Ein königlicher Gefangener

Löwe am Ochsenfurter Rathaus
Der Löwe am Ochsenfurter Rathaus soll an Richard I. erinnern. Foto: Wesselowsky

Die Gefangenschaft Richard I. Löwenherz in Franken und der Pfalz - Teil 3

Man kennt die Geschichte aus diversen Robin-Hood-Filmen: Der englische König, Richard I. Löwenherz, wurde in Österreich gefangen genommen. Das Volk sammelt eifrig für die Lösegeldsumme. Entspricht das der historischen Wahrheit? Verkürzt gesehen, stimmt die Geschichte. Was allerdings verschwiegen wird, Richard wurde die meiste Zeit im Gebiet des heutigen Deutschlands gefangen gehalten. Dabei verweilte er auch einige Wochen in Ochsenfurt am Main.Die Aufregung am Hof in England war groß. Der König sei auf der Heimreise aus dem Kreuzzug gefangen genommen worden hieß es! Eine große Lösegeldsumme werde gefordert munkelte man. Da man vom König selbst keine Nachricht hatte, wurde beschlossen Botschafter zu entsenden. Zwei Zisterzienseräbte machten sich im Auftrag der Krone auf den Weg. Im März 1193 trafen sie den König in Ochsenfurt am Main. Richard I. Löwenherz war zur Erleichterung der Geistlichen Gesandten wohlauf, wenngleich er auch Gefangener des Herzogs Leopolds V. von Österreich war. Nach etwa einem Monat in Ochsenfurt zog Leopold mit Richard nach Speyer, wo er dem Kaiser übergeben wurde. Insgesamt sollte die Gefangenschaft ein Jahr, sechs Wochen und drei Tage andauern.

Aber der Reihe nach erzählt: Richard I. Löwenherz ist Herrscher des sogenannten Avenginischen Reiches, das von der schottischen Grenze bis nach Südfrankreich reicht, als er zum Kreuzzug ins Heilige Land aufbricht. Die befestigte Stadt Akkon wird nach langer Belagerung mit seiner Hilfe endlich eingenommen.  Nachdem Richard den Sieg und die Beute allein für sich beansprucht, und die Fahne Leopolds von Österreich von den Zinnen gerissen haben soll, hat er sich im österreichischen Herzog einen Feind gemacht. So eine Demütigung lässt sich ein Herrscher nicht gefallen. Auch nicht vom "Helden des Dritten Kreuzzuges". Als dieser gilt Löwenherz in der Tat schon zu Lebzeiten. Er erringt militärische und diplomatische Erfolge. Der Zugang der Pilger zu den Heiligen Stätten wurde wieder erreicht.

Durch Schiffbruch und diverse Zufälle kam es dazu, dass Richard mit wenigen Begleitern das Herrschaftsgebiet Leopolds durchqueren musste. Er versuchte seine Identität zu verbergen und reiste getarnt als einfacher Pilger. 

"Er briet ein Huhn"

Der Chronist Otto von St. Blasien beschreibt die Szene, die folgt, so: "In einer kleinen Absteige in der Nähe von Wien kehrte er ein, die Gefährten entließ er bis auf wenige. Bei einer dienenden Tätigkeit - damit er nicht erkannt werde -, bei der Zubereitung der Zukost durch ihn selbst war er daher beschäftigt; er briet ein Huhn, das auf ein Holz gesteckt war, wendete es mit eigener Hand und hatte einen erhabenen Ring am Finger vergessen." Entspricht dies der Wahrheit? Deutsche Quellen, wie diese, versuchten den englischen König zu diskreditieren, indem sie ihm durch den vergessenen Ring Geltungssucht unterstellten.

Englische Quellen sprechen entweder von gefolterten Gefolgsleuten, die nur unter Qual den König verrieten, oder von einem heroischen Kampf. Die Übermacht sei zu groß gewesen, so dass der König  Herzog Leopold V. selbst sein Schwert übergab.
In der Chronik des Zeitgenossen Petrus de Ebulo wird die Szene bildlich dargestellt: Richard als Pilger verkleidet wird von Bewaffneten gestellt. Zunächst wird Richard auf der Burg Dürnstein in der Wachau festgehalten. Anfang Januar wird er von Leopold vor den Kaiser Heinrich VI. in Regensburg gebracht. Aber bevor er in die Pfalz gebracht wurde, musste Richard durch das heutige Bayern reisen. In Regensburg hielt er sich am 6. Januar 1193 auf, wurde anschließend nach Ochsenfurt gebracht, wo er von Februar bis März 1193 festgehalten wurde.

Gefangen in Ochsenfurt

Am 14. Februar 1193 wurde mit Kaiser Heinrich und Herzog Leopold während des Reichstages in Würzburg einen Vertrag über die Bedingungen zur Auslieferung von Löwenherz an den Kaiser ausgehandelt. Am Palmsonntag, 21. März, ist seine Inhaftierung in Ochsenfurt bezeugt.

Aus jener Zeit ist in Ochsenfurt wenig zu sehen. Es geht die Sage, dass der Löwe am Aufgang zum neuen Rathaus an Richard I. Löwenherz erinnert. Nachdem das Rathaus erst um 1490 erbaut wurde, war hier natürlich nicht der Aufenthaltsort von Richard Löwenherz. Er war wahrscheinlich im alten Salhof, der schon um 1081 Wahlort von Hermann von Salm als Gegenkönig zu König Heinrich IV. ein wichtiger Ort gewesen war. Dieser ist noch heute zu sehen.

In der Ausstellung "Richard Löwenherz" in Speyer werden Regensburg und Ochsenfurt nur kurz erwähnt. Man weiß ja auch wenig über jene Tage. Als Ausstellungsort kann Speyer dagegen direkt an die Geschichte des berühmten Königs anknüpfen. Hier war es, wo Richard als Gefangener des Stauferkaisers Heinrich VI. am 22. März 1193 in einem Schauprozess mit einer langen Liste an Vorwürfen konfrontiert wurde.

Nach Unterzeichnung der Forderungen durch Kaiser und Herzog, die finanzielle, militärische und persönliche Versprechen Richards enthielten, wurde dieser am 28. März dem Kaiser in Speyer überstellt und auf Burg Trifels inhaftiert, wo er die Anerkennung des Vertrages ablehnte. Erst nachdem seine Mutter die hohe Lösegeldforderung beglich und Richard einen Lehenseid vor dem Kaiser ableistete, endete während des Reichstages in Mainz im Februar 1194 die Gefangenschaft.

Wie kann man sich die Gefangenschaft vorstellen? Musste der König wirklich zunächst barfuß in einem dreckigen Haus verweilen? Beleidigt von den Menschen, die mehr an wilde Tiere denn an zivilisierte Menschen erinnerten? So stellen es englische Chronisten dar. Er soll so viele Fesseln habe tragen müssen, wie ein Pferd oder Esel kaum habe schleppen können. Von den Umständen wissen wir außerhalb dieser Quellen wenig. Seine relativ kurze  Gefangenschaft auf der Burg Trifels , die als Kerkerburg berüchtigt war, sollte vielleicht die Beschaffung des Lösegeldes beschleunigen. Die Tatsache aber, dass Richard zahlreiche hohe Würdenträger aus seinem Reich empfangen konnte, spricht dafür, dass er trotz Gefangenschaft in gewisser Weise regieren konnte.

Es wird auch berichtet, dass Richard I. mit seinen Wächtern gescherzt, gerungen und getrunken haben soll. Wenn auch stets Wachen mit gezücktem Schwert anwesend waren. In einem Brief an seine Mutter, in dem er um das Lösegeld bittet, beschreibt Richard seine Haftumstände als standesgemäß. Er sei in Hagenau vom Kaiser "in großen Ehren" empfangen worden.

Über ein Jahr also verbrachte der englische Herrscher in Gefangenschaft - auf der Reichsburg Trifels, in der Kaiserpfalz im heute elsässischen Hagenau sowie in Speyer, Worms und Mainz, den bedeutenden Städten am Oberrhein. Für seine Freilassung wurde ein Lösegeld von nie da gewesenem Ausmaß verlangt: 100.000 Mark, was 23 Tonnen reinem Silber entsprach. An Weihnachten im Jahr 1193 war Richard erneut in Speyer. In diesem Winter verfasste er sein Lied "Ja nus hons pris", in dem er beklagt, dass er so lange auf die Aufbringung des Lösegeldes warten muss.

In England wurde indes fieberhaft und ertragreich das Geld gesammelt. Vor allem die Kirche büßte etliche ihrer Schätze ein. Die hohe Besteuerung der Bevölkerung löste in London einen Aufstand aus. Mit dem tonnenweise aus England ins Deutsche Reich gezahlten Silber finanzierte Kaiser Heinrich VI. die Eroberung Siziliens 1194 und gab der Herrschaft der Staufer für Jahrzehnte eine neue Richtung. Leopold V. baute mit seinem Anteil die Stadt Wien aus und errichtete die heutige Wiener Neustadt.

Landesausstellung "Richard Löwenherz", Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Domplatz 4. Info: www.museum.speyer.de      

                     Sabine Baier


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