Dort ist nicht dort

Denkmal des ehemaligen Umschlagplatzes des Ghettos in Bedzin
Denkmal des ehemaligen Umschlagplatzes des Ghettos in Bedzin. Foto: Haberfeld

Ein Besuch in der Vergangenheit

Die polnische Stadt Krakau ist heutzutage ein beliebtes Reiseziel für Besucher aus allen Teilen Europas und der Welt. Reiseführer und Reisewebseiten beschreiben die bekannten Sehenswürdigkeiten der Stadt, darunter auch unter der "muss man unbedingt machen” - Kategorie das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz und das Schindler Museum im Stadtteil Plaszów. Die schöne Stadt ist zu Recht auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Doch unsere Gruppe ist hier in Krakau für einen anderen Grund eingetroffen. Wir sind keine normalen Touristen. Wir sind hier für einen Besuch in die Vergangenheit.

Unsere Gruppe besteht aus über 200 Kindern und Enkelkindern von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus, die aus Israel, USA, Kanada und Australien angereist sind, um die Spuren unserer Familien zu finden. Unser Ziel ist Bedzin, eine Kleinstadt circa 80 Kilometer westlich von Krakau. Bedzin war einst ein Zentrum jüdischen Lebens im südwestlichen Polen; die Hälfte der Bevölkerung Bedzins war vor dem zweiten Weltkrieg  jüdisch.

Unterhalb der Burg des Königs Kazimier dem Großen stand die Hauptsynagoge Bedzins, die am 9. September 1939 von den Nazis abgebrannt wurde. Heute erinnert daran nur ein kleiner Betonwürfel mit siebenarmigem Leuchter und hebräischer und polnischer Inschrift an die 60 jüdischen Menschen, die in der Synagoge damals verbrannten. Der Würfel steht in einem kleinen Park neben der heute vierspurigen Hauptstraße die, Bedzin mit Czeladz und Kattowitz verbindet.

Eine altmodische Straßenbahn rappelt im Mittelstreifen den Hang entlang. Der Fluss Przemsza unterhalb der Synagoge, an dem einst die Mikweh (das Ritualbad) der jüdischen Gemeinde Bedzin stand, ist heute nur ein Rinnsal. Hoch über dem Park, hinter den verwahrlosten Häusern, steht eine katholische Kirche. Eine Gedenktafel an der Außenmauer erinnert an den katholischen Priester Vater Mieczyslaw Zawadzki, der fliehende Juden vor den Nazis rettete und in seiner Kirche versteckte.

Ich stehe in der Modrzejowska Straße vor dem Wohnhaus, durch dessen Eingangstor mein Vater vor 78 Jahren zum letzten Mal hindurchging. Das Gebäude beherbergt heutte ein kleines Museum zur Erinnerung an die Juden in Zaglembie, dem polnischen Namen dieser Region Polens, und auch das Café Jerozolima, das als Anlaufpunkt für Besucher des jüdischen Bedzin dient. Das Cafe ist liebevoll im Stil der Vorkriegszeit restauriert und vollgestopft mit jüdischen Erinnerungsstücken.
Ansonsten ist das jüdische Bedzin ein virtuelles Bedzin.

Zwei kleine restaurierte Gebetsstuben sind die einzigen heutigen Zeugen des jüdischen Lebens vor 1939. Nur wenige der jüdischen Friedhöfe sind nach dem Krieg (und nach vielen Jahren Kommunismus) erhalten.  Der Bedziner Friedhof, mit hohen Bäumen überwachsen, ist nicht in gutem Zustand. Die Sonne scheint erbarmungslos auf uns nieder. Es ist 10 Uhr morgens und die Hitzewelle, die Polen diesen Sommer erlebt, macht uns zu schaffen.

Repräsentanten der Stadt Bedzin stehen mit uns zusammen am Denkmal des ehemaligen Umschlagplatzes im Stadtteil Kamionka. Es ist der 75. Jahrestag der Liquidierung des Ghettos in Bedzin. An diesem Platz standen meine Verwandten und die Verwandten meiner Mitreisenden und warteten unter Aufsicht der SS auf ihren Abtransport nach Auschwitz. Wir singen zusammen das jiddische Partisanen-Lied im Angedenken an den Ghettoaufstand im August 1943, der wenige Tage vor der Auflösung des Ghettos stattfand. "Sog nit keyn mol as du geyst dem letstn weg" - Sag nicht dass Du den letzten Weg gehst.

Ein Vorbeter sagt das Kaddisch, die jüdische Lobpreisung an Gott, das man in Erinnerung an Verstorbene sagt. Wir nehmen alle eine gelbe Blume in die Hand und gehen zusammen, schweigend, die zwei Kilometer bis zum Bahnhof, den selben Weg, den die letzten Einwohner des Ghettos laufen mussten. Wir dürfen leider nicht auf den Bahnsteig, und ein Denkmal an die Juden, die auf diesen Gleisen in den Tod geschickt wurden, darf in letzter Minute doch nicht an der Wand des Bahnhofsgebäudes angebracht werden. Und so hängen wir die gelben Blumen an den Zaun mit Blick auf den Bahnsteig.

Unsere virtuelle Tour bringt uns an einen sehr konkreten und verstörenden Ort, die Auschwitz-Birkenau Gedenkstätte und Museum, 50 Kilometer südlich von Bedzin. Auschwitz besteht eigentlich aus zwei Lagern, dem Auschwitz I mit 30 original Backsteingebäuden und dem Lager Auschwitz II - Birkenau, einem riesigen fast zwei Quadratkilometer großen Gelände, das 300 Baracken und vier Gaskammern mit Krematorien enthielt, in denen jeweils 2000 Menschen auf einmal umgebracht und verbrannt wurden. Also hier waren meine Verwandten die Auschwitz überlebt haben, die mit der tätowierten Nummer auf dem Arm.

Ein polnischer Reiseleiter begleitet uns durch die Ausstellung in Auschwitz I. Ich sehe ein Foto, das die Ankunft deportierter Juden aus Würzburg zeigt. Zwischen Block 10 und 11 befindet sich eine Mauer, an der die SS tausende Menschen  erschossen hat. Auf unserem Weg zu Auschwitz II - Birkenau verdunkelt sich der Himmel und mit einem massiven Blitz und Donner prasselt der Regen auf uns herunter. Wir laufen durch das Eingangstor von Birkenau, über die Schienen zu einer der rekonstruierten Baracken. In solchen Baracken hausten jeweils 300 Menschen. Wir sind über 200 Leute, vollkommen nass und zwängen uns in der Enge an dem kleinen (original) Backsteinofen am Eingang vorbei. Wir blicken uns gegenseitig an, keiner muss erklären, was wir gerade denken.

Am ehemaligen Krematorium Nummer 4 erzählt eine Dame ihre Überlebensgeschichte im Lager Birkenau. Sie ist 92 Jahre alt und mit ihrer Tochter und Enkelkindern mit uns an diesen Ort ihres Traumas gereist. Eine Gedenkminute an die Opfer, ein Vorbeter singt das El Male Rachamim Totengebet und wir sagen zusammen das Kaddisch. Auf kleinen weißen Schildern schreiben wir die Namen unserer Verwandten, die in Auschwitz umgebracht wurden und zünden eine Kerze an. Wir werden Euch nie vergessen.

                        Elke Haberfeld

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