Wo findet sich das Paradies?

Karl Schmidt-Rottluff: Boote am Wasser
Karl Schmidt-Rottluff: Boote am Wasser (Boote am Hafen) (Ausschnitt), 1913, aus der Sammlung Osthaus Museum Hagen, Courtesy of Osthaus Museum Hagen & Institut für Kulturaustausch, Tübingen. Foto: Achim Kukulies, Düsseldorf, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017.

Meisterwerke des Expressionismus im Schweinfurter Museum Georg Schäfer

Wo ist das Paradies? Ist es immer schon da? Und man muss es nur entdecken bei kleinen Ausflügen an den Badesee oder in die Berge? Künstler des Expressionismus machten sich auf den Weg. Die "Boote am Wasser" sind in dem Bild Karl Schmidt-Rottluffs (Bild) bereit zum Auslaufen zu fernen Horizonten. Wollen sie die Hügel am anderen Ufer erreichen. Oder geht da gerade die Sonne auf, die alles in ihr rötliches Licht taucht?

Auch Gabriele Münters "Landschaft mit weißer Mauer" lenkt trotz dieser Begrenzung den Blick in die Ferne. Hinter den Bergen erstrahlt die Sonne. Doch sind sie immer noch in Schatten getaucht. Ihre düstere, flächige Färbung erscheint fast bedrohlich. Das Wolkenband über der Sonne bedeckt alles. Es hat beinahe die Form einer Hand: behütend oder bedrohlich?

Die Künstler des Expressionismus lösten sich von der üblichen Farbgebung der Natur. Sie ordneten sie wie auch auf den beiden vorgestellten Bildern ihren Seelennuancen unter. In einer Zeit des Umbruchs und rasanter Veränderungen machten sich Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts umso intensiver auf die Suche nach einem Ziel ihrer Sehnsucht.

Lässt sich das Paradies beim idealen Zusammenleben in einer Künstlerkolonie finden? Im norddeutschen Worpswede oder in Kochel am See südlich von München trafen sie sich weit vor den Toren der Stadt.

Aus den Reihen der Neuen Kunstvereinigung München und der Gruppe Blauer Reiter zeigt das Museum Georg Schäfer unter anderem Werke von Wassily Kandinsky, August Macke, Franz Marc oder Gabriele Münter. Damit nicht genug. Die großartige aktuelle Ausstellung vereint 155 hochkarätige Werke von Malern des Expressionismus.

Künstler in Dresden wiederum gingen bewusst in Arbeitersiedlungen, wie die Künstlergruppe "Brücke". Aus diesem Kreis sind in Schweinfurt Maler wie Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde und viele andere vertreten. Den Schwerpunkt bilden hier die frühen Werke Ernst Ludwig Kirchners.

Diese mit herausragenden Meis­terwerken bestückte Schau verdanken die Schweinfurter einer Kooperation mit dem Osthaus Museum Hagen und dem Aargauer Kunsthaus. "Die Zusammenführung dreier Sammlungen in Schweinfurt dient dem Zweck, dem Betrachter sowohl den Expressionismus als Ganzes verständlich, als auch das Individuelle jedes einzelnen Künstler erlebbar zu machen", erklärt Kurator Wolf Eiermann.

Die Kunst des Expressionismus spiegelte ein neues Lebensverständnis der Künstler wider. Ihr Paradies legten die Künstler teils als Gegenentwurf zur europäischen Zivilisation an. Manchmal handelte es sich um einen inneren wie realen äußeren Rückzugsort. Emil Nolde und Max Pechstein hofften ihn etwa in der Südsee zu finden - und fanden ihn dort auch zeitweilig. Andere Künstler suchten ihn wie auf den Bildern oben direkt vor ihrer Haustür.

Dabei war die Lebenswirklichkeit der Menschen vor gut hundert Jahren weit entfernt von paradiesischen Zuständen. In den großen Städten Deutschlands hatte die Industrialisierung endgültig das Leben verändert. Die Arbeiter jener Zeit lebten in Not und Verzweiflung. Zwar griffen langsam die Reformen der Sozialgesetzgebung, die Otto von Bismarck noch im 19. Jahrhundert erlassen hatte. Doch unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II. erschienen politische Entwicklungen wie erstarrt zu sein.

Der Herrscher hatte auch kein Verständnis für die neuen Kunstepochen: Noch dazu hatte sie beim "Erzfeind" Frankreich an Fahrt aufgenommen. Nun jedoch gab es reiche Sammler, die bei dem wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte genug Geld erworben hatten und ebenfalls genug Aufbruchsstimmung besaßen, um es in ganz neue künstlerische Ausdrucksformen ihrer Zeit anzulegen. Damit öffneten sie sich den Brüchen ihrer Zeit. So sehr etwa der Kaiser den künstlerischen Geschmack seiner Zeit gestalten wollte, so vergeblich waren seine Bemühungen.

Zum Ausdruck expressionistischer Empfindungen und Eindrücke diente gerade der flächige Pinselstrich. Hinzu kam ein freier Umgang mit kräftigen Farben. Formen und Symbole der Bildsprache waren aufs Äußerste reduziert. Die traditionelle Perspektive war nicht mehr wichtig. Kunst war nicht mehr ein Abbild der Wirklichkeit - schließlich waren dafür Fotos besser geeignet -, sondern der tiefsten Seelenschichten der Künstler.

Dies "Paradies" konnte für die Künstler keine naive Rückkehr in das Land ihrer Kindheit mehr sein. Doch ihre Sehnsucht galt ebenfalls der Suche nach einem tragenden Sinn des Lebens. Überkommende Orientierungshilfen, etwa der Institution "Kirche", gaben nicht mehr ausreichend Halt. Ebenso wenig die überlieferten Normen ihrer Gesellschaft. Denn gerade die erstarrten Autoritäten ihrer Zeit wie der Kaiser stützten sich in besonderem Maße darauf.

Jenseits der anerkannten Bildformen der Sakralkunst suchten die Künstler nach neuen Bildern, die sich auf die Suche nach neuen Perspektiven machten. Manchmal ahnte ihr Pinselstrich davon mehr als ihre Gedanken. Manchmal machten sich die Maler auch untereinander das Leben zur Hölle durch allzu harte gegenseitige Kritik oder zu geringe Rücksichtsnahme auf andere. Schatten überstrahlte das Licht. Aber sie trugen die Sehnsucht nach einem Paradies weiter - auch durch die Hölle des Ersten Weltkrieges.

Ausstellung "Back to Paradise" - Meisterwerke des Expressionismus  bis 8. April im Schweinfurter Museum Georg Schäfer, Brückenstraße 20, Eintrittspreise: 11 Euro, ermäßigt 9 Euro, Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. An jedem ersten Dienstag im Monat freier Eintritt. Mehr unter www.museumgeorgschaefer.de oder Tel. 09721/514820.

Katalog: Back to Paradise. Meisterwerke des Expressionismus aus dem Aargauer Kunsthaus und dem Osthaus Museum Hagen, hg. von Tayfun Belgin, Wolf Eiermann, Otto Letze und Thomas Schmutz, München 2017 212 Seiten, 168 Bilder, ISBN 978-3-943017-16-8; 35 Euro.     

                     Susanne Borée