Editorial: Sich Ängsten hingeben oder verantwortlich handeln?

Susanne Borée
Susanne Borée

Es macht Angst! Dieses unsichtbare, allgegenwärtige, wabernde Nichts, dem wir hilflos ausgeliefert sind: kurz, das strahlende WLAN. Jetzt soll es gar als "Godspot" in Kirchen und Gemeindehäuser vordringen! Selten rief so eine kleine Meldung (Sonntagsblatt vom 11. Februar, Seite 24) so große Reaktionen in unserem Sonntagsblatt hervor.

Vor einem Gottesdienst erwarten die Besucher einen Parkplatz für ihr Auto vorzufinden. Aber, bitte sehr, nicht mehr als zwei Meter vom Hauptportal entfernt. Autoabgase sind genauso unsichtbar. Dafür sind sie ganz real für Mensch und Umwelt so schädlich, dass sich jetzt Gerichte mit den erträglichen Höchstwerten beschäftigen. Nicht nur Diesel-Abgase sind da unheilvoll.

"Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist." So erklärte bereits Dietrich Bonhoeffer in einem Brief vom August 1944, der in "Widerstand und Ergebung" Eingang gefunden hat. Zu Reportagen über Hunger und Hilflosigkeit, Gräueln oder Gewalt in dieser Welt erreichte das Sonntagsblatt kaum mal Leserreaktionen. Gerade heute stellen sich viele Zukunftsfragen mit neuer Dringlichkeit - wie unbequem!

Stattdessen starren wir lieber auf das Handy und seinen Elektrosmog. Macht nichts, dass Physiker über die Angst davor nur den Kopf schütteln können. Richtig verstrahlen wir uns bei Flügen - und zwar erwiesen und nicht nur trotz jahrelanger Bemühungen nur "möglicherweise". Bei einem Langstreckenflug "tanken" wir locker mehr Strahlung als bei einem Picknick in der Sperrzone von Fukushima. Kein Grund für viele, auf lange Reisen zu verzichten - ebenso wenig wie auf das Auto bei kurzen Wegen.

Bleiben die Konfirmanden, die auf ihren Smartphones daddeln anstatt der Predigt zu lauschen. Jedes Gerät, das der menschliche Geist ersonnen hat, vom Faustkeil an, lässt sich missbrauchen. Es geht darum, wie man es benutzt. Dies ist zwar eine Herausforderung für die Erziehung, aber kein Grund, Erfindungen schlecht zu reden.

Angst vor den Herausforderungen des Fortschritts gehört spätestens seit dem 13. Jahrhundert zum Markenzeichen der Kirchen. Ist der Kampf gegen "Godspot" ein erneutes Rückzugsgefecht gegen eine solche Entwicklung? Dies "halte ich erstens für sinnlos, zweitens für unvornehm und drittens für unchristlich". So Bonhoeffer am 8. Juni 1944. Da gibt es genug schwerwiegendere Herausforderungen für verantwortungsvolles Handeln jenseits der Handy-Frage. Ihre

Susanne Borée

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