Editorial: Frieden finden

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen“ so schrieb Johanna Haarer in „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ – einem Elternratgeber aus dem Jahr 1934.

Unzählige Kinder wuchsen mit diesem Leitbild – angelehnt an die nationalsozialistische Ideologie – auf. Nur ja nicht verwöhnen. Schreien lassen. Das härtet ab.

Noch heute kann man diese Sprüche hören, sobald irgendwo ein Baby schreit. Das, was man verinnerlicht hat, wird weitergegeben. Mittlerweile weiß man es besser.
Die Generation jedoch, die heute alt ist, und vielleicht an Demenz leidet, wird in mancher Hinsicht wieder zum Kind. Sie durchlebt erneut die Lieblosigkeit der Kinderzeit. In Heimen untergebracht, werden sie – aus vielen Gründen –  oft wieder nicht gehört. Nicht verwöhnt. Nicht „bemuttert“.

Aber genau das wäre es, was sie brauchen, um Frieden schließen zu können.
Die Mutter der heute 82-Jährigen, die ich besuche, hat die Beratschlagungen der Nazi-Ärztin gut umgesetzt. Mit jedem Lebensjahr und dem Grad der Altersbedürftigkeit wird der Mangel schlimmer: die Sehnsucht, umsorgt zu sein, sich in einem Gefühl der Sicherheit wiegen zu können, sich um nichts mehr kümmern müssen.

Derzeit ist sie krank und verlässt kaum das Bett. Die Angst, nicht gesehen, vergessen und verlassen zu werden, ist übermächtig.

Ich koche Tee und schmiere Butterbrote. Hole ein Glas Wasser. Reiche Tabletten. Schüttle die Kissen auf. Bin da und reiche Taschentücher für viele Tränen des „Selbstmitleides“, wie sie es – zu recht –nennt. Als ich eine Stunde später gehe, ist das größte Leid zumindest kurzfristig etwas gelindert. Der Gesichtsausdruck ist nicht mehr zerrüttet wie zu Beginn des Besuchs, sondern ruhig.

Wie lange es hält? Bis zum nächsten Augenrollen des Betreuungspersonals, wenn sie wieder die Thermoskanne nicht aufbekommt und nachfragen muss? Wenn man über sie hinwegredet, statt mit ihr?Wie ausgehungert ist diese Generation, der Liebe und Zärtlichkeit oft verwehrt wurde. Gespräche und hübsch geschmierte Butterbrote sind ein Anfang, das Kinderunrecht ein kleines bisschen auszugleichen – wenn es denn je gelingen kann.

                Inge Wollschläger, Mitglied der Redaktionskonferenz