Tschechen und Slowaken: historisch vereint?

Prager Nationalmuseum
Prager Nationalmuseum. Foto: Borée

Prager Nationalmuseum hundert Jahre nach Gründung der Tschechoslowakei neu eröffnet

Sie überstrahlt den Wenzelsplatz in neuem Kleid - das Prager Nationalmuseum hat sich frisch herausgeputzt. Nach siebenjährigen Renovierungen erinnert es nun an die gemeinsame, aber schwierige Geschichte von Tschechen und Slowaken. Geduld ist nötig, um auch jetzt in das Gebäude zu gelangen: Gut und gern eine Stunde Wartezeit dauert es, bis der Eingang in der Schlange erreicht ist. Dann aber öffnet sich der Blick in das prächtige Jugendstil-Treppenhaus und seine repräsentativen Säle. Ein wenig versteckt dann der Zugang zu der Jubiläumsausstellung. Seit dem 100. Jahrestag der Gründung der Tschechoslowakei am 28. Oktober 2018 ist dort zunächst eine 2.000 Quadratmeter große Ausstellung zu sehen. 

Sie widmet sich dem gemeinsamen Staat von Tschechen und Slowaken. Seit 25 Jahren allerdings gehen die beiden Länder wieder getrennte Wege. Anfang 1993 haben sie sich friedlich voneinander getrennt. Trotzdem haben sie die Schau gemeinsam vorbereitet. Und allein schon das ist bemerkenswert. Sie war bereits in der slowakischen Hauptstadt Bratislava zu sehen. Nun wird sie bis zum 30. Juni 2019 in Prag gezeigt. Noch bis Ende des Jahres ist sie kostenlos zugänglich.

Neben Gemeinsamkeiten widmet sie sich auch den Unterschieden. Sie erzählt davon, wie das zunächst unrealistisch erscheinende Projekt eines eigenen Staates für Tschechen und Slowaken Wirklichkeit wurde und wie der neue Staat das Leben der Menschen beeinflusste. Seit spätestens 1915 arbeiteten Emigranten aus dem Gebiet der späteren Tschechoslowakei auf einen eigenen Staat hin.

Zu sehen sind auch einige Originaldokumente, die mit der Geschichte des Landes verknüpft sind. Darunter findet sich der Pittsburgher Vertrag, in dem tschechische und slowakische Exilgruppen 1918 die Grundlagen für einen gemeinsamen Staat vereinbarten. Fast 2.000 Exponate zeigen die Entwicklungen in Politik und Wirtschaft, Kunst, Kultur und Freizeit. Das geht bis zu Zelten aus der kommunistischen Zeit. Mit ihnen begaben sich nicht wenige Menschen auf eine kleine Auszeit jenseits des Alltags.

Eine einzige Nation?

Allerdings war der Anspruch, eine "einzige tschechoslowakische Nation" zu schaffen, wohl schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Schließlich verliefen die Entwicklungslinien zwischen beiden Landesteilen fast von Beginn an gänzlich unterschiedlich. Die Slowakei war etwa landwirtschaftlicher geprägt.

Ein weiteres Beispiel für die Unterschiede zeigt sich auch bei den Kirchen: In Tschechien wurde die katholische Kirche vor 1918 mit dem Habsburgerreich verbunden. Schließlich hatte Wien im Dreißigjährigen Krieg das Land rekatholisiert. 1925 gedachte der neue Staat prominent der Verbrennung des Jan Hus. Inzwischen gibt es in Tschechien nur noch wenig religiösen Rückhalt: Zehn Prozent der Bevölkerung von 10,5 Millionen erschienen 2011 als katholisch, ein weiteres Prozent bekannte sich zu evangelischen Kirchen. Tendenz fallend.

Die Slowakei war ungleich stärker kirchlich geprägt. Bei der nationalen Erweckung im 19. Jahrhundert spielten Geistliche - auch lutherische Pfarrer - eine führend Rolle. Der ehemalige Priester Jozef Tiso ließ sich jedoch Anfang 1939 zum Staatspräsident des von Tschechien getrennten Landes küren, das mit Deutschland kollaborierte. Die allermeisten Juden wurden auch hier bis 1945 deporiert. Hier waren 2011 noch 62 Prozent der Bevölkerung von 5,4 Millionen katholisch, etwa acht Prozent gehörten protestantischen Richtungen an.

Im Süden des slowakischen Landesteils gab es nach 1918 noch eine starke ungarische Minderheit. Und in Tschechien die Sudetendeutschen sowie deutschsprachige Juden. Mit Minderheitenverträgen versuchte der neue Staat nach 1919 diesen Herausforderungen zu begegnen. Doch spätestens nachdem die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht ergriffen hatten, waren solche Versuche zum Scheitern verurteilt. Auch in Ungarn gewannen zu dieser Zeit rechte autoritäre Politiker die Oberhand.

Schließlich zerschlugen die Nazis 1938 und im Frühjahr 1939 den Staat. Nun besetzte Deutschland Böhmen. Gleichzeitig riefen slowakische Politiker einen angeblich unabhängigen Staat aus, nachdem die Nazis mit einer ungarischen Besetzung der Region gedroht hatten. Diese Kapitel gehen dann ein wenig schnell in der Ausstellung. Aber andererseits wird auch der Vertreibung der Sudetendeutschen nach 1945 aus Tschechien gedacht.

Altes Museum - neue Pracht

Noch im Zweiten Weltkrieg war der Mitteltrakt 1945 durch eine Fliegerbombe beschädigt worden. Später verursachte der Bau der Prager Metro weitere Schäden. Doch das prächtige Äußere blieb erhalten. So hielten es wohl auch die sowjetischen Soldaten, die 1968 den "Prager Frühling" beendeten, für ein Regierungsgebäude. Sie feuerten auf die gut hundert Meter lange Fassade. Die Einschusslöcher blieben jetzt bei der aktuellen Restaurierung erhalten und erinnern weiter daran.

Die vergangenen sieben Jahre dienten dazu, die gesamte Bausubstanz sowie zahlreiche Kunstwerke zu restaurieren und die technischen Anlagen zu erneuern. Gleichzeitig wuchs die Ausstellungsfläche durch Umbauten auf 12.000 Quadratmeter. Insgesamt 80.000 Exponate sollen künftig in acht Dauerausstellungen zu sehen sein. Die Wiedereröffnung des größten tschechischen Museums erfolgt schrittweise bis 2020. Zwei Ausstellungen über die eigene Entwicklung und eine multimediale Präsentation widmen sich zudem der Geschichte und Zukunft des Museumsbaus.  

Infos (auch auf Englisch) zum Nationalmuseum unter www.nm.cz. Weitere Infos zu Reisen nach Tschechien unter www.czechtourism.com                 

                       Susanne Borée/PR