Ausstellungsstücke

Archäologische Schau zeigt im Kulturerbejahr, wie Menschen immer wieder aufbrachen

Die Welt war in Bewegung - zu allen Zeiten. Und sie dreht sich nicht nur um sich selbst. Nein, so lange es Menschen gibt, ziehen sie zu neuen Horizonten. Das ist die Botschaft der groß angelegten Archäologie-Ausstellung "Bewegte Zeiten" im Berliner Martin-Gropius Bau. Bewegt waren die Epochen immer - schon bei den allerersten Funden der Steinzeit finden sich Zeugnisse darüber. Mit dieser Botschaft bezieht die Ausstellung aktuell Stellung.

Mehr noch: Fast scheint es so, als wäre das Gebiet der neuen Bundesländer Heimat der spektakulärsten Berliner Ausstellungsstücke. Natürlich setzte etwa das Landesmuseum für Vor- und Frühgeschichte in Halle an der Saale in den vergangenen Jahren archäologische Maßstäbe (wir berichteten mehrfach). Natürlich boten die jüngsten Ausgrabungen der Schlacht im Tollensetal in Mecklenburg spektakuläre Erkenntnisse.

Und aus Bayern? Auf Nachfrage antwortet Benjamin Wehry vom Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin: "Anders als in anderen Ausstellungen dieses Sujets zeigen wir die archäologischen Funde nicht nur als Kunstwerke, sondern vor allem als Belege für wissenschaftliche Thesen der Archäologie der letzten 20 Jahre in Deutschland. Daher ist es für die Ausstellung und ihr Konzept unerheblich, wie viele Stücke welches Bundesland zur Verfügung gestellt hat. Schon die Zählung bereitet Schwierigkeiten: Zählt jede einzelne Scherbe oder Perle?"

Der Statuenmenhir von Gallmersgarten zwischen Rothenburg und Uffenheim ist eines der beeindruckendsten und ältesten Exemplare aus Bayern (oben links) - und ein rarer Franke im Gropius Bau. Er stammt aus dem 3. Jahrtausend vor Christus. Die rund 1,1 Meter hohe Stele zeigt deutliche gedankliche und stilistische Verbindungen zu ähnlichen Figuren aus Südfrankreich und Norditalien. Das maskenhafte Gesicht auf dem grob behauenen Körper gehört damit zu den ältesten Menschendarstellungen. Allerdings sind sich die Forscher nicht einig darüber, ob ein Ahne gezeigt wird, er eine "Verkörperung numinoser Mächte" oder ein Herrschaftssymbol ist.

Da die Figur offenbar noch an ihrem einstigen Aufstellungsort zufällig bei Kanalbaumaßnahmen gefunden wurde, bietet sie Raum zu weiteren Deutungen: "Möglicherweise hat sie einst, gemeinsam mit einer weiteren, in der Forschung bislang völlig verkannten Skulptur aus dem nur wenige Kilometer entfernten Ort Birkach, einen wichtigen Passweg einer uralten Wegeverbindung vom Donauraum ins Rhein-Main-Gebiet am nördlichsten Punkt der europäischen Hauptwasserscheide markiert." So schreibt es Martin Nadler in seinem Beitrag zum Katalog. Dies war schon eine Zeit, in der über den unmittelbaren Bedarf der Region in Thüringen Feuerstein abgebaut wurde oder sich entlang der Donau niederbayrisches Hornstein verbreitete.

Einen ähnlichen Zweck sollte Jahrtausende später der Karlsgraben bei Treuchtlingen erfüllen. Die Ausgrabungen dokumentiert ebenfalls die Schau im Gropius Bau. Karl der Große ließ beim heutigen Treuchtlingen einen drei Kilometer langen Kanal ausheben. Obwohl er fertig gestellt wurde, benutzten die Zeitgenossen ihn kaum. Denn die ­Kanalpassage war aufwändig und durch die hohen Wegzölle, die den Bau finanzieren sollten, auch teuer.

Fulminant sind die Überblicke über die Ausgrabungen in fünf übergreifenden Themenkomplexen. Daneben hat die Schau auch ihre Grenzen. Bei dem Erfolg von 40.000 Besuchern in den ersten fünf Wochen zeigt sich für den Einzelnen umso deutlicher: Die Beschriftung ist arg klein und zusätzlich oft am Boden oder im Hintergrund der Vitrinen angebracht. Dort stören Lichtreflexe den Lesefluss. Immer wieder müssen sich die Besucher tief in die Nischen zwischen den Schaustücken hineinbegeben, um Erläuterungen lesen zu können.

Der Audio-Guide bringt abwechslungsreiche Hintergrundinformationen, die lebhaft gelesen sind. Allerdings sind die dazugehörigen Nummern an den Vitrinen nicht immer leicht zu finden.

Die Schau ist bewusst nicht chronologisch geordnet, sondern bietet thematische Längsschnitte über Epochen und Regionen hinweg. Das zeigt neue Zusammenhänge - etwa wenn Hortfunde aus Feuersteinen oder der Fayence des 18. Jahrhunderts nebeneinander gestellt sind.

Andererseits fordert es die Besucher: Sie müssen sich sicher zwischen den Zeiträumen bewegen können. Doch für nicht so klassisch gebildete Besucher gibt es wenig Erläuterungen von Fremdwörtern wie Mikrolithen. Natürlich sind die Objekte steinern und klein: also Pfeilspitzen. Hier und an weiteren Stellen wäre eine nähere Erläuterung hilfreich gewesen, um alle Gedankenlinien nachzuvollziehen.

Einen gedanklichen Aufbruch in die Höhe zeigen Himmelsdarstellungen aus der Bronzezeit: Da ist besonders die Himmelsscheibe von Nebra aus dem 18. und 17. vorchristlichen Jahrhundert zu nennen - auch wenn das Original nur bis Anfang November ausgestellt werden konnte. Daneben sind aber auch die 500 Jahre jüngeren Goldhüte beeindruckend. Da stellt die Schau drei Exemplare nebeneinander. Nur:?"Der Goldhut aus Ezelsdorf/Buch, der im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg aufbewahrt wird, hat dies trotz intensivster Nachfrage leider nicht geschafft", so Benjamin Wehry.

Ihre Symbole zeigen Sonnen, die durch einen gezackten Stern bekrönt sind. So repräsentieren sie Himmelsbeobachtungen. Allerdings sind sie schon weniger ausgefeilt als auf der älteren Himmelsscheibe. Diese zeigt selbst durch mehrere Veränderungen den "Wandel von einer bemerkenswert rationalen Denkweise hin zur rein mythologischen Denkweise" - in dieser Reihenfolge.

Immer wieder brachen Menschengruppen zu neuen Ufern und Horizonten auf. Wer an dem einmal Erreichten festhielt, dessen Kenntnisse und Ressourcen veralteten schnell. Wer an angeblich guten alten Zeiten festhielt, dessen Kultur stand bereits am Rande eines Untergangs. Auch diese Botschaft der Ausstellung scheint ganz aktuell.   

Ausstellung "Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland" im Gropius Bau Berlin bis 6. Januar 2019, mittwochs bis montags 10 bis 19 Uhr; dienstags geschlossen. Eintritt: 12 Euro, ermäßigt 6 Euro, Eintritt frei bis 18 Jahre.

Gleichnamiger Katalog im Michael Imhof Verlag, im Museum zu 29 Euro, ISBN 978-3-7319-0723-7. Mehr Infos online: https://www.smb.museum.de.

                        Susanne Borée