Editorial: Gegen Alleingänge

Martin Bek-Baier
Martin Bek-Baier

Es war eine Qual in den Urlaub nach Österreich oder Italien zu fahren, damals, als ich ein Kind war. Der Grund: Lange Staus an den Grenzen. Was war das für ein Meilenstein für Europa, als die Grenzen fielen und uneingeschränkt gereist werden konnte! Das ist Vergangenheit. Uns drohen wieder Zustände wie vor vierzig Jahren, als die Grenzkontrollen noch scharf waren.

Derzeit geht der Trend zu einem  Egoismussystem der einzelnen Staaten zurück. Ungarn, Österreich, Bayern. Jeder schaut auf sich. Ein System ohne Zukunft für Eu­ropa und für die Menschen.

Sicher das derzeitige Abkommen, nach dem Asylbewerber in dem Land ihren Asylantrag abwarten sollen, in dem sie eingereist sind, ist nicht sehr sinnvoll. Die Lasten tragen die Länder an den Außengrenzen Europas. Und die sind offensichtlich überfordert.
"Wissen Sie, was mit den abgeschobenen Asylbewerbern geschieht, die in Deutschland von den Behörden in den Zug gesetzt wurden und die in Bozen oder Mailand auf dem Bahnhof ankommen?", sagte Wolfgang Prader von der Evangelisch Lutherischen Kirche Italiens in einem Gespräch mit dem Rothenburger Sonntagsblatt. Antwort: "Nichts!" Sie sind sich selbst überlassen. Lediglich Freiwillige von Kirchen und sozialen Einrichtungen, wie der Lutherischen Diakonie kümmern sich um die ­Gestrandeten. "Viele bleiben gleich am Bahnhof und versuchen illegal wieder auf einen Zug Richtung Brenner zu kommen."

Also Versuche, das Asylproblem von einem Land ins andere abzuschieben bringen letztlich gar nichts. Regionale und nationale Alleingänge sind Unfug! Sie gaukeln nur eine Lösung vor und kosten unnötig Geld. Von der humanitären Katastrophe für die ewig Rumgeschubsten ganz zu schweigen.

Wir brauchen internationale Zusammenarbeit in der Frage der Asylpolitik, keine Alleingänge! Alle Beteiligten müssen gesprächsbereit sein. Die Staaten an den Außengrenzen müssen von allen europäischen Ländern unterstützt werden.
Aber noch viel wichtiger sind grundsätzliche Lösungen. Die Fluchtursachen müssen beseitigt werden. Die Ursprungsländer brauchen Frieden und finanzielle Hilfe. Am wichtigsten: Sie brauchen ­Gerechtigkeit und Solidarität der internationalen Staatengemeinschaft. Alle anderen Wege bleiben ansonsten eine Qual für alle.

                                 Martin Bek-Baier

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