Eine gute Zeitung am Tag

Regionalbischöfin Gisela Bornowski (Mitte) hatte das Journalisten-Ehepaar Christian Nürnberger und Petra Gerster (ZDF Heute)
Regionalbischöfin Gisela Bornowski (Mitte) mit dem Journalisten-Ehepaar Christian Nürnberger und Petra Gerster (ZDF Heute) Foto: Bek-Baier

Petra Gerster und Christian Nürnberger warnten in Rothenburg vor „unsozialen Medien“

Sie kommt über die Heute-Nachrichten des ZDF in die Wohnzimmer, er liegt als Autor namhafter Tageszeitungen auf dem Frühstücks­tisch: Das Journalisten-Ehepaar Petra Gerster und Christian Nürnberger. „Wie Informationen gemacht werden und wem wir noch glauben können in einer digitalisierten  Welt“, sei das Thema, sagte Gisela Bornowski, Regionalbischöfin des Kirchenkreises Ansbach Würzburg, bei der Begrüßung zu ihrem Sommerempfang. Rund 300 Gäste aus den Kirchengemeinden und Dekanaten des Kirchenkreises waren eingeladen, wobei der Schwerpunkt diesmal auf den Mitarbeitenden in der Öffentlichkeitsarbeit und den Gemeindebriefen lag.

Der Vorwurf der „Lügen Presse“ erschüttere eine ganze Zunft, sagte die Bischöfin. „Gerster und Nürnberger sind Vollprofis und arbeiten professionell und verlässlich. Gute und verlässliche Informationen und Nachrichten sind heute wichtiger denn je und eine Voraussetzung für den Erhalt der Demokratie“, sagte sie einleitend zu dem Vortrag, den das Ehepaar gemeinsam hielt. 

Epochenwechsel

Petra Gerster begann mit der Beschreibung der „Gutenberg Galaxis“, wie sie es nannte, eine vom Buch geprägte Kultur. Seit der Er­findung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg konnten die Menschen an Wissen und Bildung teil­haben. Dieses Medium war Wegbereiter der Demokratie. Aber, so Gerster, diese Zeit geht zu Ende. Wir befinden uns nun am Übergang zur „Zuckerberg Galaxis“, wie Nürnberger und Gerster den Umbruch unserer Zeit von der Analogen-Technologie zur Digitalen bezeichnen. Mark Zuckerberg stehe mit seinem Internet-Imperium, das auf dem Sozialen Medium „Facebook“ fußt, wie kein anderer für das Zeitalter der neuen alternativen Medien.

Computer, Pad und Handy übernehmen die Dinge des Alltags. „Viele Verrichtungen, die wir früher mit verschiedensten Geräten erledigt haben. Wir halten alles in einer Hand, daher der Name“, erläuterte Gerster. „Es ist ein Zauberstab der neuen Zeit.“
Nürnberger erläuterte, dass das Handy mit seinen wachsenden Funktionen, Altbewährtes schluckt. Geräte, wie Anrufbeantworter, Fax, Radio, CD-Player und viele andere werden nicht mehr gebraucht.

Althergekommene Berufe verschwinden, Firmen geben auf,  Industriezweige werden überflüssig – und das weltweit. „Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben“, sagte der Journalist. „Politik und Nationalstaaten werden machtlos und hinken dem hoffnungslos hinterher.“ Neue Entwicklungen treten nach vorne, neue Jobs werden geschaffen – das alte aber verschwindet. „Alles wird der digitalen Welt unterworfen“, so Nürnberger. Wir erleben einen tiefgreifenden Epochenwandel!“ Das Ehepaar verglich ihn mit dem Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit.

„Der digitale Wandel überfährt uns, wenn wir uns nicht vorsehen. Viele von uns werden schon von ihm unterworfen. Das Internet entwickelt sich immer mehr zu einem Fluch für die Demokratie“, so das Ehepaar. Da jeder Informationen gestalten und einstellen könne, hätten Hass und antidemokratische Tendenzen keine Grenze mehr. Niemand kontrolliert, was eingestellt wird. Lügen breiten sich aus. „Die sozialen Medien entwickeln sich zunehmend zu asozialen Medien“, brachte es Nürnberger auf den Punkt.

Zurück zur Zeitung

Die Frage sei, wie finden wir von der Desinformationsgesellschaft zu einer Informationsgesellschaft zurück?“ Dafür präsentierte das Ehepaar zwei Wege. Die erste Möglichkeit ist, raus aus den Deinformationsmedien zu gehen zurück zu den Zeitungen. Die alten Medien sind der Wahrheit verpflichtet. Eine Zeitung käme, anders als die sozialen Medien, mit Lügen nicht weit.  „Mit der ,reinen Lüge‘ käme keine Zeitung durch.“ Es hilft aber auch, so Nürnberger, einen aufgeklärten Gebrauch vom Internet zu machen.

Das Geschäftsmodell der bisherigen Medien funktioniert nicht mehr: Das Geld für Werbung fehlt den Verlagen. Durch die Abwanderung der Finanzen von den Anzeigen in Zeitungen zu denen in Facebook und Co. entstünde ein unheiliger Kreislauf:  Weniger Geld führt zu weniger Personal. weniger Personal in den Redaktionen führt zu weniger gründlicher Recherche. Das führt wieder zum Rückgang der Qualität und die Abonnenten gehen verloren. Die Verlage versuchen verzweifelt neue Wege zu finden, erläuterte Gerster.

Zweitens, so Petra Gerster: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben genug Geld und man bekommt gute Informationen. Anders als es noch in den Siebzigern war, sind heute die öffentlichen Rundfunkanstalten staatsunabhängig geworden. Dem einstigen Parteieinfluss ist eine Grenze gesetzt. „Wo es um die reine Nachricht geht, ist die Politik zunächst wehrlos.“ Die öffentlich- rechtlichen Sender und ihre Gebühren garantieren gute Informationen, stehen für die Wahrheit und stützen damit die Demokratie.

Gerster und Nürnberger stellten zusammenfassend fünf Forderungen auf: Erstens dürfe das Internet nicht länger ein rechtsfreier Raum bleiben. Sie fordern internationale Regelungen. Zweitens müssten Teilnehmer an den sozialen Medien für  respektvollen Umgang miteinander belohnt werden. Sie regen an, öffentlich-rechtliche soziale Medien zu schaffen. Drittens  müssten Jung und Alt im Umgang mit den neuen Medien gebildet werden. „Alle müssen lernen, mit dem Gerät in der Hand vernünftig umzugehen und fragwürdige Informationen zu hinterfragen.“

Außerdem sei „unsere Zeit wertvoller als Geld; die Zeit, die wir im Netz verbringen, fehlt uns im Umgang mit Familien und sozialem Umfeld“. Zudem, so viertens, brauche es mündige Bürger,  die ein Verlangen nach guten Informationen haben. Bürger müssten selbst Desinformationen erkennen können. Und schließlich hätten, so fünftens, die Kirchen einen Bildungsauftrag und müssen gegen rechtsradikale Gruppierungen vorgehen. Gerade in radikalen religiösen Gruppen würde sich rechtsradikales Gedankengut weltweit verbreiten. „Verantwortungsvolle Christen, Juden und Muslime müssen sich zusammen- tun und das bekämpfen!“

Ihren Zuhörern gaben Gerster und Nürnberger als Fazit einen Ratschlag mit: „Eine gute Zeitung am Tag lesen und die öffentlich-rechtlichen Sender ansehen und sich informieren.“

                    Martin Bek-Baier

 

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