Wenn ein ''Schatz'' zur Last wird

Dreifaltigkeitskirche in Neustadt am Kulm
Orgelprospekt der Dreifaltigkeitskirche in Neustadt am Kulm. Foto: Kirch

Was tun mit all den Dorfkirchen? - Tagungszentrum Bad Alexandersbad sucht Lösungen

Sie prägen unsere gewachsene Kulturlandschaft wie Bachläufe, Felder und Grünland und Waldränder: eingestreute Dörfer und Weiler, die sich um einen Kirchturm scharen.  Sie erzählen von der Landnahme des Christentums, von Sozialstrukturen, die damit begründet wurden und von Glaubenstraditionen, die nun einen enormen Wandel erleben.

Mittlerweile  gehört nur noch knapp über die Hälfte der Deutschen einer Kirche an. Selbst in den Dörfern hat der Gottesdienstbesuch stark nachgelassen. Was aber tun mit den Schätzen, die langsam zur Last werden? Eine Tagung des Evangelischen Bildungszentrums in Bad Alexandersbad beschäftigte sich genau mit diesem  Problem: Die Kirche im Dorf zu lassen und das Dorf bei der Kirche zu lassen. Eingeladen dazu war ein Professor für Pflanzenökologie; was seltsam klingt. Doch  wie Hansjörg Küster hat sich noch niemand so intensiv mit der Geschichte unserer gewachsenen Kulturlandschaft beschäftigt.

Ortstermin in Neustadt am Kulm. Käthe Pühl ist Stadträtin in dem oberpfälzischen 900-Seelen-Städtchen. Die Dreifaltigkeitskirche muss sie den Besuchern und Exkursionsteilnehmern eigens aufschließen. Denn auch dieses Gotteshaus ist, wie viele auf dem Land, tagsüber verschlossen. Weil man um das Inventar fürchtet. Immer wieder wird von Jugendlichen berichtet, die über die Stränge geschlagen haben; oder von Diebstählen bis hin zu Kunstrauben und Opferstockaufbrüchen. Man müsste tagsüber Personal haben, das auf die Kirche aufpasst, heißt es dann. Doch das könne sich doch im Ernst niemand leisten.

Hansjörg Küster bedauert das. In den Dörfern gebe es mitunter schon kein Gasthaus mehr, der letzte Laden habe geschlossen. Oft bleibe bei einem Regenguss den Wanderern nur ein Bushäuschen zum Unterstellen. Wie schön wäre da eine einladende Kirche. Auch der gelernten Katechetin Käthe Pühl, die in der evangelischen Landessynode sitzt, ist das bewusst. Doch dazu bedürfte es eines Stocks von Ehrenamtlichen, ja vielleicht ganz neuer Strukturen, um das Problem verschlossener Kirchen zu lösen.
 
"Wir müssen uns trauen"

Auf der Tagung in Bad Alexandersbad hat das Nachdenken darüber jedenfalls begonnen. So meinte der Dorfpfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, Erfinder des Simultankirchenweges in der Oberpfalz: "Wir müssen uns einfach mehr trau'n." Er traute sich jedenfalls und suchte nach Wegen, die Einmaligkeit von 60 einst von Katholiken und Evangelischen mehr oder minder einträchtig genützten Simultankirchen auf zehn Routen per Rad zu "erfahren".

Ein noch ehrgeizigeres Projekt ist in den vergangenen Jahren im Raum Bayreuth entstanden. Im Markgrafentum Bayreuth-Kulmbach sind im 18. und 19. Jahrhundert etwa hundert zum Teil prächtige evangelische Barockkirchen entstanden; viele davon sind in jüngster Zeit aufwändig restauriert worden. Der Kirchenkreis Bayreuth hat inzwischen sogar eine Pfarrstelle installiert, deren Inhaber sich um Werbung und Ausbildung von Kirchenführerinnen und -führern kümmert, Exkursionen anbietet und  spirituelle Angebote ausarbeitet.

Außerdem muss er Überzeugungsarbeit leisten, damit die Kirchengemeinden ihre Gotteshäuser auch tagsüber für Besucher und Beter offen halten. Und immer öfter sieht man ja auch das eigens dafür kreierte Hinweisschild "Offene Kirche". Jedenfalls stimmt der Vorbehalt, dass evangelische Kirchen typischerweise verschlossen sind, schon lange nicht mehr. Doch  die Angst der zur Vorsicht neigenden Kirchenvorstände vor Störern, Rabauken und Dieben zu zerstreuen ist schwer; davon wissen die Verantwortlichen ein Lied zu singen.

Wie Religion eine Landschaft prägen kann, arbeitete Hansjörg Küster in Bad Alexandersbad exemplarisch und anhand vieler Bild-Beispiele heraus.

Klostergründungen durch Benediktiner und Zisterzienser haben einst weite Teile des Landes urbar gemacht. Meist waren es dann Kirchen, um die sich Gehöfte gruppierten, die zur Gründung von Dörfern und Kommunen führten. Wobei die  Altarräume dieser im Mittelalter entstandenen Kirchen immer nach Osten hin, zum himmlischen Jerusalem, ausgerichtet gewesen seien. Bis auf den heutigen Tag könne man die Lage der Dörfer auf der Grenze zwischen Ackerland und Grünland lokalisieren.

Bei alledem ist Küster kein Verfechter einer nostalgischen Landschaftsbetrachtung. "Kulturen gehen zugrunde, wenn sie sich nicht reformieren", meint er. Und sieht eine solche Reformation wie einst die Lutherische auch jetzt, am Ende des Erdölzeitalters.

Neue Reformation gefragt

Wobei er die Situation durchaus mit der zur Zeit Luthers vergleicht. Damals sei es im Zusammenhang mit einem gesteigerten Erzabbau zu einer drastischen Verknappung des Holzes gekommen. Aufgrund des Bevölkerungszuwachses habe man auch mehr Lebensmittel und Anbauflächen benötigt. So seien Straßenzüge und befestigte Wege  entstanden; die bis dato extensive Landwirtschaft wurde weiter intensiviert. Aus Luthers Hausväterliteratur sei letztlich auch jener Nachhaltigkeitsgedanken erwachsen, den später der Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz auf den Punkt brachte, wonach man einem Wald nur so viele Bäume entnehmen dürfe, wie man wieder anpflanze. Und war nicht auch Luther Spross einer Bergmannsfamilie?

Die Natur selbst, so meint Küster nüchtern, sei hingegen nicht nachhaltig. Ein Weiher verlandet, wenn man ihn nicht pflegt, ein Acker verunkrautet und würde letztlich zum Gestrüpp, eine Heide von Birken besiedelt und später vom Buchenwald bedeckt. Wildnis ist für den Landschaftsspezialisten jedenfalls keine Lösung. Der Mensch müsse lenkend eingreifen, ist seine These. Nur so lasse sich eine "kontrollierte Biodiversität" erhalten, in der durchaus auch Luchs und Wolf Platz haben. Man könnte es auch mit einem Schlagwort sagen: Nur wer sich ändert, bleibt sich selber treu. Was wohl auch für Kirche gilt.

                     Raimund Kirch

Raimund Kirch ist der frühere Chefredakteur der Nürnberger Zeitung (NZ) und ist Mitglied im Herausgeberbeirat des Rothenburger Sonntagsblattes.    

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