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Computerspiel. Foto: Pixabay

Wie verdorben ist das Internet? 6. Medienforum der bayerischen Kirche in Tutzing

Die digitalen Medien prägen in weiten Bereichen das Leben der meisten Menschen in Deutschland. Sie nutzen und sie helfen uns, vieles ist leichter geworden, vieles geht schneller als früher. Aber vor allem ist vieles anders geworden. Die digitale Welt scheint grenzenlos, national wie moralisch. Mit der dunklen Seite des Internets befasste sich das diesjährige Medienforum der Evangelischen Landeskirche in Bayern, das zum sechsten Mal in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand."Hass, Verbrechen, Gewalt und Terror: Neben den vielen positiven Seiten, hat das Internet auch eine sehr dunkle Seite", sagte Kirchenrat Daniel Dietzfelbinger, Referent für Medien und Erwachsenenbildung im Landeskirchenamt. Zusammen mit Pfarrer Udo Hahn, Leiter der Evangelischen Akademie Tutzing und Kirchenrat Hartmut Joisten, Dozent für Journalismus und Medien an der Abteilung für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen, eröffnete er das Forum.

"Welchen Preis zahlen wir für die Wohltaten des Internets?", fragte Dietzfelbinger zu Beginn der Tagung. Obwohl den Menschen auf der einen Seite bewusst sei, dass Staat, Konzerne und Kriminelle Zugriff auf Daten im Internet haben können, stellen die Menschen immer mehr sensible und intime Daten von sich bereitwillig ins Netz ein, gerade bei Sozialen Plattformen, wie etwa Facebook. "Welchen Preis sind wir bereit für unsere Eitelkeiten zu zahlen, wie viel geben wir von uns im Netz preis?", fragte er.

Per se ist das Internet eine interessante Quelle, aus der schier grenzenlos und jederzeit Informationen abrufbar seien, sagte auch der erste Referent der Tagung, Till Krause, Redakteur vom Magazin der Süddeutschen Zeitung. "Grundsätzlich ist das Internet eine sehr gute Sache. Aber es ist auch als Waffe zu gebrauchen, zum Beispiel für Handelsangriffe oder für Angriffe, die den Strom lahmlegen. Es sei auch Einfallstor für kriminelle Handlungen. Das Internet biete ungeahnte Möglichkeiten der Überwachungen die Privatsphäre. Es sei auch eine Plattform für politische Propaganda, die ungefiltert und koordiniert stattfinden kann.

"Ursprünglich war das Internet angelegt, als eine Plattform grenzenloser Freiheit der Gedanken und des Wissensaustausches", so der Journalist. Doch heutzutage herrscht im Internet eine große Monokultur, was die Verbreitung von Informationen angeht: Google, Apple, Facebook und Amazon sind die großen Fünf, die bestimmen, was im Internet an Meinungen geschieht. Sie haben mehr Einfluss als jede Organisation der Menschheitsgeschichte bisher." Allein Facebook verzeichne  2,2 Milliarden und ist damit ein Massenmedium, das etwa die Zahl aller Christen auf der Welt erreicht.

Inzwischen hat Facebook streng abgeschirmte Löschzentren, in Berlin und Essen. Weltweit gibt es 7.500 Moderatoren, die unerwünschte Inhalte löschen. Krause recherchierte bei den Menschen die in diesen Zent­ren arbeiten müssen. Es sind oft junge Menschen aus Flüchtlingsländern, wie Syrien, die durch ihre Arbeit teilweise traumatisiert sind. "Sie sind ein digitaler Mülleimer, die täglich mit brutalen kriminellen und abstoßenden Inhalten konfrontiert werden", weiß Krause. Ein Mitarbeiter, der für Facebook arbeitet, darf nicht über Inhalte sprechen - oder über die Kriterien, was gelöscht wird und was nicht sprechen. Dabei sind sie für Außenstehende völlig undurchsichtig und nicht nachvollziehbar. Der Journalist gelangte an die geheimen Richtlinien des Konzerns. Hassreden, so Krause, werden nicht etwa aus ethischen Gründen gelöscht, sondern aus der Befürchtung heraus, dass die Bereitschaft der Nutzer persönliche Inhalte zu posten, sinken könnte. Nicht Ethik, sondern Profitdenken bestimme die Standards dort.

Kriminaloberrat Manuel Klughardt, Leiter des Dezernats Cybercrime, also der Netzwerkfahndung der bayerischen Polizei, berichtete vor dem Forum aus dem Alltag der Internetabteilungen der Polizei. Ursprünglich hieß die erste so geartete Abteilung kurz UPS, "unzüchtige Bilder und Schriften". Schon seit den Anfangstagen des Internets musste sich die Polizei mit dem Phänomen der Kinderpornografie auseinandersetzen. "Meine Kollegen sind täglich auf Streife im Netz, sowohl im sichtbaren, als auch im unsichtbaren Dark­net."

Der Schwerpunkt in Bayern liegt auf der Suche nach Kinderpornographie. "Unser Anliegen ist, den Missbrauch von Kindern zu stoppen." Zwischen zehn und 30 Prozent der Männer, die ein Bild im Netz posten, sind nämlich selbst Täter. Klughardt berichtete von den Erfolgen der Fahndung, aber auch von Rückschlägen. Er sprach sich in diesem Zusammenhang für Vorratsspeicherung von Daten aus. Da aber bisher kein behördlicher Zwang dafür angewandt werde, würden keine Nutzerdaten gespeichert. So ist die Fahndung nach den Kinderschändern mühsamer und langwieriger.

"Der Pranger kehrt zurück", sagte Oberkirchenrat Detlev Bierbaum, Leiter der Abteilung Gesellschaftsbezogene Dienste. "Soziale Medien verschaffen ihm eine Renaissance. Jeden kann Demütigung treffen und beschämen. Ihm kann man schlecht entkommen", stellte Bierbaum fest. Motive für Hasskommentare und Demütigungen im Internet seien vielfältig: Aufmerksamkeit für die eigene Person, Bedürfnis nach Wahrnehmung nannte er zuerst. Dann: "Eigenes sich selber schämen" schlägt in Zorn um auf andere. Die Anonymität des Netzes schaffe auch Raum für ­Rache und tiefsitzende Bedürfnisse. Voyeurismus, Auslösen von Überlegenheitsgefühlen sind weitere Motive.

"Die Bibel weiß um unsere dunklen Seiten", sagte Bierbaum in seinem Vortrag "Scham. Gedanken zu einem vermeintlich peinlichen Thema". In der Bibel berichtet schon die Geschichte von Adam und Eva von Scham. Scham sei daher verbunden mit Selbsterkenntnis. In der Kirche würde Scham nur auf Sexualität reduziert. Aber Scham sei das Gefühl des Selbstwertverlustes in den Augen  der möglichen anderen.

Die moderne Gesellschaft sei keine Kultur der Schamlosigkeit. Scham hat eine Funktion und schützt die Grenzen unserer Intimität und die Grenzen anderer. Scham garantiert die Einhaltung von sozialen Verhaltensregeln. Die Jugendlichen von heute sind nicht schamlos. Sie können virtuelle und reale Welt gut unterscheiden. Er rief der heutigen Gesellschaft zu: "Keine falsche Scham, aber bitte auch keine Unverschämtheiten."

Über Anstand in schwierigen Zeiten redete sehr eindrücklich der Münchner Journalist Richard Gutjahr. Er war zufällig bei den Anschlägen 2016 in Nizza und eine Woche später in München am Olympiazentrum dabei. Seitdem ist er Anfeindungen, Drohungen und Hassangriffen ausgesetzt. Ihm wird Haarsträubendes unterstellt, er sei beispielsweise in die Attentate eingeweiht gewesen. Gutjahr berichtet von vielen schmerzvollen Momenten, von einem einsamen Kampf. Niemand stand ihm bei. Auch nicht der Arbeitgeber, der Bayerische Rundfunk. Gutjahr begann sich zu wehren, ging an die Öffentlichkeit und zog - erfolglos - vor Gericht. 

                       Martin Bek-Baier