Verantwortung für Vorfahren übernehmen

Beatrix Piezonka
Beatrix Piezonka zeigt bei der Ausstellungspräsentation im Würzburger Kulturspeicher auch, welchen Hinweisen sie nachgegangen ist, um einem unrechtmäßigen Erwerb auf die Spur zu kommen. Foto: Borée

Beatrix Piezonka untersucht im Kulturspeicher, welche Kunstwerke unbelastet sind

"Provenienzforschung" zum Selbermachen: Ein sperriges Fremdwort will Beatrix Piezonka im Würzburger Kulturspeicher zum Leben erwecken. Das heißt: Die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken soll endlich einmal geklärt werden. Diese Detektivarbeit sucht nach Spuren, die Jahrzehnte zurückliegen. Denn es geht darum, gerade die Wege von Werken zu untersuchen, die der Kulturspeicher während der Nazi-Zeit erhalten hat. Sind Gemälde dabei, die aus jüdischem Eigentum stammen und als NS-verfolgungsbedingt entzogen gelten müssen?

Diese Frage stellt sich im Würzburger Kulturspeicher besonders. Denn es erblickte just im Jahr 1941 das Licht der Welt. Mehr noch: Der Museumsgründer und dessen erster Leiter Heiner Dikreiter (1893-1966) war Mitglied der NSDAP und vertrat exponiert die Kunstauffassung der Nazis. So musste er nach 1945 die Leitung des Museums niederlegen.

Besonders spannend sind auch die familiären Verhältnisse des Museumsgründers und ersten Leiters Heiner Dikreiters. Denn sein eigener Vater Heinrich Georg Dikreiter (1865- 1947) war ein damals bekannter Sozialdemokrat, der vor 1933 in Niederschlesien als Stadtrat und Stadtkämmerer Verantwortung ausübte. Er hatte damals Kunst gesammelt. 1942 und 1943 verkaufte er 480 Kunstwerke an die Galerie, die nun der Sohn führte. Vetternwirtschaft? Oder wollte Heiner durch die Ankäufe seinen Vater unterstützen? Ihm hatten die Nazis als Sozialdemokraten die Beamtenbezüge gestrichen. Hätte er die Sammlung unter normalen Umständen verkauft? War also der Kauf eine Unterstützung eines Andersdenkenden oder infolge der NS-Verfolgung ermöglicht?

Seit 2014 durchforstet Beatrix Piezonka systematisch die Sammlungen. Mehr als 5.000 Kunstwerke erwarb die Sammlung bis zum Kriegsende 1945. Gut zwei Drittel davon verkauften oder schenkten nicht verfolgte Künstler oder ihre Erben direkt dem Museum. Da konnte Piezonka die Herkunftsgeschichte lückenlos als unbedenklich rekonstruieren.

Bei exakt 1.633 weiteren Werken war dies nicht der Fall: Es waren Ankäufe aus dem damaligen Kunsthandel. In wie weit profitierten Händler von Sonderangeboten, die Verfolgte des Dritten Reiches zwangsweise und oft weit unter dem tatsächlichen Wert abstoßen mussten? Dieser Verantwortung hat sich das Museum im Kulturspeicher gestellt. Als Nachfolger der Städtischen Galerie unternahm es in den vergangenen drei Jahren ein vom Deutschen Zent­rum Kulturgutverluste gefördertes Forschungsprojekt. Provenienzforscherin Beatrix Piezonka hat detektivisch die Kunstwerke in jahrelanger Kleinarbeit untersucht. Die Ergebnisse hat sie nun in der Sonderausstellung "Herkunft & Verdacht" im Würzburger Kulturspeicher dokumentiert und ausgestellt.

Wie soll dies aber "zum Selbermachen" geschehen? Welcher Ausstellungsbesucher hat schon Jahre lang Zeit? Dafür hat der Kulturspeicher eine Mitmachstation entwickelt. Das will dem Problem entgegen wirken, dass die umfangreichen Erläuterungen zwar spannend, aber auch durchaus "textlastig" sind, wie Beatrix Piezonka zur Eröffnung zugab.

So können die Besucher exemplarisch zumindest nachvollziehen, auf welchen Wegen Piezonka die Herkunft der Werke untersucht hat. Da kann gerade der Rücken der Bilder entzücken. Denn hinten auf den Bilderrahmen sind manche schwer entschlüsselbare, aber spannende Hinweise angebracht: Vermerke von Galerien oder Ausstellungen, auf denen die Bilder waren. Spezielle Vergrößerungen oder Lichtanalysen könne sie wieder lesbar machen.

Ein Rahmen wendet den Besuchern also sein Hinterteil zu. Den Informationen dort können sie selbsttätig nachgehen, indem sie weitere Informationen aus vorbereiteten Taschen ziehen. So können sie die Wege der Werke selbst nachvollziehen. Andere Bilder hängen nicht an der Wand, sondern stehen frei im Raum: Sie lassen sich von allen Seiten betrachten.

Die Schau gibt auch Einblicke in die Inventarbücher. Allerdings sind die meisten Rechnungen und Aktenbelege beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 oder spätestens bei einem weiteren Brand im Rathaus 1947 verloren gegangen. So ließen sich die Angaben der Inventarbücher nicht weiter überprüfen.Weiter sind Zwischenhändler und Erstbesitzer oft ohne Vornamen oder genaue Anschrift genannt. So ist eine genau Zuordnung nach 75 Jahren gerade bei häufigen Namen oft nur mit Zusatzinformationen möglich. Auf welchen Wegen dennoch eine Zuordnung zustande kam, zeigt die Ausstellung immer wieder. Oder es ist zum Beispiel bekannt, dass etwa Ernst Levi 1911 das Gemälde "Mädchen mit Wasserkrügen" von Rudolf Gudden erwarb, das sich nun im Kulturspeicher findet. Aber: Wie lange blieb es in seinem Besitz?

Wenigstens finden sich inzwischen Informationen über Sammler und Auktionen in Onlinedatenbanken. Das erleichtert die Arbeit von Beatrix Piezonka und ihren Kollegen ganz erheblich. Und dann half den Forschern ein Zufallsfund erst jetzt, im April 2018: zwei bislang verschollene Ordner der Stadthauptkasse. Dort entdeckte Beatrix Piezonka Belege zur Jahresrechnung 1942 mit originalen Rechnungen der damaligen städtischen Galerie.

Auch die Finanzverwaltung des Dritten Reiches kann weitere Hinweise geben: Schließlich gab es eine eigene diskriminierende Steuergesetzgebung für Juden: etwa die "Reichsfluchtsteuer" oder die "Judenvermögensabgabe". Sie mussten nicht selten in Naturalien, sprich Bildern, bezahlt werden.

Diese Beispiele zeigen deutlich, wie mühsam oft die Recherche ist. Denn oft muss mehr als ein Weg beschritten werden. Viele Spuren führten allzu oft in Sackgassen. Nun ergänzen auch in der Dauerausstellung weitere Texte die bisherigen kunsthistorischen Erläuterungen. Vier Werke musste der Kulturspeicher als "NS-verfolgungsbedingt" erstatten.

Doch Beatrix Piezonka ist keineswegs an das Ende ihrer Forschung gelangt. In einem zweiten Schritt untersucht sie nun Kunstwerke, die der Kulturspeicher zwischen 1946 und 1975 erworben hat. Sie hat bereits 1.088 Objekte identifiziert, die vor 1945 entstanden. Und sie gelangten nicht direkt vom Künstler oder den Erben an das Museum. Auch hier sollen verschlungene Wege entwirrt werden.    

Ausstellung "Herkunft & Verdacht" bis zum 24. Februar im Würzburger Museum im Kulturspeicher, Oskar-Laredo-Platz 1, Telefon 0931/322250, E-Mail museum.kulturspeicher(at)stadt.wuerzburg.de, online unter www.kulturspeicher.de. Dort auch Hinweise auf ein umfangreiches Begleitprogrammm. Geöffnet: dienstags 13-18, Uhr, mittwochs bis sonntags 11-18 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. Katalog mit vielen Informationen für 16,80 Euro.

                       Susanne Borée