Editorial: Auf Erinnerungspfaden unterwegs

Martin Bek-Baier
Martin Bek-Baier

Manchmal wandere ich gerne auf geschichtsträchtigen Wegen. Entweder auf einem archäologisch belegten Weg, auf dem Handelsreisende von der Steinzeit bis ins Mittelalter schon vor mir gegangen sind, um zu ihrem Ziel zu gelangen. Oder auf einem Teilstück des Jakobswegs, auf dem im Laufe der Jahrhunderte ungezählte Menschen liefen, um Heil zu finden. Und immer erinnere ich mich der Menschen, die vor mir den Weg gingen.

Auf Erinnerungswege ganz anderer Art erinnerte der Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm auf der Synode in Garmisch-Partenkirchen. Er berichtete von gelebter Erinnerung und einer Erinnerungskultur. Aber es gehe eben nicht nur um Erinnerung, sondern auch um einen Transfer in unsere Zeit. Was haben wir aus der Vergangenheit gelernt, was können wir für unsere künftigen Wege daraus erschließen und lernen?

Er berichtete von einem Treffen mit dem Erzbischof von Canter­bury. Gemeinsam verfassten sie einen Appell an die Regierungen, "nicht die dringende Aufgabe aus den Augen zu verlieren, die uns gegebene Welt und ihre Menschen zu schützen, über Grenzen hinweg".

Vor fünfzig Jahren starb der Theologe Karl Barth, einer der Väter der Barmer Erklärung und einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1942 schrieb er unter den besonderen weltpolitischen Verhältnissen damals und aus seiner Schweizer Perspektive: "Die Flüchtlinge gehen uns an." Er hatte damals die Menschen im Auge, die aus dem kriegsgebeutelten Deutschland ihr Heil in der Schweiz suchten. "Der eine Grund: Die Flüchtlinge tun uns die Ehre an, in unserem Land ei-nen letzten Ort des Rechts und des Erbarmens zu sehen. Der andere Grund: Wir sehen an den Flüchtlingen, was uns bis jetzt wie durch ein Wunder erspart geblieben ist."

Der Bischof rief dazu auf, diese Worte aus der Vergangenheit im Jetzt anzuwenden: "Tun wir uns 75 Jahre später in Bayern, in Deutschland und in Europa die Ehre an, das zu sein, was Andere in uns sehen: eine humane Zivilisation, bei der Menschen Zuflucht suchen, weil diese Zivilisation Lebensmöglichkeiten und Freiheiten eröffnet, die an anderen Orten mit Füßen getreten werden." 

                                 Martin Bek-Baier

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