Fahrräder, Fotoschau, Fernsehgottesdienst

Egidienkirche, 1921
Facetten eines Gotteshauses: Die barocke Egidienkirche, Foto von 1921. Foto: Egidiengemeinde

Nürnberger Kulturkirche St. Egidien begeht ihr 300-jähriges Jubiläum als Barockkirche

Ein altes Fahrrad mitten im Chorraum. Ah, und dann noch ein zweites im Seitenschiff. Es wird erst beim Näherkommen sichtbar. Wer hat sie vergessen? Die Bauarbeiter, die in den 1950-er Jahren die Nürnberger Egidienkirche wieder aufbauten. Stehen die Räder also seit mehr als 60 Jahren mitten in einer Kirche herum?

Natürlich nicht. Sie sind Teil einer Ausstellung in der Egidienkirche. Tatsächlich gibt es Fotos mit diesen Rädern aus der Wirtschaftswunderzeit, so Pfarrer Martin Brons. Auf ihnen haben Bauarbeiter ihre Räder exakt an diesen Orten mitten in der damaligen Baustelle abgestellt. Die Künstlerin Marianne Vordermayr hat sie in ihre Ausstellung eigens integriert. Das Gotteshaus feiert gerade sein 300-jähriges Bestehen als Barockkirche. Neben den Fahrrädern zeigen Vordermayrs Foto- und Video-Installationen in der Kirche einen Überlick über die Geschichte der Kirche und über barocke Gotteshäuser in Deutschland. Denn nicht nur nach dem Zweiten Weltkrieg, nein auch 1718 erhob sie sich bereits aus ihren Trümmern.

1696 fielen die alte Kirchenanlage und die angrenzenden ehemaligen Klostergebäude einem verheerenden Brand zum Opfer. Unversehrt blieben dagegen die drei Kapellen und die Sakristei. Nach dem Brand lagen zunächst für über zehn Jahre nur Steinhaufen am Egidienplatz. Dann erst brachten Rat und Bürgerschaft der Stadt mit einer Stiftung sowie übergemeindlichen Sondersteuern genügend Geld für die Neuerrichtung zusammen.

Es entstand der bis heute erkennbare Barockraum ohne Säulen. Eine weit in den Raum ragende Doppel­empore ermöglichte die höchste ­Sitzplatzanzahl unter den Nürnberger Kirchen. Der damalige Ratsherr Christoph Fürer von Haimendorf erwarb für die Kirche eine Darstellung der Beweinung Christi, die dem berühmten Künstler Anthonis van Dyck zugeschrieben wurde. Lange hielt man inzwischen das Gemälde für unecht. Doch Martin Brons meint, dass nunmehr wieder viel dafür spräche, dass es ein echtes van-Dyck-Kunstwerk sei. Im Zusammenhang mit einer entsprechenden Münchner Ausstellung im kommenden Jahr will er es gerne genauer untersucht sehen. Am 20. Juni spricht Thomas Schauerte, der Leiter der Kunstsammlungen der Stadt Nürnberg, über das Werk.  

Die Egidienkirche war allerdings nicht immer barock. Ihre Geschichte geht zurück auf einen Königs- und Wirtschaftshof der Frühzeit Nürnbergs. Aus dem Hof entwickelte sich um 1140 zunächst das Benediktinerkloster der Reichsstadt. Die ehemalige Klosteranlage ist bis heute im Ensemble der Kirche mit ihren drei Kapellen, den Platzanlagen und der angrenzenden Schule erkennbar.

Mit Einführung der Reformation in Nürnberg 1525 übergab der Klosterkonvent seine Gebäude an eine neu zu gründende Bildungsstätte. Die Kirche wurde als protestantische Predigtkirche genutzt. Philipp Melanch­thon selbst eröffnete das "Aegidianum" im alten Klostergebäude im Mai 1526. Georg Wilhelm Friedrich Hegel war 1808 bis 1816 hier Rektor.

Nach der Zerstörung des Viertels und der Kirche im Zweiten Weltkrieg entschied man sich für einen schlichteren Wiederaufbau mit moderner Deckenwölbung. Dabei verzichtete man auf die Emporen und ordnete den Kirchenraum neu an. Die barocken Stuckverzierungen feierten nur noch im Chor ihre Widerauferstehung. Dort entstand Raum für die Kunst. Denn auch der Altar rückte nach vorne, ins Zentrum der Kirche. Aber an die alten Traditionen der Wissensvermittlung und Kulturpflege will die Kirche anknüpfen - zumal der Raum eine ganz besondere Akustik hat. Ihre heute immer noch beachtenswerten 430 Sitzplätze wollen durch Konzerte und Kulturereignisse gefüllt werden. Der Chorraum selbst ist besonders geeignet für die regelmäßigen Kunst-Ausstellungen.

Doch für Pfarrer Martin Brons sind die Ausstellungen nicht dazu da, um den Platz in der Kirche zu füllen. Nein, er will in lebendige Dialoge darüber eintreten. Er ist seit drei Jahren Pfarrer vor Ort. Er studierte Kunstgeschichte, christliche Archäologie und Theologie. Die Fächer ergänzten sich für ihn optimal. Sein Vikariat absolvierte er am Berliner Dom, ging dann an die Erlöserkirche in Jerusalem und promovierte danach in München über die Predigten des Augustinus. Der Kirchenlehrer habe sich als "lebenspraktischer Begleiter" seiner Gemeinde verstanden - eine Rolle, in der sich auch Martin Brons sieht. Künstler, Theologen und Philosophen stellen für ihn unter unterschiedlichen Perspektiven die Frage nach dem Sinn des Lebens. Das soll in der Kirche für ihn zusammenfließen.

Um diese Arbeit auch in Zukunft profiliert fortsetzen zu können, hat sich die Kirchengemeinde von St. Egidien in ihrem Jubiläumsjahr mit der Kirchengemeinde von St. Sebald auf neue Gebiete gewagt: Während die Gemeindearbeit in Zukunft für beide Gemeinden gemeinsam geleistet wird, will Pfarrer Thomas Zeitler das Konzept der Kulturkirche weiterentwickeln. Beide Kirchen sollen im Herbst einen gemeinsamen Kirchenvorstand erhalten.

Während der Jubiläums-Ausstellung weht direkt hinter dem Haupteingang ein riesiges Transparent hinab. Es zeigt ein Foto des barocken Baus von 1921 - genau in dem Moment, in dem ein Lichtstrahl den Kirchenraum quert (Foto oben links). Im Frühjahr und im Herbst lässt sich diese Erscheinung zu bestimmten Sonnenständen noch heute beobachten. Der Blick vom Eingang her zeigt mit einem Blick Geschichte und Gegenwart der Egidienkirche.Die nächsten Veranstaltungen zum Jubiläum der Egidienkirche:Zeitläufe - Video- und Fotoinstallation von Marianne Vordermayr, noch bis Freitag, 20. Juli 2018, täglich 9-18 Uhr in St. Egidien. Eintritt frei.Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr: Ein van Dyck für Nürnberg, Vortrag von Thomas Schauerte.24. Juni 2018: 10 Uhr: Fernsehgottesdienst zu Johanni. Liturgie: Pfarrer Martin Brons; Predigt: Kirchenrätin Andrea Wagner-Pinggéra, Musik: Kirchenrat Rüdiger Glufke. 11-15 Uhr: Empfang auf dem Platz mit der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Um 17 Uhr Ausklang mit dem Sommerkonzert "Sonnengesang" des Egidienchores. Sonntag, 1. Juli, 10.30 Uhr, Kunstgottesdienst mit Pfarrer Thomas Zeitler.

                       PR/Susanne Borée

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