Ist Streben nach Erkenntnis noch möglich?

Professorin Heike Walz mit Jürgen Moltmann.
Professorin Heike Walz mit Jürgen Moltmann. Foto: Borée

Jürgen Moltmann dachte in Neuendettelsau über den Anspruch der Wahrheit nach

Ist die Wahrheit längst nicht mehr am Leben – so wie bereits vor Jahrzehnten der Tod Gottes behauptet wurde? Mit dieser Frage beschäftigte sich Jürgen Moltmann im Luthersaal in Neuendettelsau.

Der 93-jährige renommierte Theologe sprach vor Pfingsten auf Englisch im Rahmen der „Conference of European University Chaplains“. Dazu treffen sich Hochschulseelsorgende aus Europa, Australien und den USA jährlich. Dieses Mal kamen sie nach Neuendettelsau, Nürnberg und Eichstätt. Unter dem Motto „Truth in Transformation“ (Wahrheit im Wandel) setzen sich die rund 75 Gäste mit den Chancen und Herausforderungen der Seelsorge an Universitäten und Hochschulen auseinander. Professorin Heike Walz als Rektorin der Augustana-Hochschule aus Neuendettelsau antwortete ihm.

In den Kriegen, aber auch in der Machtpolitik sterbe die Wahrheit zuerst. Demgegenüber sucht gerade die Wissenschaft nach „Wahrheit“. Alle zehn Jahre verdoppele sich unser naturwissenschaftliches Wissen, „aber wir haben keine Gewalt mehr über die Macht“, die diese Wissenszunahme darstelle.

Menschen sollen bis zu neun Mal pro Tag lügen – oft aus guter Absicht, um andere nicht zu verletzen. Doch „immer im Einklang mit sich selbst zu sein“ sei eine Grundvoraussetzung menschlicher Verlässlichkeit. „Vertrauen schafft Freiheit“, um zur eigenen Identität zu finden.

Unser heutiges Sicherheitsbedürfnis gerade nach den Umwälzungen im Zusammenhang mit den Terrorangriffen des 11. September 2001 in New York strebe jedoch nach Kontrolle, um gegen die Terrorgefahr gewappnet zu sein.
Doch wer kontrolliert die Kontrolleure – wie bereits der alte Römer Juvenal fragte? Wer heute kann noch wirklich die digitale Überwachung durch Google und Facebook kontrollieren?

Ist das Streben nach wahrhaftiger Erkenntnis genauso tot wie „Der gekreuzigte Gott“? Bereits 1972 war Jürgen Moltmann mit seinem Buch unter diesem Titel besonders bekannt geworden. Dort rang er um eine Theologie nach Auschwitz. Es ergänzte seine „Theologie der Hoffnung“ von 1964. Ging Moltmann dort von der österlichen Auferstehungshoffnung aus, so nahm er hier den Anspruch des Kreuzes ernst.  Karfreitag und Ostern seien die beiden Seiten einer Medaille, weil die Auferstehung für Gottes Verheißung, das Kreuz für Gottes Liebe steht.

Auch in seinem Neuendettelsauer Ringen um die Wahrheit setzte Moltmann den göttlichen Geist der Erkenntnis gegen Resignation. Und zwar im Sinne der Duplik Lessings von 1778: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir ‚Wähle!‘  – ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: ‚Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für Dich allein!‘.“

Dies Streben heißt: Niemand könne im Besitz eines alleinigen Wahrheitsanspruchs sein. Wer dies von sich behauptet, wolle letztendlich nur andere dominieren oder sie übervorteilen. Dagegen meinte Moltmann: Göttliche, absolute Wahrheit, muss uns offenbart werden. Sie kann sich uns entschleiern. Menschliches Streben nach Erkenntnis mit reinem Herzen sollte sich an dieser absoluten Wahrheit – wenn auch außerhalb unserer Verfügungsgewalt – ausrichten. 

                     Susanne Borée