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Hier lesen Sie das Thema der Woche, das sich auf der Seite 3 der aktuellen Sonntagsblatt-Ausgabe befindet, und die wöchentliche Andacht. (Heft 6)

Wie vergrabene Begabungen wieder ans Licht kommen

Kernpunkt des Betreuungskonzeptes im Bamberger Seniorenheim: Geistige Anreize geben

Thema 6 Das kleine Gesicht an der gegenüberliegenden Tischseite lächelt, schaut dann ein wenig scheu zur Seite, doch sucht gleich wieder Blickkontakt. Der linke Arm liegt verkrümmt vor der Brust, die Finger sind fest aneinander gepresst und ineinander geschoben. Dorothea Matreux sitzt im Gemeinschaftsraum im ersten Stock des Seniorenheimes "Wilhelm-Löhe-Haus", Schwester Erika hat sie mit dem Rollstuhl ganz nah an den Tisch geschoben. Auch wenn sie nur noch ihre rechte Hand richtig benutzen kann, ist sie beim Bemalen der kleinen Blumentöpfe äußerst sorgfältig. Früher, als sie noch Kindergärtnerin war, hat sie immer mit den Kindern gebastelt und vor allem gesungen, erzählt sie mit kaum hörbarer Stimme. "Aber heute kriege ich keinen vernünftigen Ton mehr raus." Seit ihrem Schlaganfall ist Frau Matreux halbseitig gelähmt, auch das Sprechen macht ihr seitdem Mühe. Ihre Tochter hat die 88-Jährige deswegen nach Bamberg geholt. "Hier besucht sie mich jeden Tag", erzählt sie und ist ein wenig stolz auf ihr Privileg, denn nicht alle Heimbewohner haben dieses Glück. Und dann fügt sie hinzu: "Na ja, glücklich bin ich eigentlich nicht, aber zufrieden."

"Nacht-Cafe"

Im Wilhelm-Löhe-Haus des Diakonischen Werkes Bamberg-Forchheim ist heute "Nacht-Cafe" und der Gemeinschaftsraum wird ab 20 Uhr langsam immer voller. Martin Knobloch sitzt am Kopfende des Tisches. Auf ihn haben die meisten Anwesenden sehnlich gewartet. Heute Abend ist er - wie so oft - der "Hahn im Korb": 15 alte Damen sitzen im Gemeinschaftsraum, einige haben sich sicherheitshalber bei Schwester Petra erkundigt, ob Herr Knobloch auch wirklich kommt. Wie immer hat er seine Mundharmonika dabei. Der 79-Jährige ist ein richtiger Bilderbuch-Opa, Enkelkinder hat er allerdings keine. Bei fast jedem Freizeitangebot der Heimleitung ist Martin Knobloch dabei, bei Ausflügen, Gymnastikgruppen oder Liederabenden.
"Musik spielt ein wichtige Rolle, sie überschreitet alle Grenzen, da können die Leute geistig noch so verwirrt sein", bestätigt Matthias Saul, der für das pädagogische Programm im Wilhelm-Löhe-Haus verantwortlich ist. Und tatsächlich: Beim Operetten-Quiz während des wöchentlichen "Bunten Abends" genügen oft drei, vier Takte, schon ruft jemand: "Schenkt man sich Rosen in Tirol, gesungen von Rudolf Schock", in die Runde. Und ein paar Damen stimmen sofort ein und singen noch ein paar Zeilen, wenn Renate Höhn auf der eingelegten CD "Die Christel von der Post" trällert.

"Schatzsucher" bei Senioren

"Wir haben hier Senioren, die nicht wissen, wo sie wohnen, 90-Jährige, die ständig nach ihrer Mutter fragen, die aber aus dem Stegreif vier Strophen vom Jäger aus der Kurpfalz' singen", berichtet Saul. Der Diplompädagoge ist ein "Schatzsucher": Tief vergrabene Begabungen spürt er bei den Heimbewohnern wieder auf, hier und da kommen längst verloren geglaubte Fähigkeiten ans Licht. Das gibt Selbstvertrauen, "man hat eine Aufgabe und macht sich nützlich", ergänzt die 84-jährige Margarete Schick. Die Bewohner sticken, häkeln, basteln Weihnachtskarten und Osterschmuck, es werden eigene Gedichte vorgetragen und kleine Artikel für die Hauszeitung "Blickpunkt" geschrieben.
"Ich habe nach drei Schlaganfällen und einem Herzinfarkt nicht geglaubt, dass ich so etwas noch kann. Ich musste das erst wieder lernen", berichtet Frau Schick, während sie das Muster für eine Tischdecke stickt. Geistige Anreize zu geben ist Kernpunkt des Betreuungskonzepts im Wilhelm-Löhe-Haus. Geräusche, ein lautes Lachen, Gespräche oder Körperkontakt holen nicht nur altersverwirrte Menschen ein Stück aus ihrer Isolation.
Die 123 Heimbewohner - so oft es geht - aus ihren Zimmern zu locken, gehört ebenfalls zum Programm der Heimleitung. Der Rummelsberger Diakon Ernst Müller und seine Frau leiten das Altenwohnheim. Satt, sauber und still reiche nicht aus, betonen beide. Sie setzten auf "psychosoziale Betreuung" und haben in den eineinhalb Jahren, in denen sie das Haus leiten, die Pflege Stück für Stück umstrukturiert. "Dazu gehört zum Beispiel, dass keine Schwester mehr im Stehen Essen ausgibt, sondern sich zu dem alten Menschen setzt und damit signalisiert, dass sie sich jetzt Zeit nimmt", erläutert Uschi Müller. Ehrenamtliche und Halbtagskräfte unterstützen stärker die Arbeit. Möglichst viel Leben soll sich in den Gemeinschaftsräumen abspielen: Wohlfühlatmosphäre statt berechenbarem Zuwendungsanspruch der Stufe eins, zwei oder drei der Pflegeversicherung.

Gemütlicher Treff

"Die Leute werden abends oft ins Bett gebracht, weil Dienstschluss ist", lässt die Altenpflegerin Erika Rauscher durchblicken, "beim Nachtcafe können die Senioren einmal in der Woche so lange aufbleiben, wie sie wollen." Dann wird der Gruppenraum zum gemütlichen Wohnzimmer, um zu erzählen, stricken oder zu spielen. Oder um in alten Erinnerungen zu schwelgen - von den langen schlesischen Wintern, vom Geruch des Pferdestalls und von warmen Ziegelsteinen unter der Bettdecke. Und während die Senioren so vergangenen Zeiten nachsinnen, spielt Martin Knobloch noch ein altes Volkslied.
Simon Hupfer

Fotos: Hupfer


Aussitzen oder Nachfolgen

Jesus sah einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern. Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.
Matthäus 9, 9-13

  Andacht 06

Ein Konfirmand ist in der Schule "sitzen geblieben". Es fällt ihm schwer, Anschluss an seine neue Klassengemeinschaft zu finden. Er kapselt sich immer mehr ab. Der Verlobte von Fräulein Auguste hat sie vor mehr als 40 Jahren "sitzen lassen". Seitdem ist sie verbittert und einsam. Niemanden lässt sie an sich heran. Sie hatte Angst, wieder enttäuscht zu werden. So ist sie allein geblieben. Der Nachbar hat zu viel getrunken und einen Unfall verursacht. Nun "sitzt er ein". Es wird getuschelt hinter dem Rücken seiner Familie. Seine Angehörigen werden ausgegrenzt. Wer so "sitzt" im Leben, der ist bei seinen Mitmenschen meist abgeschrieben. Der Mann in unserer biblischen Geschichte "sitzt" auch. Matthäus sitzt am Zoll. Zöllner und Sünder waren im damaligen Sprachgebrauch ein und dasselbe. Mit solchen Leuten wollte niemand freiwillig zu tun haben. Zöllner und Sünder wurden ausgegrenzt. Die in ihren eigenen Augen Gerechten waren sich einig: Solche Menschen gehören nicht nur ausgestoßen aus der Gesellschaft; auch das Reich Gottes bleibt ih- nen verschlossen. Sie sind völlig untauglich und ungeeignet zur Mitarbeit in der Gemeinde des Herrn. Wir wissen nicht, wie Matthäus sich bei seinem Sitzen im Zollhaus gefühlt hat. Wir wissen aber aus vielfältiger Erfahrung heraus, dass es einen Menschen anspornt, wenn von ihm Gutes und Großes erwartet wird. Wir wissen auch, wie es ist, wenn umgekehrt einer immer nur bescheinigt bekommt, dass er für anspruchsvollere Aufgaben nicht taugt. Es ist wie ein Teufelskreis:
Je entmutigter, desto untüchtiger; je untüchtiger, desto verachteter; je verachteter, umso mehr entmutigt. Jesus durchbricht diesen Teufelskreis. Er sagt zu Matthäus: "Folge mir! Ich kann dich brauchen, du bist es in meinen Augen wert, einer meiner Gefolgsleute zu sein!" Der Zöllner Matthäus wird allein durch Jesu Gnade und Barmherzigkeit ein Mitarbeiter in Gottes Gemeinde. Keine Firma würde es wagen, einen Menschen so ungeprüft, ohne jeglichen Eignungstest, sogar ohne jedes Vorgespräch einzustellen.

Und Matthäus ist noch dazu ein Mann mit Vergangenheit. Jesus holt sich einen, von dem die meisten Menschen sagen: "Bloß den nicht!" Damit zeigt Jesus den verblüfften Pharisäern den Maßstab, der allein im Reich Gottes gilt: Nicht menschlicher Verdienst, sondern Gottes zuwendende Gnade. Oder - wie es der Wochenspruch sagt: "Wir vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit." Jesu Aufgabe besteht nun nicht darin, dass er "Zöllner und Sünder" in "Gerechte" verwandelt, die nunmehr ohne seine rettende Barmherzigkeit auskommen können. Das neue Leben, das Jesus den Seinen gibt, bleibt immer rückgekoppelt an seinen Spender. Ein Leben als Christ ist nur möglich in Verbindung mit Christus. Für mich ist das größte Wunder in dieser Geschichte, dass Jesus mit Sündern - mit ausgegrenzten und verachteten Menschen - etwas anfangen kann. Seine ganze Kirche besteht aus solchen begnadeten Sündern. Das macht Mut - so wie der Zöllner Matthäus nicht sitzenzubleiben, sondern aufzustehen und Jesus zu folgen. Das macht Mut zur Mitarbeit in Gottes Gemeinde. Und das gibt die Kraft, die Barmherzigkeit, von der ich selber lebe, anderen weiterzugeben. "Zu jedem will er kommen, der Herr in Brot und Wein. Und wer ihn aufgenommen, wird selber Bote sein."



Pfarrer Jürgen Hacker, Weißenbrunn

Wir beten:
Herr Jesus Christus, wir danken dir, dass du niemanden links liegen lässt, sondern jeden in deine Nachfolge rufen willst. Du baust deine Kirche aus Menschen, die angewiesen sind auf deine Liebe und Barmherzigkeit. Schenke uns jeden Tag neu diese Gaben, damit auch wir Liebe und Barmherzigkeit üben können, und uns so als deine Gemeinde erweisen. Amen.

Lied: Vertraut den neuen Wegen.

Foto: Wodicka

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