Bitterkeit unterm Christbaum?

Susanne Borée
Susanne Borée

Dann erst ist ohne Bitterkeit / das Herz uns zum Gesange weit.“ Habe ich mich da nicht im Verlauf des Kirchenjahres vertan? Nein, auch dies sind die letzten Verse eines Weihnachtsliedes. Sie stehen sogar im Gesangbuch zu Weihnachtszeit  (EG 50). Und zwar in dem etwas unbekannteren Werk „Du Kind, zu dieser heilgen Zeit“ des berühmten Liederdichters Jochen Klepper.

Da nahm ich einen Impuls der adventlichen „Tage der Stille“ bei der Diakonie-Gemeinschaft Puschendorf auf: Ich ließ nicht nur das bekannteste Lied des Dichters „Die Nacht ist vorgedrungen“ auf mich wirken, sondern suchte auch nach anderen weniger bekannten Versen Jochen Kleppers.

Bei der „Bitterkeit“ stocke ich: Sie verlässt uns nicht zu Heiligabend, nicht beim Anblick der Krippe, auch nicht vor dem Kreuz. So jedenfalls sagt es der Text. Nein, erst, „Wenn wir mit dir auferstehn / und dich von Angesichte sehn“.

Der innere Friede hier und jetzt kann nur vorläufig sein – auch nach dem Gottesdienst am Heiligabend und vor dem Anzünden der Kerzen am Tannenbaum. Einen unheimlichen Horizont macht Jochen Klepper da in einem Lied auf, das ich ganz gewiss noch nie gesungen habe und dessen Melodie mir vollkommen fremd erscheint. Es ist, als dichte er das Lied „Es kommt ein Schiff geladen“ (EG 8) weiter: Da darf kein Hirte oder König an der Krippe das Kind „umfangen“. Nein, nur die, die nach Leid und Tod „geistlich auferstehn“.

Nun, „Bitterkeit“ gehört ganz offenbar zu einer moderneren Welt. Was das genau bedeutet, das mag jede und jeder für sich selbst fühlen. Ärger, zu kurz gekommen zu sein oder absolut nicht verstanden zu werden. Und überhaupt ist gerade alles und jeder ungerecht zu mir!

An diesem Heiligabend, an dem der Text „Freue dich und sei fröhlich, du Tochter Zion! Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen, spricht der Herr“ (Sacharja 2,14) im Mittelpunkt steht. Das ist nicht billig. Gott sagt nicht nur zu, zu kommen, sondern zu bleiben. Da hören wir nicht nur unser Lied „Tochter Zion“ erklingen, sondern auch die bleibende Verheißung Gottes für Israel.

Da erklingt nicht das Echo der Mattheit nach dem letzten Glühwein und dem allerletzten Geschenkekauf, sondern der überwundenen Dunkelheit tief in uns, die Bitterkeit durchdringt und die der bleibende Morgenstern erhellt. Frohe Weihnachten!

                      Susanne Borée, Redakteurin und Chefin vom Dienst

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