Beim Happy End nicht „abjeblendt“?

Schorlemmer und Gysi
Friedrich Schorlemmer, Bürgermeister Peter Berek, Joachim Twisselmann vom EBZ Bad Alexandersbad, Moderator Hans-Dieter Schütt und Andreas Beneker, Leiter des EBZ Bad Alexandersbad (von links) umringen Gregor Gysi, der sich in das Goldene Buch der Stadt einträgt. Foto: Borée

Tagung im EBZ Bad Alexandersbad zu Erinnerungen und Folgen der Deutschen Einheit

Die Nacht des Jubels – und alles war gut? Weit gefehlt! Das zeigt sich besonders deutlich beim Fall der Mauer vor 30 Jahren. Die Entwicklungen überschlugen sich. Während viele Engagierte im Westen auf ihre neuen Verbündeten im Osten hofften und über einen dritten Weg nachdachten, stand dort die Wiedervereinigung im Vordergrund.

Im Evangelischen Bildungszentrum (EBZ) Bad Alexandersbad dachte nun eine hochkarätig besetzte Wochenendtagung mit mehr als hundert Teilnehmenden zum Thema „Vorwärts – und schnell vergessen“ über „30 Jahre Einigkeit und Recht und Freiheit“ nach. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer hatte dort viele Jahre hindurch die deutsch-deutschen Tagungen geprägt. Nun kündigte der 75-Jährige aus gesundheitlichen Gründen seinen Rückzug an. Im Plenum gab es erste Überlegungen, wie sie fortgeführt werden können – vielleicht als generationenübergreifende Form der Biografie-Arbeit mit jüngeren Menschen.

Doch in diesem Jahr stand das Gedenken an die Ereignisse vor 30 Jahren noch im Mittelpunkt der Gedanken und Vorträge. Gerade nun, Anfang Dezember 1989, besetzten Menschen in Leipzig, Dresden oder in der Berliner Normannenstraße die Stasi-Zentralen. Damit wollten sie die Vernichtung der Stasi-Akten verhindern.

Gleichzeitig demonstrierten andere schon unter dem Wort: „Wir sind ein Volk.“ Eine Teilnehmerin bei der Tagung erinnert sich noch daran, dass sie gesehen habe, wie Deutschlandfahnen und Transparente in Leipzig von einem West-LKW abgeladen worden seien.

Also wurde der schnelle Wechsel  vom Westen aus verstärkt? Sicherlich erkannte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl schnell die Gunst der Stunde und die Möglichkeit zur Wiedervereinigung. Doch stimmte die überwältigende Mehrheit der DDR-Bürger bei der letzten und erstmals freien Wahl zur Volkskammer im März 1990 gerade für jene Parteien, die für die Wiedervereinigung standen.

Was geschah zuerst? Das gehört sicherlich noch intensiv historisch aufgearbeitet. Doch es macht das 30-jährige Gedenken zum Mauerfall besonders im Vergleich zu früheren Jubiläen, dass nun in neuer Intensität diese Fragen gestellt werden.

Lassen sich persönliche Erinnerungen und historische Analyse in Einklang bringen? Kam die Erinnerung noch mit? Oder überschattet er Überdruss der langen Jahre seit der Einheit die Erinnerung? Da drängen sich Zeiln Kurt Tucholskys auf, der über eine erkaltete Ehe berlinerte:

... „Der olle Mann denkt so zurück:
Wat hat er nu von seinen Jlück?
Die Ehe war zum jrößten Teile
vabrühte Milch un Langeweile.
Und darum wird beim Happy-End
im Film jewöhnlich abjeblendt.“


Auch die Demonstranten im Winter vor 30 Jahren reimten. Dort hieß es: „Kommt die D-Mark, bleiben wir, / kommt sie nicht, geh‘n wir zu ihr!“ Gleichzeitig setzte der damalige französische Staatspräsident Mitterand die Zustimmung Deutschlands zur Währungsunion durch, bevor er die Wiedervereinigung akzeptierte. Der „Preis für die Wiedervereinigung war der Euro“, während viele Menschen den Zugang zur D-Mark einforderten. So analysierte in Bad Alexandersbad der Bremer Sozialwissenschaftler Klaus Körber die Situation im Winter 1989/90. Er fügte hinzu: Auch der Westen habe von der Vereinigung längst nicht profitiert, sondern die Treuhand habe Schulden gemacht, für die alle bezahlen mussten. So seien große Teile für die Einheit durch die Rentenkasse der Bundesrepublik bezahlt worden. Auch die Hartz-IV-Reformen seien als Spätfolge zu sehen.

Die ostdeutsche Journalistin Bettina Röder wies auf die Ernüchterung hin, die schnell um sich griff. Aber die „Kirche war der einzige öffentliche Raum, in dem man sprechen konnte“. Eindrücklich zeigte sie den Einsatz für Naturschutzgebiete in den letzten Wochen und Monaten der DDR auf, der wenig Aufmerksamkeit auf sich zog: Zwölf Prozent der Ostfläche konnten so noch unter Schutz gestellt werden. Dies war immer mehr ein Wettlauf gegen die Zeit der schnellen Vereinigung. Am  12. September 1990 geschah es beim letzten Zusammentreffen der Ministerrunde in letzter Minute, so berichtete Bettina Röder nachdrücklich.

Rainer Danielzyk, der sich für die Leibniz-Universität Hannover um Landesplanung und Raumforschung kümmert, dachte ebenfalls in komplexen Zusammenhängen: Im Osten hätte es schon historisch vor 1945 eine andere Siedlungsstruktur mit weiteren Entfernungen zum nächsten Zentrum gegeben. Er benutzt den Begriff der ländlichen Räume im Plural: Sie sind für ihn nicht automatisch strukturschwach. Gerade im Nordwesten sind starke mittelständische Unternehmen engagiert. Eher die alten industriellen Zentren wie Ruhrgebiet und Saarland seien dort am stärksten von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Selbst für mittelgroße Städte im Osten wie Cottbus sieht er durchaus eine positive Entwicklung.

Danielzyk ergänzte: Es gibt eine Fülle von Modellprojekten in Regionen, die aber nur für einige Jahre gelten. Gerade erst wurde das Bundesprogramm „Demokratie leben“ entfristet. Doch das regionale Projekt in Bad Alexandersbad ist erneut nur für fünf Jahre bewilligt. Eine permanent bessere Ausstattung der Kommunen hielt er für effektiver.

Als Erkenntnis kann bleiben: Viele Entwicklungen sind differenzierter als es den Anschein hat. Es lohnt sich, gerade die Nuancen zu sehen. Nach dem Happy End der Deutschen Einheit lässt sich nicht abblenden, da die Vereinigung weitergeht. Und unser Leben bestimmt.

Am Abend traf sich Friedrich Schorlemmer mit Gregor Gysi zu einem Abtausch, den Hans-Dieter Schütt moderierte und den viele Gäste aus der Region besuchten. Die Redner faszinierten mit rhetorischen Brillanten und sorgsam gesetzten Pointen. Dies verfehlte seine Wirkung nicht. Doch erschien es teils als allzu oft geschliffen. Bedenkenswert war da der Vorschlag Gysis, beim Beitritt der DDR wäre es zumindest symbolisch geschickt gewesen, auch Ideen von dort zu übernehmen: etwa die Gleichstellungspolitik oder die Polikliniken. „Das hätte das Selbstbewusstsein im Osten gehoben und den Westen bereichert.“ Weiter gab er zu: „Ich glaube nicht an Gott, fürchte aber die religionsfreie Gesellschaft.“ Das Christentum hat für ihn die Kultur geprägt.

Die Tagung zeigt: Kirchen haben nicht nur 1989, sondern immer noch eine große Chance als angstfreie Diskussionsräume. Das gelang in Bad Alexandersbad. Und dies nicht nur bei einem Gespräch in Kleingruppen, das auf Nebengleise geriet, aber selbstorganisiert wieder zurückfand. Es zeigte sich: Abblenden ist keine Lösung. 

                   Susanne Borée

 

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