Was ist Wahrheit?

Licht strahlt in die Finsternis
Licht strahlt in die Finsternis. Foto: Kraus

Wie sich gefälschte Bilddokumente im Internet auf ihre Echtheit überprüfen lassen

Kein anderes Medium erscheint für die Verbreitung von falschen Meldungen so geeignet wie das Internet. Aber auch kein anderes Werkzeug ist so wirkmächtig, um Falschmeldungen zu enttarnen wie eben das Internet. Gerade erst geriet ein Video einer "Menschenjagd" in Chemnitz unter  Verdacht, nicht authentisch zu sein. Die Licht- und Wetterverhältnisse jedoch stimmen für die behauptete Tageszeit. Es lässt sich von Ortskundigen in der Chemnitzer Bahnhofsstraße an der Johanniskirche verorten. Die gejagten Menschen sind identifiziert. Ihre Aussagen und auch die Beobachtungen des Journalisten Johannes Grunert vor Ort stimmen mit der Aufnahme überein. Nun hielt auch Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen nicht mehr den Vorwurf der Fälschung aufrecht.

Viel schwieriger ist es, über die Echtheit von Bilddokumenten aus Krisengebieten zu entscheiden. Sie sind an Orten entstanden, die sich nicht einfach aufsuchen lassen. Das ist gerade dann der Fall, wenn sie Menschenrechtsverletzungen der anderen Seite und die Unschuld der eigenen Gruppe belegen wollen. Andere behaupten, dass unbequemes Bildmaterial einfach falsch sei.

Damit hat auch amnesty international zu kämpfen. Glaubwürdigkeit ist ein zentrales Gut der Menschenrechtsorganisation. Die Mitglieder des "Digitalen Verifizierungskorps" der Organisation amnesty international prüfen Fotos und Videos mutmaßlicher Menschenrechtsverletzungen auf Herz und Nieren. In der Verbandszeitung, dem amnesty journal für die deutsche Sektion, informiert die Menschenrechtsorganisation in Artikeln von Peter Stäuber, Tirana Hassan und Hannah El-Hitami die Mitglieder.

Enorme menschliche Arbeitskraft ist oft nötig, um Falsches so gut wie irgendwie möglich vom Wahren zu unterscheiden. Aber es ist nicht unmöglich. 40 Studierende aus vier Kontinenten am Pembroke College im britischen Cambridge bilden den Kern des "Digitalen Verifizierungskorps". Allerdings schwärmen sie nicht in alle Welt aus, um die Filme oder Fotos vor Ort nachzuprüfen. Denn das ist oft nur schwer möglich oder gar gefährlich.  

Der britische Blogger Eliot Higgins hilft der Menschenrechtsorganisation. Er analysiert Youtube-Videos auf Hinweise auf die jeweiligen Örtlichkeiten: Da liegt ein Krankenhaus an einer Straße. Nicht weiter spannend. Doch befindet es sich wirklich in dem Ort, in dem es angeblich liegen soll? Im Vergleich mit Google-Karten ließ sich dies herausfinden. Diese Frage wurde im März brisant, als die Türkei behauptete, im nordsyrischen Afrin keine Krankenhäuser bombardiert zu haben. Sie belegte es mit einem Video. Eliot Higgins zeigte, dass dieser Film fehlerhaft war.

Oder er konnte zurückverfolgen, von welchen Flugplätzen Helikopter aufstiegen, die Chemie-Angriffe in Syrien auslösten. Dies auch im Fall zweier Hubschrauber, die einen Chlorgas-Angriff auf die Stadt Duma östlich von Damaskus flogen. Sie waren von einem Flugplatz gestartet, der nur von Regierungsseite genutzt wurde.

Weiteres Beispiel Kongo: In Cambridge prüft der nigerianische Jura-Student Michael Nyarko im Auftrag des "Verifizierungskorps" ein Video, das angeblich im Kongo im Juni aufgenommen wurde. Dort herrscht dann Regenzeit. Mehr noch, über Werkzeuge im Internet lässt sich herausfinden, an welchem Tag an welchem Ort auch in der Vergangenheit welches Wetter herrscht. Die Lichtverhältnisse bei Außenaufnahmen lassen sich nur schwer verfälschen. "Wir stellten fest, dass es im Video viel zu sonnig war, als dass es im Juni hätte aufgenommen werden können", so Nyarko. Oft stamme Bildmaterial zwar von dem behaupteten Ort, wurde aber zu einem anderen Zeitpunkt aufgenommen.

Manche Videos begegnen den Ermittlern immer wieder auf unterschiedlichen Kanälen. Sind sie dadurch bestätigt? Es kommt darauf an, auf welche Quellen sie zurückgehen. Manchmal ist es tatsächlich nur eine, auch wenn sie immer wieder unterschiedliche Wege gehen.

Die Ermittler müssen lernen, die Haupthandlung in den Sequenzen möglichst für sich auszuschalten und ihr Augenmerk auf scheinbar irrelevante Details am Rande zu richten. Das fällt sicher gerade dann schwer, wenn die Handlung dramatisch oder verstörend ist. Gewaltsame Bilder können sogar posttraumatische Belastungsstörungen zur Folge haben.

Wie können sich die Ermittler davor bei verstörenden oder grausamen Sequenzen schützen? Eine südafrikanische Ermittlerin berichtet von einem Video aus Kamerun, auf dem ein Mann angeschossen war, aber noch lebte. Digital konnte man ihm natürlich nicht zu Hilfe kommen. Aber die Ermittlerin musste das Video wieder und wieder anschauen, um Details aus dem Hintergrund herauszufiltern und den Ort des Verbrechens zu bestimmen: Sie klebte ein Pflaster auf den Bildschirm, um die Verletzungen zu überdecken.

Oft lässt sich sogar das Innenleben von Gebäuden digital rekonstruieren wie etwa beim syrischen Foltergefängnis Saydnaya. Dort wurden Tausende von Häftlingen hingerichtet - was aber der syrische Präsident Baschar Al-Assad als "Falschmeldung" abtat. Neben Satellitenfotos von oben gibt es Erinnerungen ehemaliger Gefangener, die aber dort meist im Dunkeln leben mussten. Anhand der Geräusche, die sie hörten, ließ sich die Aufteilung des Gebäudes rekonstruiert. So gibt es viele Details zu den abgestrittenen Morden. Sie und anderes Unbequemes als "falsch" abzutun, erscheint allein schon immer mehr als naiv.

Fünfundzwanzig Quadratkilometer hochauflösende Satellitenfotos  ohne Wolken oder Nebel kauft die Expertin Micah Farfour für 200 Dollar ein - mit amnesty-Rabatt. Diese analysiert sie dann genau im Auftrag der Menschenrechtsorganisation. Micah Farfour sieht darauf Brände, Fluchtbewegungen oder Massengräber. Sie konnte auf diese Weise die "ethnischen Säuberungen" im Jahr 2017 an den Rohingya dokumentieren.

Sie konnte sogar zeigen, dass in Dörfern nur ein Teil der Häuser brannte. Das wiederum ließ sich in Beziehung setzen zu anderen Daten über die Wohnverhältnisse vor Ort. Komischerweise brannten nur die Häuser der Rohingya. Windverhältnisse oder Ähnliches ließen sich ausschließen: Die Brände mussten gezielt durch Menschen gelegt sein.

Zurück zu Eliot Higgins: Er untersuchte auch den Abschuss des malaysischen Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine im Sommer 2014. Und zwar in Sozialen Netzwerken. Da will er die Profile der russischen Soldaten identifiziert haben, die beim Abschuss vor Ort waren. Allerdings brauchte er dafür ein Jahr. "Künstliche Intelligenz könnte solche Zusammenhänge in wenigen Tagen herstellen", erklärt er im amnesty journal. "Doch was, wenn eine solche Technologie entwickelt wird und in die falschen Hände gerät?"

                       Susanne Borée

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