Verwitterte Lebenszeichen bewahren

Susanne Klemm auf dem Schopflocher Friedhof.
Susanne Klemm auf dem Schopflocher Friedhof. Foto: Borée

Jüdische Gräber in Schopfloch und hebräische Schriften in Aub harren der Erforschung

Eine fast romantische Ausstrahlung vermitteln sie: Die Bäume auf dem jüdischen Friedhof in Schopfloch sind jedoch alles andere als gewollt: Denn sie bezeugen nicht nur die Zerstörung der letzten Ruhestätte, sondern fördern sie auch noch nach Kräften. Ihre Wurzeln krallen sich in die Gräber und manche Stämme brechen ganze Grabsteine entzwei. Ihre Schatten fördern das Wachstum der Moose auf dem Kalkstein.

Selbst die mächtigsten Stämme sind erst seit 1938 gewachsen. Susanne Klemm nickt. Später zeigt die Leiterin des Fränkischen Museums Feuchtwangen Fotos aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von dem Friedhof: Keine Bäume, dafür die Grabsteine ordentlich aufgestellt. Das Tahara-Haus für die rituellen Waschungen der Verstorbenen stand trutzig am Rande des Friedhofs.

1938 dann schändeten SS-Männer den Friedhof und zerstörten das Tahara-Haus. Sie stießen Grabsteine um und beschädigten sie. Auch verwitterter Kalkstein zerspringt quer der Gesteinsschichten nicht von selbst, mahnt Klemm. Da muss massive Gewalteinwirkung erfolgt sein. An anderen Steinen fehlen die Marmorplatten mit den Namen der Bestatteten, „um sie auszulöschen“.

Dieselben SS-Männer mussten nach Kriegsende den Friedhof unter der Aufsicht der Amerikaner wieder herrichten. Entsprechend lieblos geschah es. Teils sind die Steine nur grob gekittet. Die Schauseite mancher Steine weist nun nach Westen, obwohl diese normalerweise östlich ausgerichtet ist. Die Bäume wuchsen seither ungehindert, obwohl dies von jüdischer Seite gar nicht gern gesehen ist. Denn ihr Zerstörungswerk bei den Gräbern, die für die Ewigkeit angelegt sind, ist bekannt und gefürchtet. Doch konnte sie niemand mehr instand halten.

Bereits 1929 zählte der jüdische Kunstsammler Michael Berolzheimer 1.357 Grabsteine. Und bis 1938 kamen durchaus weitere hinzu, ergänzt Susanne Klemm. Heute lassen sich noch 1.200 Gräber identifizieren. Vor 90 Jahren forderte Michael Berolzheimer die Inventarisierung jüdischer Grabinschriften in Bayern.

Dies unternimmt nun der Verein „Bet Olam – zur Erforschung und Dokumentation des Jüdischen Friedhofs Schopfloch e. V.“. Bet Olam, das Haus aller oder der Welt: So nennen Juden ihren Friedhof. Der Verein mit Oswald Czech, dem Schopflocher Bürgermeister als 1. Vorsitzenden und Susanne Klemm als Koordinatorin reinigt und erforscht die Gräber. Dies geschieht im Rahmen eines mit EU-Mitteln geförderten LEADER-Projekts, durch das 140.000 Euro zur Verfügung stehen.

Der Friedhof ist von überregionaler Bedeutung. Nicht nur Juden aus Schopfloch, Feuchtwangen, Dinkelsbühl oder Mönchsroth fanden hier ihre letzte Ruhe. Nein, bis in die Gegend von Schwäbisch Hall reichte das Einzugsgebiet des Friedhofs.
Bei der aktuellen Erforschung geschah eine unerwartete Entdeckung: Bisher dachte man, dass der Friedhof 1612 angelegt wurde, so Susanne Klemm. Denn die Archivquellen reichen bis dahin zurück. Doch nun entzifferten die Forscher das Grab eines gewissen Jesaia, der dort 1580 seine letzte Ruhe fand.

Vor und nach der Reinigung von Moosen und Verwitterungsspuren dokumentieren Fotografen die Grabsteine durch professionell ausgeleuchtete Bilder. Selbst da stört der Schattenwurf der Bäume. Einige von ihnen wurden in enger Abstimmung mit dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern gefällt. Andere sind inzwischen so mit den Gräbern verwoben, dass dies unmöglich ist, ohne die Ruhestätten zu beschädigen.

Das LEADER-Projekt hat jedoch nun bereits Halbzeit. Es soll bis Ende 2020 gehen. Eine Fortsetzung ist bislang noch nicht in Sicht. Wenn sich da nichts ändert, steht zu befürchten, dass der Friedhof in ein paar Jahrzehnten wieder zugewuchert ist. Um wenigstens die aktuellen Informationen zu erhalten und weltweit zur Verfügung zu stellen, gab „Bet Olam“ eine öffentlich zugängliche Datenbank für die Grabsteine in Auftrag. Deren Maße und Georeferenzdaten sind da genauso verzeichnet wie der aktuelle Erhaltungszustand oder Schäden.

Aber auch die Namen der Verstorbenen, ihre Lebensdaten oder familiäre Beziehungen sollen dort auffindbar sein – so weit sie sich noch herausfinden lassen. An dieser Arbeit sitzt Susanne Klemm ehrenamtlich. Für sie tickt die Uhr bis Ende 2020. Für notwendige Forschungen, die den Lebensläufen erst Tiefe und Farbe geben, ist kaum Zeit.

Bislang ließen sich nur Einzelfälle ausreichend erforschen: Etwa gleich bei dem Datenblatt 0001 für Fanni Benjamin. Sie verstarb im August 1938 gerade einmal mit 50 Jahren. Die Dinkelsbühlerin war schwer herzkrank und den zunehmenden Schikanen nicht mehr gewachsen. Nach monatelangem Hin und Her verweigerten die Behörden, ihr einen Wandergewerbeschein. Da die Akten noch vorhanden waren, hat Gerfrid Arnold, der jahrelang ehrenamtlich das Stadtarchiv Dinkelsbühl leitete, dies Schicksal ausführlich dokumentiert. Es ist nun in der Datenbank vorhanden.

Hebräischpuzzle in Aub

Vor einer ähnlichen Mammut­auf­gabe steht Georg Pfeuffer. Der Vorsitzende des Heimatvereins Aub zeigt einige der insgesamt 40 Kisten, in die er mit Mitstreitern hebräische Fragmente geborgen hat. Bei der Erforschung der örtlichen Synagoge kamen sie neben Resten eines Ritualbades zufällig zutage. In einer Genisa, einem Depot, bewahrten fromme Juden alte Schriften auf. Gerade, wenn sie den Namen Gottes enthielten, durften sie nicht vernichtet werden. Meist sind nur noch Fetzen vorhanden. Nun harren sie der Erforschung. Für dies riesige hebräische Puzzle gibt es jedoch noch keine Gelder.  

Georg Pfeuffer zeigte den Fund einer Gruppe aus Rothenburg, die während der jüdischen Kulturwoche die knapp 30 Kilometer dorthin aufgebrochen war. Auch Rothenburger Juden hatten nach ihrer Vertreibung 1520 in Aub Zuflucht gefunden. Pfeuffer führte die Gruppe über den jüdischen Friedhof und durch ihr Viertel. Da sich mehrere Herrschaften das Stadtregiment teilten, konnten Juden dort lange unbehelligt leben.

Dies zeigt, wie ungeordnete Verhältnisse zu einem Zufluchtsort werden konnten. Aber Vernachlässigung ist zerstörend: Nicht Bäume, sondern die schlechte Lagerung in einem feuchten, nun halb verfallenden Gebäude verrichtete in Aub ihr Werk. Nun gilt es sowohl in Aub als auch in Schopfloch diese Überlieferungen weiter systematisch nutzbar zu machen.

Datenbank www.juedischer-friedhof-schopfloch.de

                   Susanne Borée