Editorial: Mitreden oder Mitfühlen?

Martin Bek-Baier
Martin Bek-Baier

Guter Rat ist teuer, sagt man. Zyniker sagen "Guter Rat kommt teuer": Wenn alle mitreden wollen, wenn es jeder besser weiß, als ich, der das Problem hat, dann kann am Ende etwas herauskommen, das nicht mir dienlich ist, sondern nur der allgemeinen Meinung folgt.

Nein, ich spreche gerade nicht von der aktuellen Politik. Auch wenn diese Gedanken auch dort zutreffen. Überhaupt trifft dies in vielen Bereichen des Leben und seinen Krisen zu. Ich spreche aber konkret vom Älterwerden, vom Kranksein, von chronisch gewordenen Beschwerden, von Zukunfts- und Lebensängsten.

Ich spreche von einem Seniorenehepaar. Beide hoch in den Achtzigern, allein in einem Haus. Bislang ging es gut. Aber nun ist ein Ehepartner alt, krank und schwach. Der Notarzt holte ihn ins Krankenhaus. Auf einmal stehen viele Entscheidungen und Gedanken beim anderen Partner an. Welche Behandlungen sollen es für den kranken und alten Menschen noch sein? Will man alles medizinisch Mögliche? Oder denkt man anders: Welche Maßnahmen lässt man bleiben? Und für die Zeit nach dem Krankenhaus: Wie geht es weiter? Zuhause mit ambulanter Pflege? Geht man ins Pflegeheim oder nicht?

Freut man sich in dieser Situation über Freunde und Bekannte, die einem mit Rat beistehen wollen? Oder empfindet man sie wie die Ratgeber bei Hiob, die teils selbstgerecht, teils überheblich, teils bigott mit ihren Deutungen und Ratschlägen daherkamen.

Einerseits tut es schon gut, wenn dir jemand sagt, "Ich weiß, wie du dich jetzt fühlst". Aber nur dann, wenn es wirklich stimmt. Oft ist es so, dass die, die mit vielen Ratschlägen parat stehen, sich doch nicht in die andere Person hineinfühlen können oder wollen.

Ja, es gibt dann noch private, staatliche und kirchliche Beratungsstellen und Hilfseinrichtungen. Aber von dort kann man in der Regel auch nur pragmatische Lösungen erwarten.

Jemandem beizustehen heißt zwar auch, zur rechten Zeit deutlich die Konsequenzen aufzuzeigen. Andererseits muss man auch akzeptieren, wenn derjenige keine oder andere Entscheidungen  trifft. Man sollte aber dem Betroffenen zugestehen, sich selbst über seine Situation klar zu werden. Das kann manchmal Zeit brauchen. Wie es in der Seele aussieht, das weiß vor allem der Betroffene selber. 

                                 Martin Bek-Baier

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