Stille Hoffnung auf eine friedliche Zukunft

Thomas Greif
Thomas Greif erklärt im Rummelsberger Diakoniemuseum Plakate von Filmen, die die Evangelische Bildkammer in vielen Dörfern vorführte. Foto: bor

Ausstellung über die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik

''Und doch, es bleibt nicht nur eine große Erinnerung, sondern es lebt eine stille Hoffnung auf eine friedliche Zukunft unseres Vaterlandes trotz der Feinde ringsum - wofern Deutschland nicht sein eigener Feind ist." An einer Scharnierstelle stehen diese Worte Christian Caselmanns. Der damalige Rektor der Diakonissenanstalt Augsburg formulierte sie vor genau hundert Jahren, 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs.

Trotz aller Hoffnungen der Monate zuvor, trotz des faktischen Sieges gegenüber Russland im Vertrag von Brest-Litowsk noch im März, trotz der anschließenden Frühjahrsoffensive im Westen war das Undenkbare geschehen: Deutschland war geschlagen. Denn leider hatte das Reich etwa zu spät darauf reagiert, dass 1917 die USA als Gegner in den Krieg eingetreten waren. Sie brachten Millionen frischer Soldaten an die Front und waren kriegstechnisch auf dem neuesten Stand.

An einer Scharnierstelle auch innerhalb der Rummelsberger Ausstellung "Feldlazarett & Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik" steht die Hoffnung Caselmanns. Museumsleiter Thomas Greif hat zunächst in der Ausstellung die Rolle evangelischer Kirchenvertreter während des Ersten Weltkrieges dargestellt. Er zeigt etwa eindrücklich, wie Diakonissen aus Augsburg oder Neuendettelsau aufopferungsvoll die Verwundeten in den Feldlazaretten des Krieges pflegten.

Gerade die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern stand im Herbst 1918 vor einem Scherbenhaufen. Zu gut hatte sie sich im vergangenen Jahrhundert mit dem bayerischen König verstanden. Obwohl katholisch übte er als Landesherr die oberste Bischofsgewalt auch über die Lutheraner aus.

Und nun? Am 7. November 1918 rief Kurt Eisner den Freistaat Bayern aus und erklärte Ludwig III. als bayerischen König für abgesetzt. Die Lutheraner fragten sich nun öffentlich, wie ein Plakat in der Rummelsberger Ausstellung zeigt: "Soll auch unsere Landeskirche bei der geplanten Trennung von Kirche und Staat zum Trümmerfeld werden?" Dennoch: Es drückte ebenfalls die Hoffnung auf einen Neuaufbau aus - doch "Gott muß der Bauherr sein."

Dagegen meinte Gottfried Seiler, von den Rummelsberger Anstalten 1918: "Die Schuld an der Niederlage tragen jene, die uns im Augenblick der größten Gefahr das Schwert aus der Hand geschlagen haben oder das Schwert selbst weggeworfen haben, weil Juden (zB Eisner) und andere vaterlandslose Gesellen ihnen weisgemacht haben, sie brauchten blos ihre Fürsten zu stürzen und ihr Schwert wegzuwerfen, dann bekämen sie den herrlichsten Verständigungsfrieden von unseren Feinden ... Umso notwendiger wird unser deutsches Volk die Arbeit der Inneren Mission brauchen, je größer die Not und der Abfall von Gott wird." Obwohl die Ausstellung dort stattfindet, hat Thomas Greif auch diese Worte prominent unter der Einschätzung Caselmanns dargestellt.

Die Weimarer Republik verfolgte aber nicht die Kirche, wie durchaus zunächst befürchtet. Die neue Staatsform hatte trotz aller Probleme und Krisen den Anspruch, die Ideale eines Wohlfahrtsstaates zu verwirklichen. Freie und vor allem kirchliche Einrichtungen der Wohlfahrtspflege konnten ihre Erfahrungen einbringen. Besonders die Diakonie, damals Innere Mission genannt, profitierte von dieser Entwicklung. Sie konnte auf eine "verlässliche Finanzierung der diakonischen "Anstalten" bauen. Dies sorgte besonders zwischen 1924 und der Weltwirtschaftskrise 1929 für die Entstehung ganz neuer Arbeitsfelder.

Und sie richtete ihr Augenmerk auf etwas ganz Neues: Bewegte Bilder. Dies weniger "aus zwingender wissenschaftlicher Notwendigkeit denn aus der Attraktivität des vorhandenen Archivgutes", wie Thomas Greif in der Einleitung zum Ausstellungsführer schreibt. An vielen Dörfern war diese Neuerung bislang praktisch vorbeigegangen.

Für dies Medium engagierte sich der damals junge Pfarrer Julius Kelber (1900-1987) ab 1924. Bald schon bereisten die Filmvorführer der Evangelischen Bildkammer Bayern, die Kelber bis 1933 leitete, nahezu alle evangelischen Gemeinden Bayerns und faszinierten ihr Publikum. "Nirgendwo in Deutschland" wurden so erfolgreich so viele Filme aus Kirche und Mission gezeigt und gedreht" wie in Bayern. Thomas Greif nennt die Zahl von bis zu drei Millionen Zuschauer. Bis zu sieben Vorführer zogen gleichzeitig übers Land. Meist zeigten sie die Filme in Kirchen nach einer entsprechenden Ansprache des Ortspfarrers, Orgelmusik und Gebet.

Thomas Greif hat einige dieser einzigartigen diakonischen Filmdokumente im Landeskirchlichen Archiv in Nürnberg wiederentdeckt und technisch für eine Vorführung aufbereitet. "Die Filme aus dem Bestand der Bildkammer gehören zu den ältesten Sozialdokumentationen der deutschen Filmgeschichte." Sie zeigen etwa, wie Einrichtungen der Inneren Mission taubblinden Kindern die Blindenschrift nahe brachten. Oder wie ein Junge, den die Kinderlähmung zum "Krüppel" gemacht hatte, orthopädische Hilfsmittel bekam, mit deren Hilfe er wieder aufrecht laufen konnte. Für heutige Sehgewohnheiten laufen Bilder und Handlung dieser Stummfilme aber sehr langsam.

Zusammen mit dem Evangelischen Bund Bayern (ebb) konnte Greif auch den umstrittenen Film "Luther" von 1927 wieder verfügbar machen. Er war weniger von säkularer Seite, sondern eher konfessionell hoch umstritten. Viele Katholiken verstanden allein schon seinen Inhalt als Provokation. Auch in vielen öffentlichen Kinos in katholischen Gebieten konnte er nicht laufen.

Die Bildkammer hatte dennoch versucht, zumindest zeitweise ihre Chance zu nutzen. "Es gibt auch ernste Christen, die in der Trennung keinen Schaden, sondern Glück für die Kirche sehen, die sich dann wahrhaftiger, reiner, ihrem eigentlichen Wesen entsprechender und und darum auch wirkungsmächtiger gestalten kann." So kommentierte wiederum Hans Lauerer, Rektor in Neuendettelsau, das Geschehen 1919.

Die Hoffnung auf einen guten Neuanfang gab es 1918 "... wofern Deutschland nicht sein eigener Feind ist!" Im Ausblick auf 1933 lässt sich dieser Satz als geradezu prophetisch verstehen. Das konnte damals noch niemand ahnen. Trotzdem drängt sich die Frage auf: Und heute, 2018, wo stehen wir?  

Ausschnitte der Filme sind bis 19. Juli 2020 im Diakoniemuseum Rummelsberg in der Ausstellung "Feldlazarett & Wanderkino" zu sehen. Geöffnet dienstags, donnerstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr und jederzeit nach Vereinbarung. Führungen möglich, umfangreicher Katalog vorhanden. Mehr Infos, auch über das Begleitprogramm online unter www.diakoniemuseum.de.

Die Filme lassen sich jetzt wieder für Vorführungen in Gemeinden entleihen. Kontakt über Andrea Buchfink, Tel. 09128/502274, E-Mail: buchfink.andrea(at)rummelsberger.net

 

                       Susanne Borée

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