''Bombingham'' - Hoffnung angesichts Leid

Friedensskulptur
Friedenstauben steigen in den Himmel auf - eine Skulptur im amerikanischen Birmingham, wo vor 55 Jahren ein Bombenanschlag (Bild unten) Kinder tötete. Foto: Gross

Wie Jugendliche der Bürgerrechtsbewegung in den USA zum Durchbruch verhalfen

In strahlendem Silber glänzte mir eine kleine Kette auf einer schlicht gehaltenen Auslage entgegen. Auf kleinen Plättchen waren die Zehn Gebote in einfachen Worten in den glänzenden Schmuck eingeprägt. Voller Schrecken betrachtete ich die Objekte in der einfachen Glasvitrine. Es hätte ein Armbändchen meiner eigenen Töchter sein können. Ich schluckte schwer, während ich an der Auslage des "Civil Rights Instituts" stand. Ich wischte die hervorquellenden warmen Tränen mit dem Handrücken von meinem Gesicht.

Die ausgestellten Objekte in der Vitrine wurden von der damals 11-jährigen Denise McNair getragen, als sie von einem Stein erschlagen worden war, der aufgrund eines Bombenanschlages ihr den Schädel am 15. September 1963 zertrümmerte. Dabei hatte dieser Sonntag wie jeder andere begonnen. Fünf Mädchen waren zum Kindergottesdienst in der Baptistenkirche im amerikanischen Birmingham gekommen. Die vier jungen Mädchen Addie Mae Collins, Denise McNair, Carole Robertson und Cynthia Wesley wurden von der massiven Explosion in den Tod gerissen. Als Mutter von vier Kindern kann ich mir nur ansatzweise vorstellen, welcher Schmerz und welches Leid dieser tragische Tod über die betroffenen Familien und die gesamte Kirchengemeinde brachte, als der Besuch der für sie sicher scheinenden Kirche zum Ort des Schreckens geworden war.

Bomben gegen Bürgerrecht

Ursprünglich sollte die 1871 gegründete Stadt Birmingham das industrielle Zentrum des Staates Alabama in den USA sein und erhielt den gut klingenden Namen "The Magic City". Doch die "magische" Stadt spielte schon sehr bald eine zentrale Rolle in der Rassentrennung der amerikanischen Südstaaten und mutierte zu dessen tragischem Beispiel. Bombenanschläge entluden im Jahr der Bürgerrechtskämpfe den Zorn weißer rassistischer Amerikaner an zahlreichen afro-amerikanischen Gebäuden. Schon bald trug die einst so aussichtsreiche Industrieansiedlung den Namen "Bombingham".

Doch die farbige Bevölkerung Alabamas gab trotz der Drohungen der weißen Vorherrschaft nicht auf, um für gleichwertige Rechte einzustehen. Im Mittelpunkt des Sommers 1963 stand im Mittelpunkt des Ringens ein gleichberechtigtes Wahlrecht, das bis dato der farbigen Bevölkerung untersagt worden war.

Inspiriert von Martin Luther King Jr. und einer reichen christlichen Tradition, in der damals die Mehrheit der farbigen Jugendlichen verankert waren, protestierten sie für eine bessere Zukunft jenseits von Rassentrennung und Rassenhass. In der sogenannten "Child­ren's Crusade" ("Kinder-Kreuzzug") im Mai 1963 marschierten 800 Schülerinnen friedlich in das zehn Meilen entfernte Birmingham. Sie wurden, angewiesen durch den Sicherheitsbeauftragten der Stadt, mit Polizeihunden und Wasserwerfern der Feuerwehr empfangen. Als sie abgeführt wurden, überschwemmte ihre schiere Zahl die Gefängnisse Birminghams und legte das damalige vom Rassenhass geprägte Justizsystem lahm.

Friedlicher Protest gewann

Die Bilder friedlich protestierender Kinder und Jugendlicher gingen wie ein Lauffeuer um die Welt und erfüllten Erwachsene mit neuer Entschlossenheit, die Segregation zu überwinden, um dieser und jeder folgenden Generation eine Zukunft geprägt von Chancen und Freiheit zu schenken. Zwei Jahre später mündeten diese Bemühungen in das Wahlgesetz von 1965, das feierlich im Beisein von Martin Luther King Jr. unterschrieben wurde.

Während mich der Weg durch das Institut von schreckenserfüllten Ausstellungen wie der Bombardierung der Kirche zu Plätzen des hoffnungsvollen Kampfes um Gleichberechtigung führte, bahnte sich Schritt um Schritt eine zarte Hoffnung ihren Weg in meinem Herzen. Als im nahegelegenen Park die Skulptur von Denise McNair vor meinen Augen Friedenstauben in den Himmel aufsteigen ließ, war ich von einer tiefen Dankbarkeit für die inspirierenden Bemühungen der damaligen Jugendlichen erfüllt, die anderen einen besseren Weg in die ­Zukunft ebneten. Ein Stück mehr himmlisches Friedensreich in einer immer noch gebrochenen Welt.

                       Miriam Groß

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