Bewahrt für die Ewigkeit

Mumie im CT
Computertomographie einer Frauenmumie mit gekreuzten Unterschenkeln, Peru, vorkolumbisch, 15. Jh., Universitätsmedizin Mannheim. Foto: Schumann © rem

Mannheimer Mumien-Ausstellung fragt nach, wie mit den Toten umgegangen werden soll

Grausig erscheinen sie nicht - eher anrührend, fast ein wenig schutzbedürftig. Sollten auch Mumien nicht in Frieden ruhen dürfen? Doch lässt sich die aktuelle Mannheimer Mumien-Ausstellung sogar mit Kindern besuchen. Sie zeigt gleichzeitig, wie neue Untersuchungsmöglichkeiten dieses Fenster in die Vergangenheit nutzen können.

Eine rührende Entdeckung etwa machten die Mediziner bei einer Computertomographie einer weiblichen Mumie aus dem Peru des 15. Jahrhunderts (Foto): Ihre Hände umklammerten jeweils einen kleinen Gegenstand, das ließ sich schon von außen feststellen. Doch was konnte das sein? Je einen Milchzahn, enthüllte die Technik. Von ihr oder ihren Kindern? Ohne die Mumie zu beschädigen, ließen sich ihr nicht die Hände öffnen. So verzichteten die Forscher darauf, den Zähnen DNA zu entnehmen. Vielleicht machen neue Möglichkeiten der Technik bald auch hier eine zerstörungsfreie DNA-Analyse möglich. Zunächst gaben Computerberechnungen ihr ein Gesicht.

Denn rasant haben sich in den letzten Jahren die Untersuchungsmethoden entwickelt, ohne die Mumien beschädigen zu müssen. Aber müssen oder dürfen sie auch gezeigt werden? Intensiv beschäftigt sich das Museum mit dieser Frage.  
Immer schon gewann die Archäologie viele Erkenntnisse über frühere Zeiten und ferne Kulturen durch Öffnung von Gräbern. Was bewegte die Angehörigen im Angesicht ihres Verlustes und der Endlichkeit? Die Beigaben und Gebräuche zeigen die Hoffnung, dem Tod ein Stück Ewigkeit entgegenzusetzen. Die Gräber sind oft liebevoll und aufwändig hergerichtet. Mythen, religiöse Vorstellungen und kulturelle Fertigkeiten zeigt die Art der Beisetzung.

Aber welche Rahmenbedingungen sind zu betrachten? Die ethischen Richtlinien der weltweiten Museumsgemeinschaft ICOM besagen, die sterblichen Überreste sicher zu verwahren und respektvoll zu behandeln. Analysen müssten professionell erfolgen sowie den Interessen und Glaubensgrundsätzen der gesellschaftlichen, ethnischen oder religiösen Gruppen, denen sie entstammen, Rechnung tragen.

Wann also können Überreste und auch Mumien gezeigt werden? Nach 125 Jahren, so lautet eine Regel. Dann lassen sich keine direkten Angehörigen und Erinnerungen mehr finden. Gerade bei indigenen Völkern reicht jedoch die kollektive Erinnerung länger zurück. Oft wurden die Toten früher ihrem Kulturkreis durch Gewalt oder List entrissen.

Berlin führte gerade erst in diesem Jahr die Überreste von 27 Nama und Herero nach Namibia zurück. Sie waren während der deutschen Kolonialzeit ermordet worden. Nun empfing ihre alte Heimat sie mit einem Staatsakt.

In den USA kam der "Kennewick Man" an die indigenen Stämme zurück. Er war bereits vor 8.500 Jahren gestorben, aber laut aktueller DNA-Analyse ein Vorfahr heutiger Indianer. Er ging weiterer Forschung verloren. Nun bestatteten ihn Stammesvertreter an einem Ort, den sie keinem "Bleichgesicht" bekannt gaben.
Überreste von Toten auszustellen, das gehört eher zum abendländisch-christlichen Kulturkreis.

Immer schon wurden Reliquien von Heiligen oder auch mumifizierte Päpste den Gläubigen präsentiert. Spät eintretende Verwesung bewies die Heiligkeit. Da half man gerne nach. Erst im 20. Jahrhundert geriet dies in die Diskussion. Bei Pius X. († 1914) unterließ man erhaltende Maßnahmen auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin. Der letzte verstorbene Papst Johannes Paul II. wurde lediglich in "angemessener Form" behandelt - was auch immer das heißt.

In Kirchengrüften blieben die Toten gut erhalten. Besonders bekannt sind italienische und österreichische Kapuzinergrüfte. Auch im ungarischen Vác fand sich unter anderem der erhaltene Körper Terézia Borsodis (1768-1794). Sie starb, bevor ihr kleiner Sohn per Kaiserschnitt geboren werden konnte. Er erblickte noch das Licht der Welt, überlebte aber nur knapp die Nottaufe. In der Gruft sind ihre Körper vereint erhalten geblieben, er ruht friedlich in ihrem Arm.

Aber auch in protestantischen Gegenden finden sich Mumien - gerade in Ostdeutschland oder auch bei uns in Franken. Curt Robert Freiherr von Welck († 1866) etwa verfügte nach einer Gruftbesichtigung in Riesa ausdrücklich eine solche konservierende Art der Bestattung. Ein intakter Leib war zwar für die Auferstehung nicht mehr notwendig, faszinierte aber schon damals. Im Barock trugen viele dagegen künstliche und kunstfertig gestaltete kleine Leichname in verschiedenen Verwesungsstadien mit sich - um sich die Endlichkeit zu vergegenwärtigen.

Eine nur 142 Zentimeter große, aber  füllige Frauenmumie fand sich zufällig in einer Gruft der Barfüßerkirche in Basel. Ihr Leben wäre ohne diesen Fund schon längst vergessen. Erst danach rekonstruierten die Forscher es wieder. Es war die Pfarrfrau Anna Catharina Bischoff, die 1787 verstarb. Ihr Leben und ihre Krankheiten konnten wieder nachvollzogen werden. Und: Der einstige britische Außenminister und Brexit-Befürworter Boris Johnson ist ein Nachfahre.

All dies ließ sich herausfinden, ohne ihren Körper zu beschädigen. Welch ein Unterschied seit dem 19. Jahrhundert! Fotografisch ist dokumentiert, wie damals ganze ägyptische Mumien auf Basaren als Heilmittel dargeboten wurden. Für andere war es ein besonderes Ereignis, in Europa Mumien-Auswickel-Partys zu veranstalten. Vielleicht fand sich in den Binden gar noch ein Schmuckstück oder ein Amulett?

Dies hätte sicher den Pharaonen oder ihren hohen Verwaltungsbeamten Grauen verursacht. Sie wollten ihren Körper erhalten haben, aber sicher keine solche Attraktion werden. Wohl ebenso wenig ins Museum gelangen. Dennoch: Seit Jahrtausenden sind Mumien ein "Lebensarchiv" der Menschheitsgeschichte. Sie sind keine Monster, die Lebende bedrohen und angenehm gruselige Schauergeschichten erzeugen. Nein, sie können auch Kinder zu Fragen über Endlichkeit und Ewigkeit anregen. Auch Kinder-Kuratoren aus der 5. und 6. Klasse halfen bei der Präsentation mit.

Die 50 ausgestellten Mensch- und Tiermumien zeigen verschiedene Formen spontaner und bewusst herbeigeführter Erhaltungsprozesse: Fast überall entdeckten Menschen, wie sich Körper besser erhalten lassen. Nicht nur in Ägypten, Europa oder Südamerika, sondern auch in Ozeanien oder Asien. Überall verbesserten sie diese Form, der Vergänglichkeit ein Schnippchen zu schlagen. Die faszinierende Schau zeigt Zusammenhänge, gibt Verstorbenen oder Überlebenden ein Gesicht und entschlüsselt "Geheimnisse des Lebens" - wie ihr Titel lautet.

                   Susanne Borée

Ausstellung in den Reiss-Engelhorn-Museen C5 Mannheim bis 31. März 2019, dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr. Eintritt zu 13,50 Euro, Ermäßigungen bis zu 4,50 Euro. Mehr Infos unter www.rem-mannheim.de oder telefonisch unter 0621/293-3150.

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