Durchbruch aus der Dunkelheit

Schwester Evelyn Reschies.
Schwester Evelyn Reschies. Foto: Borée

Adventliche „Tage der Stille“ bei der Diakonie-Gemeinschaft Puschendorf

Der ist aber früh gestorben“, flüstert eine Teilnehmerin zwei Plätze weiter. Im Zentrum der Tage der Stille im Dezember bei der Diakonie-Gemeinschaft Puschendorf standen diesmal Adventslieder verschiedener Epochen. In der Mitte der Woche ging es um Jochen Kleppers „Die Nacht ist vorgedrungen“. Oben im Liedheft dann die Lebensdaten des Dichters: 1903 bis 1942.

Und genau darum ging es nach einer ersten stillen Annäherung: Um das Leben des Liederdichters, das eng mit seinem Werk verknüpft ist. Und mit der Liebe zu seiner Frau Johanna (Hanni) Stein.

Er heiratete 1931 die Witwe, die bereits die zwei Töchter Brigitte und Renate mit in die Ehe brachte. Doch sie waren jüdischen Glaubens. Jochen Klepper beendete das Theologie-Studium, das er einst in Erlangen begonnen hatte, ohne Examen. Er wurde Redakteur beim evangelischen Presseverband in Breslau. Schon bald zog die Familie nach Berlin, wo Jochen Klepper beim Rundfunk arbeitete. Gleich 1933 verlor er aufgrund dieser Verbindung seine Anstellung dort beim Rundfunk. Zwei Jahre noch arbeitete er als Lektor im Ullstein-Verlag.

So weit, so bekannt. Schwester Evelyn Reschies vergegenwärtigt es aber den 24 Teilnehmerinnen – und einem Mann – bei den „Tagen der Stille“ noch einmal intensiv. Mit Jochen Klepper verband sie nicht nur die Berliner Heimat. Nein, auch zur erweiterten Verwandtschaft Schwester Evelyns gehörte die jüdisch-deutsche Linguistin Agathe Lasch, die die Nazis 1942 ermordeten.

Die Dunkelheit in Kleppers Leben erschien so fast mit Händen greifbar. Doch 1937 war auch das Jahr, indem „sein bedeutender Roman ‚Der Vater‘ über den preußischen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I.“ erschien, ergänzt Schwester Evelyn.

Trotzdem eine Situation der Ungewissheit. Da traf ihn im besonderen Maße die Herrnhuter Tageslosung für den 27. November 1937, dem Samstag vor dem 1. Advent 1937: „Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbei gekommen“ (Römer 13,12). Zum 4. Advent, am 18. Dezember, dichtete er wohl sein berühmtestes Lied. Es erschien 1938 in einer Gedichtsammlung noch als Weihnachtslied.

1939 gelang es noch, die ältere Tochter Brigitte nach England ausreisen zu lassen. Seine Frau bot ihm aufgrund aller Beschränkungen die Scheidung an. Doch Jochen Klepper lehnte empört ab. Ende 1942 brachte er sich zusammen mit Hanni und Renate um. „Sein schreckliches Ende ficht mich an“, fügte Schwester Brigitte Schlotter hinzu. Sie begleitete die Tage mit und gestaltete selbst auch Einheiten. „Aber er starb mit dem Blick auf Christus.“ Sie ergänzte: „Mein Schwager meinte dazu: Und vielleicht ist es besser in die Hände Gottes zu fallen als in die Hände der Menschen.“

So führten die Puschendorfer Schwestern Brigitte und Evelyn ihre Stillen Tag über die Adventslieder fort. Mit „Tochter Zion“, deren Verse vom Propheten Sacharja stammen, hatten die Tage begonnen. Georg Friedrich Händel hatte ihnen im 18. Jahrhundert die unvergleichliche Melodie gegeben. Dann stand „Es kommt ein Schiff geladen“ aus dem 14. Jahrhundert, die mythische Dichtung Heinrich Seuses, an. Über das 19. Jahrhundert rundeten am Ende der Woche Werke aus der Jahrtausendwende und dem beginnenden 21. Jahrhundert die Tage ab.

Beinahe in der Mitte dieser Zeit stand Jochen Klepper. Sich so intensiv mit diesem Werk auseinander zu setzen, das bereitet Schwester Evelyn Reschies selbst viel Freude. Es sind die letzten „Tage der Stille“, die die 66-Jährige vorbereitet und gestaltet. Im neuen Jahr geht sie in den Feierabend und übergibt Aufgaben an Evelyn Dluzak. Im neuen Jahr gestaltet sie nur noch fünf Freizeiten mit, während sie seit 2003 voll im Einsatz für die Tagungen war – als Leiterin der Freizeitarbeit des Gästehauses. Mit 29 Jahren trat sie der Puschendorfer Gemeinschaft bei.

Da folgt sie ihrer jüngeren leiblichen Schwester nach, die schon mit 20 Jahren nach Puschendorf gegangen war. Als Hauswirtschafterin hatte Monika Reschies bereits in ihrer Berliner Heimat Puschendorf kennen gelernt. Ihre Schwester Evelyn war zu dieser Zeit bereits Lehrerin und Leiterin eines Heimes von geistig behinderten Menschen. Doch sie suchte weiter nach dem Sinn. „Was hindert dich daran, Heimat und Verdienst aufzugeben?“, so grübelte sie. Und sie bat um ein Zeichen. Da rief ihre Schwester Monika an: In Puschendorf suchten sie damals jemanden für die Buchhandlung.

„Nein, wenn dann richtig“, entschied Evelyn Reschies. So wurden beide zu Schwestern in Puschendorf. Die Eltern akzeptierten dies. Später traten auch sie in die Dienstbruderschaft ein. Der Vater half in den letzten Jahren vor seiner Rente dort mit. Er lebt noch heute in Pu­schendorf.

Natürlich gäbe es ihr manchmal einen Stich, wenn sie Pärchen oder gar Eltern mit ihren Kindern sieht. Das konnte für sie nie sein, obwohl Evelyn Reschies noch in ihrer Berliner Zeit durchaus auch einen Heiratsantrag erhielt. Doch Puschendorf führte sie „in die Weite und in die Tiefe“. Den Großeltern-Enkel-Freizeiten gehört ihr besonderes Herz neben all den anderen Tagungen – das ist schnell zu merken. Doch „echt“ will sie sein – trotz aller Zweifel und der Dunkelheiten.

Der Durchbruch aus der Dunkelheit faszinierte auch die Teilnehmenden. Eine kleine Umfrage unter ihnen nannte aber „Die Nacht ist vorgedrungen“ als zweitbeliebtesten Advents-“Hit“ nach „Macht hoch die Tür“. Und das, obwohl die Zeit in den vergangenen Jahrzehnten sich schon wieder sehr gewandelt hat. Es gibt Trost.

Die Tagungen der Diakonie-Gemeinschaft für das kommende Jahr finden sich online unter www.diakonie-pu­schendorf.org oder lassen sich telefonisch erfragen unter 09101/7040. Das neue Jahr beginnt mit einem Werkkurs „Biblische Erzählfiguren nach Doris Egli“ vom 10. bis 12. Januar. Am Samstag, 18. Januar, gibt es ein Frühstückskonzert mit Frieder Gutscher und Uli Schwenger ab 9 Uhr für 25 Euro inklusive reichhaltigem Frühstück. Am Sonntag, 1. März, steht der Puschendorfer Frauentag zum Thema „Aus Bruchlandungen Sprungbretter machen“ an. Es lassen sich auch Zimmer für private Erkundungen buchen. 

                   Susanne Borée

 

Auswahl weiterer Artikel in der Sonntagsblatt-Ausgabe vom 22.12.2019:

- Das „Eigentliche“ an Weihnachten: Lichterflut und Lieder in süßlicher Form zeigen auch Sehnsüchte zum Fest

- Bischöfe Bedford-Strohm und Marx gedenken der Opfer der Flucht über das Mittelmeer

- Mehr Frauen und jünger: Vorläufiges Ergebnis zur Wahl der Landessynode

=> Hier können Sie die vollständige Print-Ausgabe abbonieren

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet