Mit dem Traktor zur Beratung

Pia Dobberstein
Pia Dobberstein. Foto: Privat

Lebenslinien: Pia Dobberstein – über 40 Jahre Erfahrung beim Sozialpsychiatrischen Dienst

Mit dem Traktor kamen bereits Menschen zu ihr, die eine Beratung beim „Sozialpsychiatrischen Dienst“ der Diakonie Ansbach suchten. „Oder mit dem Fahrrad“, schiebt sie nach. Denn Pia Dobberstein berät bewusst „gemeindenah“. Seit genau 40 Jahren ist sie dabei. Sie hat den Sozialpsychiatrischen Dienst der Diakonie Ansbach im Jahre 1979 als Pilotprojekt aufgebaut. Sie selbst ist montags, mittwochs und freitags in Dinkelsbühl zu finden, dienstags und donnerstags in Ehingen. Weitere Beratungsstellen gibt es neben Ansbach auch in Feuchtwangen, Rothenburg oder Windsbach. Sie bieten gemeinde- und zeitnah Gespräche an.

Wenn diese regionalen Anlaufstellen zu weit entfernt liegen oder die Wartezeiten für einen Termin zu lang sind, bedeutet es gerade für Menschen, die soziale oder psychologische Hilfe suchen, unüberwindbare Hürden. „Zehn Kilometer lassen sich überbrücken“, meint Pia Dobberstein. 40 Kilometer sind viel schwieriger – zumal abseits von Bahnlinien fast eine Tagesreise.

Da ist sie besonders dankbar, dass mit Unterstützung des Bezirks Mittelfranken und der Diakonie Ansbach die dezentralen Angebote möglich sind – auch wenn dies zu mehr Mieten führt.

Auch nach Feierabend, hat die Sozialpädagogin „immer erzählt, wo ich arbeite“, um den Sozialpsychiatrischen Dienst bekannt zu machen“. Allerdings ist auch eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit nötig – gerade beim Wohnen am Arbeitsort. Grundsätzlich sagt sie ihren Klienten, dass sie bei einem zufälligen Treffen beim Einkauf oder auf der Straße nicht die Erste ist, die grüßt. Denn sonst könnten vielleicht Mitmenschen, die dies beobachten, ins Grübeln darüber geraten, woher sie sich kennen. Auch sollte dann nicht die günstige Gelegenheit genutzt werden, Gesprächstermine zu vereinbaren.

In diesen Wochen feierte die Diakonie Ansbach ihren 70. Geburtstag (wir berichteten mehrfach). Bereits in den 1970er Jahren gab es eine zentrale Untersuchung zur psychiatrischen Versorgung in Deutschland. Die „offenbarte schwerwiegende Mängel“ und forderte den Ausbau von ambulanten Gesprächsangeboten, so Pia Dobberstein. Vor 40 Jahren reagierte sie auf den Bericht und richtete das neue Beratungsangebot ein.

Die heute 62-jährige Pia Dobberstein hatte 1979 gerade ihr Studium an der Fachhochschule für Sozialpädagogik in Landshut beendet. „Ich entsprach damals nicht unbedingt der gängigen Norm: Ich war jung, unverheiratet, katholisch und ich habe eine Beratung für Menschen aufgebaut, denen man mit Vorurteilen begegnete.“

Ja, auch ihre katholische Herkunft war für die Diakonie schon damals kein Problem – im Gegensatz zu manchen Einrichtungen ihrer Herkunftskirche. Doch ihr Vater war evangelisch. Beide Elternteile waren Heimatvertriebene. Selbst anzukommen, sich ein Haus zu bauen – das war für Pia Dobberstein persönlich ein bedeutsames Ereignis. Natürlich braucht dies gerade in kleineren Gemeinden seine Zeit – doch ist auch hier inzwischen manches in Bewegung geraten.

Gerade zu Beginn ihrer Tätigkeit verbrachte sie Sonntage damit, „die Beratungsstelle im Gottesdienst vorzustellen“. Sie ging in Frauenkreise, zu den Landfrauen oder zu Gemeindeabenden.

Dabei betreuen Pia Dobberstein und ihre Kolleginnen und Kollegen Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenskrisen. Manchmal sind sie chronisch psychisch krank, manchmal von einer akuten Krise betroffen, oder benötigen Unterstützung, Erlaubnis und Ermutigung ihren eigenen Lebensweg zu gehen.

Die Beratung ersetzt keine Therapie. Der Unterschied zwischen Beratung und Therapie ist gesetzlich begründet und unterscheidet sich auch von den Methoden. In der Beratung geht es darum, aktuelle Situationen zu bereinigen und im „Hier und Jetzt“ zu lösen. In der Therapie wird das auch gemacht. Zusätzlich kommt aber noch dazu, dass in belastende Situation in der Vergangenheit zurückgeführt wird. „Heilung“ geschieht durch das erneute Durchleben und das Aufarbeiten der Gefühle, die damit verbunden waren.

Aber der „Sozialpsychiatrische Dienst“ muss immer öfter erneut Wartezeiten überbrücken, bevor Menschen eine Therapie machen können. Aktuell habe sich die Situation wieder gerade auf dem Land verschlechtert. Viele Psychologen und Psychiater gehen in Rente ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Die Wartelisten für eine Therapie werden länger, die Wege weiter.

Ein Grund zur Resignation? Nicht für Pia Dobberstein, auch nicht nach 40 Jahren. Sie hat vor, noch die dreieinhalb Jahre bis zu ihrer regulären Pensionierung mit gleichem Engagement zu gestalten. Persönlich hilft ihr dabei, dass sie sich in ihrem Team gut aufgefangen fühlt. Die Reflexion dort, Supervision, aber auch Eigentherapie sind für sie wichtig. Zusätzlich gestärkt fühlt sie sich durch ihre 18 Tage Sonderurlaub, den sie zu Ihrem Jubiläum als Gratifikation von der Diakonie Ansbach bekam. Das verhalf ihr zusätzlich zum regulären Urlaub dazu, noch einmal Abstand zu gewinnen.

Aber auch Ehrenamtliche stützen ihr Tun: Mit zweien hat sie begonnen, 15 weitere folgten. „Dies zeigt, dass vielen Menschen ein gemeindenahes sozialpsychiatrisches Gedankengut wichtig ist.“ Das zeigte sich auch 2004 bei der Gründung des Freundeskreises „Social Clubs“.

Ohne die Helfer wären Freizeitaktivitäten mit den Patienten nicht möglich. Mindestens einmal im Jahr ist Pia Dobberstein unterwegs mit 18 Menschen – also zwei VW-Bussen – nach Ligurien, in die Slowakei oder auch in bayerische Bildungsstätten, um den Betreuten besondere Erlebnisse zu ermöglichen. Dies trauen sie sich selbst nicht mehr zu oder die sie etwa im Fall einer Erwerbsunfähigkeit nicht mehr selbst stemmen könnten. Es wirkt für sie über die Fahrt hinaus.

Mehr Infos über die Einrichtungen und ihre Beratungszeiten online unter https://www.diakonie-ansbach.de/einrichtungen/sozialpsychiatrischer-dienst-ansbach/index.php oder telefonisch über die Ansbacher Zentrale unter 0981/14440.

Weitere Veranstaltungen zum Jubiläum des Sozialpsychiatrischen Dienstes: Samstag, 12. Oktober um 18 Uhr, Johanniskirche Feuchtwangen: „Musik, die mich bewegt. ... .“ Konzert und Lesung mit der Kantorei. Gleichzeitig in der Franziskanerkirche Rothenburg „Von der Seele singen“, Konzert des Chors „Elysium“, Musik durch Pop, Rock und Folk.

Dienstag, 15. Oktober, 19 Uhr, im Bürgersaal Wassertrüdingen, gegenüber der evangelischen Stadtkirche: Gemütliche Stunden mit dem französischen Film „Zum Verwechseln ähnlich“ von Lucien Jean-Baptiste. Am 15., 22. und 29. Oktober, „Singen für die Seele, jeweils von 14.30–16 Uhr am Milchmarkt 5: Erkunden der eigenen Stimme. Die Freude am Tönen und Singen steht im Vordergrund. Anmeldung unter: Telefon 09861/87520, maximal zehn Teilnehmende. Überall freier Eintritt.

                   Susanne Borée