Vom Ackermann zum Wegweiser

Kloster Tepl.
Kloster Tepl. Foto: Borée

Lebenslinien in Gottes Hand: Böhmisches Kloster Tepl vereint gewundene Lebensläufe

Grau und massiv trotzen sie dem Lauf der Zeiten: Die wuchtigen Mauern des westböhmischen Klosters Tepl könnten von außen durchaus mal einen neuen Anstrich gebrauchen. Doch hinter ihren Fassaden vereinen sich gewundene, fast tragische Lebensläufe.

Ich warte auf die Führung, ohne die sich das Innere des Klosters und vor allem die prunkvolle Bibliothek nicht betreten lässt. Die Stiftsbibliothek ist mit 100.000 Bänden, darunter 820 Handschriften und 45 mittelalterliche Codizes eine der bedeutendsten der Region.

Vor 600 Jahren war sie noch längst nicht barock ausgestaltet. Aber sie war schon so bedeutend, dass er sich mit dem Klosternamen nennen ließ: Johannes von Tepl. Er erblickte um 1350 das Licht der Welt. Die Klosterschule in Tepl unterrichtete ihn als Knaben - oder sie wurde sein erster Wirkungsort. Dann jedoch schlug Johannes eine weltliche Laufbahn ein. In Prag studierte er Jura. Ab etwa 1373 wirkte er zunächst als öffentlicher Notar, später als Leiter der Lateinschule. 1411 kaufte er in der Prager Neustadt ein Haus, bevor er schon um 1414 verstarb.

Streit mit dem Tod

Nicht Johannes von Tepl erscheint hier in meinen Gedanken vor mir, sondern sein Buch "Der Ackermann aus Böhmen". Bemerkenswert sein Inhalt für die Entstehungszeit um 1400: Das Streitgespräch eines "Ackermannes" mit dem Tod, der ihm seine geliebte Frau entrissen hat. Tod und Ackermann tragen ihren Streit schließlich sogar vor Gott aus: Der Herr gibt dem Menschen Recht, spricht dem Tod aber die Macht zu. Niemand weiß mehr, ob der Autor da den Tod seiner eigenen Frau verarbeitet hat oder ob es erfunden ist.

Das Werk ist eines der wichtigsten spätmittelhochdeutschen Prosadichtungen. Als eines der ersten Zeugnisse vertritt es die Idee einer Ehe als Liebesgemeinschaft. Erstmals lehnt sich ein Mensch hier gegen den Tod auf. Er kritisiert damit zumindest indirekt Gottes Allmacht - auch wenn Gott schließlich die Verhältnisse wieder ordnet.

Überflüssiger Zwist

Jahrelang kämpfte auch Hroznata von Ovenec gegen den Tod und Verzweiflung - während meine Wartezeit nur noch wenige Stunden dauert. Der böhmische Gaugraf stiftete das Kloster vor genau 1.025 Jahren anno 1193. Er hatte zuvor gelobt, am Dritten Kreuzzug teilzunehmen, konnte oder wollte sein Versprechen aber nicht einlösen. Stattdessen holte der böhmische Adlige zwölf Prämonstratenser aus Prag für sein neues Kloster Tepl. Dieser Orden galt damals als einer der modernsten Klostergemeinschaften.

Und sie kurbelten ordentlich die Wirtschaft und Kultur in Westböhmen an. Schnell entwickelte sich in Tepl eine Lateinschule - in Nachbarschaft und fruchtbarer Konkurrenz zu den Klöstern Waldsassen, rund 30 Kilometer Luftlinie weiter westlich auf bayerischer Seite und dem Sankt Emmeram in Regensburg.

Auch Hroznata von Ovenec verlor früh seine Ehefrau - und dazu noch seinen Sohn. Nun trat er selbst in den Prämonstratenserorden ein. Ab 1202 sorgte er als Verwalter für die Einkünfte der Klostergüter. In seinem Testament ließ er festhalten, dass ein großer Teil seines Besitzes und der Einkünfte daraus nach seinem Tode dem Kloster zukommen soll. Das Testament ist nicht mehr erhalten. Schon bald begann aber in Tepl der Aufbau der bedeutenden Bibliothek.

Hroznatas Leben endete der Überlieferung nach tragisch: Er wurde entführt und gefangen gesetzt - entweder von den Hohenberger Rittern, mit denen er schon länger um ein vergessenes Dorf stritt, oder in einer Fehde mit dem Ritter von Künsberg. Der Legende nach wurde er auf der Burg Hroznatov, dem späteren Schloss in Altkinsberg, eingekerkert. Seine Gegner sollen versucht haben, ein ordentliches Lösegeld für seine Freilassung zu erpressen. Dies lehnte er ab, um die Güter für seine  Klostergründungen nicht zu verringern. 1217 starb er im Kerker - und wurde 1897 als Märtyrer seliggesprochen. So schemenhaft und überflüssig die Fehde heute erscheint: Ohne sein Opfer hätte Tepl nie zur Ausbildungsstätte für Johannes von Tepl werden können - wenn er das gewusst hätte!

Kampf um Zukunft

Ein erneuter Sprung durch die Jahrhunderte: Die Zeit in meinen Gedanken vergeht um ein Vielfaches schneller als die Wartezeit bis zur Führung. Nun bin ich schon am Ende des Zweiten Weltkrieges. In dem Kloster lebten lange deutsch- und tschechischsprachige Mönche nebeneinander. Die wieder gegründete Tschechoslowakei stellte nun 1945 die deutschsprachigen Mönche unter Hausarrest. Abt Karl Petrus Möhler und Prior Hieronymus Walter kamen in ein Lager für Sudetendeutsche.

Im Kloster verblieben die tschechischsprachigen Chorherren. Allen voran Herman Josef Tyl, der erst kurz zuvor aus Buchenwald befreit worden war. Er sorgte ab 1946 dafür, dass Ordensangehörige aus tschechischen Sammellagern gen Westen entlassen wurden. Abt Möhler wurde bis 1948 inhaftiert. Tyl verhinderte zunächst die Beschlagnahme des Klosters als staatliches Eigentum. Nach 1948 wurde er selbst von der kommunistischen Regierung interniert. Seit 1950 existierte das Kloster nicht mehr. Die Gebäude dienten als Kaserne. Kirche und Bibliothek ließen sich ab 1958 öffentlich besichtigen. 

Die deutschstämmigen Ordensmitglieder kamen teils zunächst in der Oberpfalz unter und 1987 ins Kloster Obermedlingen. Doch Herman Josef Tyl hatte überlebt. Sein Tun wies einen neuen Weg in die Zukunft. 1988 wählten die verbliebenden und geheim eingetretenen Chorherren den Prämonstratenser zum neuen Abt. Nach der Wende 1990 erhielt der Orden das Kloster Teplá zurück. Als ehemalige Kaserne waren die Gebäude in einem schlechten Zustand. Aber die Grundsubstanz der Kirche, der Bibliothek und des Konvents war weitgehend erhalten. Ende 1991 begann mit einer kleinen Kommunität das Ordensleben im Kloster Teplá. Insgesamt soll die Renovierung 15 Millionen Dollar gekostet haben. Das prunkvolle Ergebnis kann ich bald besichtigen.       

                       Susanne Borée