Editorial: Gedenken wofür?

Susanne Borée
Susanne Borée

"Far vos?“, fragte Uwe von Seltmann: Für was? Wofür? „Wozu ein Projekt über einen Dichter, der in einer Sprache schrieb, die kaum mehr jemand spricht, liest und versteht?“ Dennoch ließ ihn die jiddische Sprache nicht los. Jahrelang forschte er zu dem Krakauer Dichter Mordechai Gebirtig, der 1942 ermordet wurde.

Wozu setzen wir im Sonntagsblatt mindestens dreimal jährlich – zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, zum Israelsonntag im August und zum Tag der Reichspogromnacht am 9. November – einen Schwerpunkt zum Judentum? Ist da nicht allmählich mal alles gesagt? Schließlich werden die Menschen davon auch nicht wieder lebendig! Doch muss ich zugeben: Von Mordechai Gebirtig hatte ich bis vor wenigen Wochen noch nichts gehört. Sein bekanntestes Lied „S‘brent“ war mir natürlich schon begegnet – aber ohne Verfasserangabe.

So lange es noch verwehte Spuren gibt, so lange ist eine solche Erinnerungsarbeit sinnvoll. Nicht nur bei Mordechai Gebirtig, sondern auch etwa bei der Spurensuche in Veitshöchheim bei Würzburg. Und wie gehen Juden heute mit aktuellen Herausforderungen wie in den USA um? All dies lesen Sie in unserer Printausgabe.

Gebirtig berührt mich durch seine Verse: So dichtete er auch: „Ich hatte einst ein Heim, ein Stübchen und ne Küch‘ – / hab still gelebt so jahrelang, / viele gute Freunde, Kameraden umgaben mich, / ein Stübchen voller Lieder und Gesang / ... das mit schwer Müh‘ ich jahrelang erbaut / vernichtet haben sie‘s an einem Tag.“
Aber Mordechai Gebirtig resignierte oder trauerte nicht nur. Nein, in ihm brannte auch Empörung über diese Ungerechtigkeit: So verdichtet er die Vision, dass die Gewalt in einen Käfig gebannt und verspottet wird. Kein schönes Bild, aber treffend. Auch diese Empörung kann ich nachvollziehen.

Kein Grab gab es für Gebirtig. Immerhin Jahrzehnte später eine Gedenktafel für ihn, seine Frau und seine Töchter an der Ruhestätte einer befreundeten Familie.
Vor diesem Hintergrund ist die Erinnerungskultur kein Selbstzweck. Es ist mir auch sonst im Sonntagsblatt wichtig, den Vergessenen ein Gesicht zu geben. Gleichzeitig entsetzt es mich, wenn leichtfertig gezündelt wird. Da ist es für mich keine Frage, „far vos“ eine Beschäftigung mit Mordechai Gebirtig dient – zumal er so anrührend erscheint. 

Ihre 

Susanne Borée

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