Editorial: Mit hochgeklapptem Visier verwundbar sein

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Viele meiner Freunde "fasten" dieses Jahr mal wieder "ganz bewusst" - wie sie mir mit großer Ernsthaftigkeit erzählen. Der Eine  meidet die Sozialen Medien, der Nächste will keine Chipstüte im Haus haben und wieder andere haben sich von der morgendlichen Tasse Kaffee verabschiedet. Wie immer geht es darum, sich Gewohnheiten bewusst zu werden und sie zu durchbrechen.

Die Aktion "7 Wochen Ohne" - eine bundesweite Fastenaktion der Evangelischen Kirche in Deutschland - geht einen anderen Weg. Sie möchte neue oder andere Impulse geben. In diesem Jahr ist das Motto - wie viele von Ihnen sicher wissen - "Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen". Das Visier hochklappen sollen wir. Klartext reden und unsere Meinung kund tun, anstatt in der schweigenden Masse unterzugehen. Ein schöner Plan - angesichts der vielen lauten Menschen in der Welt, die keinerlei Hemmungen haben, ihre Meinung als das Allheilmittel schlechthin gerne und offen und immerzu zu verkünden. Dem gilt es, etwas entgegenzusetzen. Oder? Und hat Martin Luther es nicht auch so gehandhabt? Klartext geredet, weil es ihm ein Herzensanliegen war?

Ich persönlich bin zwiegespalten. Natürlich möchte ich auch gerne meine Meinung sagen. Aber auch wenn es brenzlig wird? Wenn ich weiß, dass ich damit möglicherweise auch Menschen vor den Kopf stoße? Lieber Klartext sprechen als schweigen?

Ich habe es oft erlebt, dass Menschen, die nicht "kniffen" anschließend mit vielen Problemen zu kämpfen hatten. Da wurden Arbeitsverträge nicht verlängert oder Versetzungen in die Wege geleitet. In den Sozialen Netzwerken liest man von Drohungen und manch einer braucht Polizeischutz, weil er "sein Visier" hochgeklappt hat. Wie gestalte ich also dieses "Zeig dich!"?

Oder ist der Rat meiner Oma "Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann schweige lieber" vielleicht nicht auch oft ein besserer, ein diplomatischerer Weg? Ich bin mit meiner inneren Diskussion noch nicht fertig. Insofern ist das Thema gut gewählt, denn es fordert mich auf, nachzudenken. 

                 Inge Wollschläger