Diakoninnengemeinschaft wächst
Relativ junger kichlicher Beruf mit vielen Möglichkeiten
"Ja, mit Gottes Hilfe", tönt
es gleichzeitig aus zehn jungen Frauenmündern. Dabei handelt es sich nicht
etwa um eine Vielfach-Hochzeit, sondern um zehn Diakoninnen, die in Rummelsberg
in ihr neues Amt eingesegnet werden. "Eine Aufregung ist das, hier geht
es zu, wie bei einer Hochzeit", stöhnt eine junge Dame, die vor dem Gottesdienst
noch in den Vorbereitungen hängt. Dabei wird nicht sie selbst eingesegnet,
sondern eine gute Freundin von ihr. Aber sie hat recht, es geht rund.
Jede Menge Menschen kommen, die bei der Einsegnung dabei sein wollen und
im Haus der Diakoninnen herrscht ein ständiges Kommen und Gehen.
Diakoninnen seit 1982
Das war nicht schon immer so. Während es die Brüdergemeinschaft der
Rummelsberger Diakone schon seit über hundert Jahren gibt, existiert die
Diakoninnengemeinschaft erst seit 1982. Vorher gab es für Frauen nur in
seltenen Ausnahmefällen die Möglichkeit, Diakonin zu werden. Sie mussten
sich damit begnügen "nur" Krankenschwester oder Erzieherin zu sein. Inzwischen
bietet die Diakoninnenausblidung mehrere Möglichkeiten. Neben der theologischen
Ausbildung im Grund- und Oberseminar können die Frauen (und Männer) auswählen
zwischen: Krankenschwester, Erzieherin, Altenpflegerin, Heilerziehungspflegerin
oder Sozialpädagogin. Erst wird ein Jahr Grundkurs in Rummelsberg absolviert,
daran schließt sich die drei- oder beim Studium vierjährige Ausbildung
an. Danach kommt nochmals ein Jahr in Rummelsberg. Seit 1992 besteht auch
die Möglichkeit, dass jemand, die bereits eine der genannten Ausbildungen
hat, die zwei theologischen Jahre am Stück macht und so die Diakoninnenausbildung
nachholt.
Die Gemeinschaft der Diakoninnen, der zur Zeit 144 Frauen angehören -
Tendenz steigend, unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der Brüderschaft,
die sich als Lebens-, Dienst- und Sendungsgemeinschaft versteht. "Wir
betrachten uns als eine Dienst- und als geistliche Gemeinschaft", schildert
Gabriele Gerndt, Pfarrerin der Diakoninnengemeinschaft. Der Aspekt der
Lebensgemeinschaft - dazu gehört zum Beispiel, dass ein Diakon seine zukünftige
Frau den Brüdern vorstellen muss - fällt bei den Diakoninnen weg. Auch
gesendet werden die Frauen nicht, sie müssen sich ihre Stellen selbst
suchen.
Doch wie es aussieht nicht mehr lange. Denn die Diakoninnengemeinschaft
hat bei der Landeskirche den Antrag auf Verbeamtung gestellt. "Wir hoffen,
dass darüber auf der Frühjahrssynode entschieden wird", meint Gerndt.
Dann würden auch die Frauen auf Stellen gesendet und hätten die Sicherheit,
eine Arbeit zu bekommen. Bislang war es oft schwierig, eine Stelle zu
finden. Die Pfarrerin ist zuversichtlich, dass der Antrag durchgeht. Das
könnte dann ein weiterer Anreiz sein, die Ausbildung zur Diakonin zu machen.
Eine Diakonin, die seit mehreren Jahren im Arbeitsleben steht ist Sabine
Ebert. Sie hatte Erzieherin gelernt und einige Jahre im Heim gearbeitet.
"Schließlich kam ein Punkt, wo ich über meine Zukunftsperspektiven nachgedacht
habe", erzählt sie. "Immer in dem Erziehungsbereich zu bleiben, konnte
ich mir nicht vorstellen." Also informierte sie sich über weitere Aus-
und Fortbildungen. Schließlich hörte sie von der Möglichkeit, in zwei
Jahren Diakonin zu werden. Mit dieser Zusatzqualifikation sah sie für
sich mehr Chancen. "Ich wollte entweder aussteigen aus dem sozialen Bereich
oder aufsteigen."
Die 33-Jährige stieg auf. Sie ist als Diakonin in der Gehörlosengemeinde
Nürnberg tätig. Zu ihren Aufgaben gehört es, Veranstaltungen zu organisieren,
Gruppen zu leiten und Seelsorge. "Es ist wichtig, dass Kirche sich um
Menschen kümmert, die sonst oft durch's Raster fallen. Während anderswo
viele Leute aus der Kirche austreten, haben die Gehörlosengemeinden großen
Zulauf", sagt sie. Kirche solle den gehörlosen Menschen vermitteln, dass
Gott ein begleitender und befreiender Gott ist, der sie nicht allein lässt.
Sabine Ebert hält - wie ihre Kolleginnen auch - viel von der Diakoninnengemeinschaft.
"Mir gefällt besonders gut unser Begleitungssystem", sagt sie. Eine Grundkurslerin
wird von einer Diakonin begleitet, die bereits im Arbeitsleben steht.
Die Form der Begleitung bestimmen die beiden letztlich selbst. Meistens
treffen sie sich etwa alle sechs Wochen zu Gesprächen. Auch im Oberseminar
gibt es wieder für jede eine "Begleitfrau".
Bereicherndes Leben
"Das Leben in der Diakoninnengemeinschaft fordert einen ganz schön, aber
ist auch sehr bereichernd", meint Stephanie Müller, frisch eingesegnete
Diakonin. Sie hat diesen Beruf gewählt, weil ihr Krankenschwester oder
Erzieherin allein zu wenig gewesen wäre. Auch der geistliche Aspekt sollte
in ihrem Beruf eine Rolle spielen. "Und Diakonin vereint beides sehr gut."
Die Einsegnung ist für Stephanie Müller nicht nur Abschluss der Ausbildung,
sondern eine einmalige Sache. "Daran wird unsere Berufung deutlich, wir
werden für das Amt verpflichtet, beauftragt und gesegnet." Und sie fügt
hinzu: "Man lädt Gäste ein, kauft sich ein neues Kleid und feiert gemeinsam
- fast wie bei einer Hochzeit."
Karin Ilgenfritz
Foto: kil
Danket dem Herrn, denn er
ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Psalm 107, 1
Unser Psalmwort ist ursprünglich an die im Gottesdienst versammelte Gemeinde
gerichtet. Damit ist der Ort genannt, an dem unser Dank seinen besonderen
Platz hat und am besten aufgehoben ist. Hier erfahren wir, dass wir nicht
aus dem Eigenen leben und dass im Grunde nichts selbstverständlich ist;
hier lernen wir das Staunen darüber, dass sich hinter dem Gewohnten und
Alltäglichen die Güte Gottes verbirgt, und dass wir in allem von ihm Beschenkte
sind.
In der Schule des Dankens ist es hilfreich, sich immer wieder auf das
Geringe und Unscheinbare zu konzentrieren. Ich denke an Dietrich Bonhoeffer,
der schreibt: "Nur wer für das Geringe dankt, empfängt auch das Große.
Wir hindern Gott, uns die großen geistlichen Gaben, die er für uns bereit
hat, zu schenken, weil wir für die täglichen Gaben nicht danken. Wir meinen,
wir dürften uns mit dem kleinen Maß uns geschenkter geistlicher Erkenntnis,
Erfahrung, Liebe nicht zufrieden geben und hätten immer nur begehrlich
nach den großen Gaben auszuschauen. Wir beklagen uns dann darüber, dass
es uns an der großen Gewissheit, an dem starken Glauben, an der reichen
Erfahrung fehle, die Gott doch andern Christen geschenkt habe, und wir
halten diese Beschwerden für fromm. Wir beten um die großen Dinge und
vergessen, für die täglichen, kleinen Gaben zu danken. Wie kann aber Gott
dem Großes anvertrauen, der das Geringe nicht dankbar aus seiner Hand
nehmen will? Danken wir nicht täglich für die christliche Gemeinschaft,
in die wir gestellt sind, auch dort, wo keine große Erfahrung, kein spürbarer
Reichtum, sondern wo viel Schwäche, Kleinglauben, Schwierigkeit ist, beklagen
wir uns vielmehr bei Gott immer nur darüber, dass alles noch so armselig,
so gering ist, so gar nicht dem entspricht, was wir erwartet haben, so
hindern wir Gott, unsere Gemeinschaft wachsen zu lassen nach dem Maß und
Reichtum, der in Jesus Christus für uns alle bereit liegt." Der Dank an
die Adresse Gottes schließt auch das Schwere und Bedrückende mit ein.
Gewiss, es ist gewöhnlich ein langer und steiniger Weg, bis wir die Spuren
Gottes im Unbegreiflichen entdecken, und bis wir die schmerzliche Bitte
über die Lippen bringen: "Dein Wille geschehe!" Der Liederdichter und
Mystiker Gerhard Tersteegen konnte sagen: "Ist's etwas Großes, dass die
Engel Gott loben? Nein, denn wenn wir an ihrer Stelle wären, würden wir
es auch tun - aber ich meine, dass Hiob auf seinem Misthaufen Gott lobte,
das war etwas Großes, und dieses Lob gefiel Gott besser als das Lob aller
Engel." Wer anfängt, Gott auf dem Misthaufen seines Lebens zu danken,
wächst über sich selbst hinaus und darf mit Überraschungen rechnen. Der
Misthaufen kann sich tatsächlich verwandeln und in aller Stille fruchtbarer
Boden werden: Schuld und Scheitern können ganz unerwartet zu einem neuen
Anfang führen. Leid und Schmerz vermögen ungeahnte Kräfte der Liebe zu
wecken. In Zweifel und Anfechtung wird der Glaube geboren, der Gott die
Ehre gibt.
"Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich."
Dieser Satz ist ein bewährtes und weithin übliches Tischgebet. Doch ist
uns bewusst, dass wir damit in Pflicht genommen werden? Aufrichtiger Dank
muss zum Teilen führen. In einem seiner theologischen Briefe spricht Dietrich
Bonhoeffer die leidenschaftliche Mahnung aus: "Es ist verfluchter Pharisäerdank,
wenn der Reiche den Tisch des Armen leer sieht und leer lässt und für
das Seine als Gottes Segen dankt. Es ist verfluchter Pharisäerdank, wenn
ich die Liebe Gottes, die ich erfuhr und für die ich danke, den Benachteiligten
schuldig bleibe. Es ist Lästerung des Schöpfers der Armen. Gottes Wort
verklagt mich so lange, bis sich mein Dank für die empfangenen Gaben in
aufrichtige Umkehr und in tätige Liebe verwandelt." Angesichts des Elends
in der Welt müssen uns diese Worte in den Ohren gellen. Es geht um die
Frage, ob wir Kirche für uns oder für andere sein wollen. Gott wartet
darauf, dass immer Dank zum Teilen führt.
Dekan i.R. Johannes Rau, Wölm
Wir beten:
Alle guten Gaben, alles was wir haben, kommt, o Gott, von dir. Dank sei
dir dafür! Amen.
Lied 244: Wach auf, wach auf.
Foto: Rau
|