachbar hat zu viel getrunken und einen Unfall verursacht. Nun "sitzt er ein". Es wird getuschelt hinter dem Rücken seiner Familie. Seine Angehörigen werden ausgegrenzt. Wer so "sitzt" im Leben, der ist bei seinen Mitmenschen meist abgeschrieben. Der Mann in unserer biblischen Geschichte "sitzt" auch. Matthäus sitzt
am Zoll. Zöllner und Sünder waren im damaligen Sprachgebrauch ein und dasselbe. Mit solchen Leuten wollte niemand freiwillig zu tun haben. Zöllner und Sünder wurden ausgegrenzt. Die in ihren eigenen Augen Gerechten waren sich einig: Solche Menschen gehören nicht nur ausgestoßen aus der Gesellschaft; auch das Reich Gottes bleibt ih-
nen verschlossen. Sie sind völlig untauglich und ungeeignet zur Mitarbeit in der Gemeinde des Herrn. Wir wissen nicht, wie Matthäus sich bei seinem Sitzen im Zollhaus gefühlt hat. Wir wissen aber aus vielfältiger Erfahrung heraus, dass es einen Menschen anspornt, wenn von ihm Gutes und Großes erwartet wird. Wir wissen auch, wie es ist, wenn umgekehrt einer immer nur bescheinigt bekommt, dass er für anspruchsvollere Aufgaben nicht taugt. Es ist wie ein Teufelskreis:
Und Matthäus ist noch dazu ein Mann mit Vergangenheit. Jesus holt sich einen, von dem die meisten Menschen sagen: "Bloß den nicht!"
Damit zeigt Jesus den verblüfften Pharisäern den Maßstab, der allein im Reich Gottes gilt: Nicht menschlicher Verdienst, sondern Gottes zuwendende Gnade. Oder - wie es der Wochenspruch sagt: "Wir vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit." Jesu Aufgabe besteht nun nicht darin, dass er "Zöllner und Sünder" in "Gerechte" verwandelt, die nunmehr ohne seine rettende Barmherzigkeit auskommen können. Das neue Leben, das Jesus den Seinen gibt, bleibt immer rückgekoppelt an seinen Spender. Ein Leben als Christ ist nur möglich in Verbindung mit Christus. Für mich ist das größte Wunder in dieser Geschichte, dass Jesus mit Sündern - mit ausgegrenzten und verachteten Menschen - etwas anfangen kann. Seine ganze Kirche besteht aus solchen begnadeten Sündern. Das macht Mut
- so wie der Zöllner Matthäus nicht sitzenzubleiben, sondern aufzustehen und Jesus zu folgen. Das macht Mut zur Mitarbeit in Gottes Gemeinde. Und das gibt die Kraft, die Barmherzigkeit, von der ich selber lebe, anderen weiterzugeben. "Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein. Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein."
Pfarrer Jürgen Hacker, Weißenbrunn
Wir beten: Lied: Vertraut den neuen Wegen.
Foto: Wodicka
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