Wenn aus Müll „Strandgut-Poesie“ wird

Sabine Dinkel
Sabine Dinkel. Foto: Privat

Lebenslinien in Gottes Hand: Sabine Dinkel verwandelt Müll in kleine Kunstwerke

Spätestens, wenn sich Eislöffel in  E-Gitarren, Pommespiekser in Plattfüße und Haarspangen in Schlapp­ohren verwandeln, erschließt sich die Poesie der Strandgut-Fundstücke. Sabine Dinkel erzählt von Meeresgrantlern, die sich listig unter  Surfbretter heften und lehrt männliche FKK-Gäste das Schaudern.

Ein „Ichtuewas-Buch“, das nicht  mit erhobenem Zeigefinger daherkommt, sondern mit liebevollem Witz zum Nachdenken und Nachmachen anregt. Dinkel arrangiert  Fundstücke zu Kunstfiguren. Unliebsames wird auf humorvolle Weise in etwas Freundliches verwandelt und regt so zum Dialog an. Und im besten Fall zum Mitmachen. Inge Wollschläger hat mit der Autorin gesprochen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, aus Müll etwas Neues entstehen zu lassen?

Als ich an der Nordseeküste am Strand entlang spazierte, fand ich im Seetang ein rosafarbenes Plastik-Seesternchen und kurz darauf eine knallgelbe Plastikhand.  Mich befiel der „Ich-muss-dieses-Plastikteil-unbedingt-mitnehmen-und-zuhause-was-Tolles-draus-machen-Virus“. Stück für Stück tummelten sich immer mehr Plastikteile in meinen Manteltaschen. Spontan kam mir die Idee, sie zu kleinen Geschöpfen zu arrangieren und ihnen lustige Wackelaugen aufzukleben. Ich stamme aus einer Familie, in der alte Dinge wertgeschätzt wurden. Mein Vater war Tischlermeister und Restaurator, meine Mutter scannte mit Argusaugen Meeresstrände und Flohmärkttische ab. Das blieb auch für mich nicht folgenlos. Uns interessierte was andere achtlos mit dem Fuß wegkicken oder auf den Sperrmüll brachten.

Strandgutpoesie – wie kam es zu diesem Namen?

Ich mag wohlklingende Begriffe und spiele gerne mit Worten. Ich mag es, komplett den Fokus zu verändern. Viele ungeliebte Dinge haben etwas, das ich „das Gute im Schlechten“ nenne. Da ich beim Plastiksammeln und Arrangieren tatsächlich Freude habe, wollte ich auch das Gute daran hervorheben. In dieser Gegensätzlichkeit gepaart mit den kleinen Geschichten liegt für mich eine gewisse Poesie. Kunst sollte verstören und nicht einfach nur lieblich sein.

Andere Leute sehen Müll und sammeln maximal Muscheln – Sie nicht. Wie entstehen diese Geschichten?

Am Strand habe ich immer ein bis zwei Stoffbeutel dabei. Müll zum Entsorgen und Müll zum Basteln. Zuhause angekommen befreie ich den „Bastelmüll“ von Sand und Algen, sortiere ihn nach Farben und Größe. Ich fange an, Teile hin und her zu schieben, bis ich etwas in ihnen sehe. Ziemlich schnell wird klar, in welche Richtung die Figur geht. Noch ein paar Kulleraugen drauf und ein Foto machen. Dann kommt die Namenssuche. Bei Figuren von der Nordseeküste lasse ich mich gerne von friesischen und dänischen Namen und Orten inspirieren.

Nun gibt es ein Aufstellbüchlein  mit diesen Geschichten von zunächste Müll und wie daraus Strandgutpoesie wird. Sollen Menschen auch damit animiert werden, mehr Müll zu sammeln?

In erster Linie möchte ich Menschen erheitern. Wenn andere über das von mir Produzierte lachen, bin ich glücklich. Wenn dann noch jemand Lust bekommt mitzumachen – perfekt! Den erhobenen Zeigefinger gibt es bei mir nicht. Ich möchte niemanden belehren. Auch mag ich auch keine Beiträge, die nur zum Zwecke des kollektiven Aufregens gepostet werden.

Wir verstehen hoffentlich alle, dass Plastikmüll eine ziemlich fiese Sache ist. Würde ich jedoch andere mit moralinsaurem Gesicht und „Du bist schlecht und ich bin gut-Gehabe“ zum Müll sammeln auffordern, würden mir diese zu recht den Stinkefinger zeigen. Wer wird schon gerne von oben herab behandelt und belehrt? Ich möchte andere anstecken und infizieren, etwas Sinnvolles zu tun und dabei Spaß zu haben. Und fast nebenbei die Welt ein bisschen schöner zu machen. Auch schwere Themen brauchen eine Dosis Leichtigkeit und eine Prise Humor als Gegengewichte, um verkraftbar zu sein.

Dann schließen sich Umweltschutz und Spass wohl nicht aus?

Das Thema Umweltschutz ist ein großer Kaventsmann. Da denkt man doch gerne „Was kann ich als Einzelner schon bewegen?“ Wenn wir immer nur schreckliche Bilder von verendeten Tieren und Müllstrudeln zeigen, animiert das die Wenigsten, sich aktiv dagegen zu wehren. Schnell denkt man doch dann: zu groß, zu weit fortgeschritten und eh schon zu spät. Mir jedenfalls entzieht das schon Energie beim Angucken, die mir dann beim Aufsammeln und Einsparen fehlt. Der Müll geht ja nicht weg, indem ich mich darüber aufrege und jammere. Indem ich das Spielerische anstupse, ändert sich plötzlich mein Fokus. Es ist doch viel schöner von Meeresgrantlern zu erzählen, die sich listig unter Surfbretter heften als zu sagen „Igitt, welcher Arsch hat denn da schon wieder seine leere Cremetube liegen lassen?!“. Ebenso ist es viel spaßiger am Strand gezielt auf die Suche nach Beinen und Nasen zu gehen, statt sich über „Wattestäbchenmittelstücke“ und Flaschenverschlüsse zu ärgern.


              Inge Wollschläger

Sabine Dinkel ist Autorin, Coach und Comic-Zeichnerin. Sie findet immer das Gute im Schlechten. Statt zu jammern, tut sie lieber was. Auf der Website www.strandgutpoesie.de kann man sich mehr Bilder ansehen. Das Aufstellbuch ist bei HAWEWE mit der ISBN: 978-3-947815-80-7 erschienen und kostet 12,99 Euro.

                

 

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