Freiwillig unter Wölfen

Wölfe
Wölfe im Wildtierpark Bad Mergentheim. Foto: Borée

Wolfsnacht im Wildtierpark Bad Mergentheim im Selbstversuch

Grollend zieht ein Gewitter heran. Schlagartig leert sich der Wildtierpark Bad Mergentheim. Wir müssen ausharren: Die Wolfsnacht wartet auf uns. Freiwillig neben Wölfen schlafen - was vielen als Horror erscheint, ist für uns ein großes Erlebnis. Nun ja, das Rudel lebt ja hinter Gittern und Gräben. Werden sie heute nacht heulen? Ja, wir haben Glück. Ich hätte nicht gedacht, dass es so laut sein kann. Jedenfalls, wenn sie nur ein paar Dutzend Meter entfernt sind. Wenigstens zieht das Gewitter schnell vorbei: Wir haben einen trockenen Abend vor uns.

Der Wolf kommt auch hierzulande näher als gedacht. Vor 20 Jahren sichtete man die ersten Tiere in Deutschland. Grund genug, über den Umgang mit einem etwas unbequemeren Teil der Schöpfung nachzudenken. Sieben sichere Wolfsnachweise per Foto oder Genprobe listet das Landesamt für Umweltschutz (LfU) in Bayern 2018 auf: In den östlichen Landkreisen und im Donau-Ries. 2017 gab es neun Nachweise. Sogar bis in den Landkreis Ansbach kam ein Wolf. Im Bayerischen Wald, in Grafenwöhr und im Veldensteiner Forst in der Oberpfalz gibt es ferner standorttreue Wölfe.

Was bedeutet das für Weidetiere? Der letzte bekannte Schafsriss in Bayern war im April 2017 bei Wolf­ratshausen, so Pressesprecher Claus Hensold vom Landesamt für Umweltschutz. Mehr als 40 tote Schafe hinterließ offenbar am 30. April eine Wolf-Attacke bei Bad Wildbad im Schwarzwald, deren Weidefläche teilweise nur durch einen kleinen Bach abgegrenzt war. In Bayern gibt es wie anderswo einen "Ausgleichsfonds" bei Wolfsrissen. Doch muss dies gut dokumentiert und ein Hund als Täter ausgeschlossen sein.

Ich blicke wieder ins Wolfsgehege in Bad Mergentheim hinein: Die Raubtiere hätte ich mir größer vorgestellt. Ihre Schulterhöhe ist höchstens 80 bis 90 Zentimeter, schlage ich extra anschließend nach. Und ihr Fell weniger weich. Nicht, dass ich ein lebendiges Tier gestreichelt hätte. Nein, es war nur ein Wolfspelz, den der Pfleger herumreichte. Ein Winterfell: trotzdem - flauschig. Dann hat er noch einen Schädel in seinem Koffer. Hätte ich fast für den Kopf eines Schäferhundes gehalten. Und: Der Abdruck der Wolfspfote sei länglicher, die Krallen gerade ausgerichtet, so heißt es. Ob ich das erkenne?

"Wir wollen keinen Wolf", stellt René Gomringer, Geschäftsführer des Landesverbandes Bayerischer Schafhalter e. V., sofort klar. Zwar seien die Entschädigungen bei einem Wolfsriss "in Bayern gut gelöst", doch bedeuten Schutzmaßnahmen einen hohen zeitlichen und finanziellen Aufwand.  

Wie viele Wolfsrisse haben die Schafszüchter gezählt? Da redet Gomringer lieber von steigenden zukünftigen Bedrohungen. Der Verband warte immer noch auf einen Aktionsplan Bayern. Die Maßnahmen des verpflichtenden Mindestschutzes würden nur "zu 60 Prozent greifen". Die Schafe seien nachts meist gepfercht, wobei Wölfe leichtes Spiel hätten oder eine Panik verursachen können. Dann "laufen Schafen meist nach oben". Was tun, wenn sie auf einen Bahndamm oder eine Autobahn treffen? Nicht jeder Schäfer könne mit Hunden umgehen. Die Schäfer rechnen mit rund 2.500 Euro laufende Kosten für Nahrung und Tierarzt pro Herdenschutzhund. Plus hohe Anschaffungskosten. Außerdem lassen sie sich wohl nicht gleichzeitig als Hütehunde abrichten. Sie sollen sich als Teil der Herde verstehen, nicht als deren Chefs. Auch Esel oder Lamas werden zum Schutz empfohlen. Sie kämpfen. Das mögen Wölfe nicht.

Wie nähern sich die Tierpfleger im Wildtierpark Mergentheim ihren rund 30 Wölfen? Grundsätzlich werden sie wild gehalten. Hinter der Wiese, auf der sie sich etwa bei Fütterungen zeigen, können sie sich noch auf einem Waldareal von etwa zweieinhalb Hektar auslaufen. Die Tierpfleger betreten es nur äußerst selten - wenn sie etwa todkranke oder sterbende Wölfe dort herausholen müssen. Wölfe fressen keine Artgenossen - auch nicht, wenn sie tot sind. Und dies, obwohl sie sonst Aas nicht verschmähen. Welche Schutzmaßnahmen halten die Pfleger bei dem großen Rudel ein? Keine. Die gesunden Wölfe meiden schon von selbst eine Begegnung. Sie riechen und hören uns Menschen bis auf eine Distanz von zweieinhalb Kilometern, so der Tierpfleger. Das ist weit jenseits aller menschlichen Wahrnehmung.

Seit 1998 ist in Deutschland kein Fall bekannt, dass Wölfe Menschen verletzt hätten, bestätigt Pressesprecherin Ruth Schedlbauer vom BfN. Tollwut gibt es seit 2001 in Bayern nicht mehr. Dagegen zählt das deutsche Ärzteblatt bundesweit jährlich 30.000 bis 50.000 Bissverletzungen von Hunden und Katzen, die medizinisch betreut wurden. Ein Viertel davon bei Kindern unter sechs Jahren.
Inzwischen stolpern wir über die Waldwege. Ganz schön dunkel - auch bei Vollmond. Im Wald ist er hinter Bäumen verschwunden. Lichter sind unerwünscht. Wir sollen den Weg unter den Füßen spüren. Und tatsächlich fühlt es sich anders an, wenn wir vom festgetrampelten Weg abkommen und durchs höhere Gras oder raschelnde Laub gehen.

Ah, das Geheul der Wölfe nähert sich wieder. Dann sind wir wohl auf den Rückweg. Heulen sie den Mond an? Nein, so der Tierpfleger. Sie bleiben so in Kontakt, stärken ihre Gemeinschaft oder stecken ihr Revier ab. Allein lebende Wölfe oder wandernde Tiere heulen nicht. Wann sie es genau machen - das liegt in ihrem Ermessen. Der Wildtierpark garantiert es nicht. Hier gibt es kanadische Tiere, die ein anderes Sozialverhalten haben als europäische Rudel. Diese bestehen meist aus Eltern und den Jungen.

Wolfssichtungen, bei denen sich die Tiere Menschen im Auto bis auf wenige Meter näherten, ständen dem nicht entgehen. Offenbar verbinden die Wölfe Zweibeiner in Blechhülle nicht mit ihrem Begriff von "Mensch". Das ist dann eher gefährlicher für den Wolf: Deutschlandweit kamen 140 Wölfe durch den Verkehr ums Leben, so das BfN. Und wenn Wölfe durch Dörfer streifen, dann sind sie oft angefüttert.

Nach den Wölfen rechnet das Bundesamt für Naturschutz auch mit der Rückkehr von Bären nach Deutschland aus Slowenien oder Norditalien. Der erste Fall des Braunbären "Bruno" 2006 endete für das Tier tödlich. Seit 2008 verstaubt er ausgestopft im Münchner Museum.

Wir kehren nach der Wanderung zurück zum Feuer neben den Wolfszelten. Bald lodert es hell auf. Nachts prasselt der Regen wieder gegen das Zelt. Sein Rauschen und das Geheul schallen durch den Halbschlaf. Was wäre, wenn man ohne Schutz im Wald wäre? Die WDR-Sendung "Quarks und Co." konfrontierte eine Nachtwanderung unerwartet mit Wolfsgeheul. Es war zwar nachgemacht. Doch machte es Gänsehaut. Durch Gitter und Zelt fühle ich mich beschützt und von diesen Naturgewalten nicht bedroht.

Mehr im Internet:

www.bfn.de

https://www.lfu.bayern.de/index.htm

https://www.wildtierpark.de

https://www.schafe-sind-toll.com

https://www.jagd-bayern.de/wolf.html,
dort auch Geheul zu hören

 

                       Susanne Borée

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