Willkommen in Jerusalem

Kleeblatt-Karte
Die ganze Welt in einem Kleeblatt, Heinrich Bünting, Magdeburg, 1600, Holzschnitt.

Themenausstellung des Jüdischen Museums Berlin zeigt viele Facetten der Heiligen Stadt

Rabbi Obadjah aus Bertinoro war nicht begeistert. Er empfand Jerusalem um 1500 als elend - es war gerade einer Hungersnot entronnen - und kalt. Jeder Wind käme zuerst in die Stadt, um Gott anzubeten, bevor er zu seinem Bestimmungsort aufbräche, so schrieb er. Daneben stellt das Jüdische Museum Berlin zwei weitere Pilgerbeschreibungen aus christlicher und muslimischer Sicht. Hier wie überall in der Ausstellung arbeitet es streng symetrisch. Bernhard von Breydenbach wiederum erblickt in Jerusalem "mit den Augen seines Empfindens und seines Glaubens, wie sein Heiland" starb, begraben wurde und auferstand. So schreibt es der Domdekan und Kämmerer aus Mainz Ende des 15. Jahrhunderts in seiner "Pilgerreise ins Heilige Land". 

Als geistiges Zentrum der drei Religionen Judentum, Christentum und Islam ist Jerusalem seit vielen Jahrhunderten ein Brennpunkt religiöser und politischer Konflikte. Die Entscheidung des US-Präsidenten, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, unterstreicht dies noch einmal nachdrücklich. Die Ausstellung "Welcome to Jerusalem" will keine Lösungen anbieten. Aber sie hofft Verständnis für die besondere Situation der Heiligen Stadt zu wecken. Und sie will den Besuchern helfen, sich ein eigenes Urteil zu bilden, so Peter Schäfer, Direktor des Jüdischen Museums Berlin.

Modelle der Grabeskirche, der Klagemauer und des Felsendoms lenken den Blick auf die jeweiligen Zentren der drei großen monotheistischen Religionen. Trotz aller religiösen Ansprüche und aller Kreuzzüge war die Stadt noch Mitte des 19. Jahrhunderts nur ein dünn besiedeltes Provinznest im Osmanischen Reich. Dann aber wollten alle europäischen Mächte hier präsent sein. Kirchliche Institutionen gründeten Krankenhäuser, Missionsstationen oder Schulen. Ludwig Schneller aus Württemberg legte um 1860 den Grundstein für das Syrische Waisenhaus. Es wurde zu einer der größten Ausbildungsstätten im handwerklichen und landwirtschaftlichen Bereich. Später kümmerte es sich auch um armenische Kinder, die die Verfolgungen im Osmanischen Reich überlebt hatten.

Auch immer mehr europäische Juden wanderten ein. Um 1860 dehnte sich die Stadt erstmals wieder außerhalb der alten Mauern aus. Zehn Jahre später bestand fast die Hälfte der Bevölkerung aus Menschen jüdischen Glaubens. Ein erstes modernes Stadtzentrum entstand um das Jaffator herum mit Cafés und Theatern. Und fast gleichzeitig gründeten orthodoxe Juden erst jetzt das Stadtviertel Mea Shearim.

Besonders schaut die Ausstellung darauf, wie Menschen vor gut hundert Jahren in Jerusalem zusammenlebten - bevor die großen Konflikte Gestalt annahmen. Die großen europäischen Mächte blickten bereits dorthin. Auch der deutsche Kaiser Wilhelm II. bereiste das Heilige Land - und traf dort Theodor Herzl, den Begründer des Zionismus.

Die Filmaufnahmen der Lumière-Brüder aus dem Jahr 1896 im Raum "Diesseits und jenseits der Stadtmauer" sind die ersten filmischen Zeugnisse aus Jerusalem überhaupt. Sie zeigen die osmanisch geprägte Stadt vor den großen konfliktreichen Auseinandersetzungen. Aus den Memoiren des christlich-palästinensischen "Sängers" Wasif Jawhariyyeh (1897-1972) zitiert der Ausstellungskatalog ausführlich. Als Jugendlicher erlebte dieser noch, wie die Religionen dort gemeinsam feierten.

"Konflikt" heißt dagegen eine eindringliche 20-minütige Dokumentation aus historischen Originalbildern und Kommentaren zum Nahost-Konflikt am Beispiel Jerusalems von 1917 bis heute. Nachdem die Engländer im Ersten Weltkrieg das Land von den Osmanen erobert hatten, versprachen sie in der Balfour-Deklaration Israel als neue Heimstätte des jüdischen Volkes. Sie stellten aber wenig später den Arabern Selbstverwaltung in Aussicht - und teilten sich die neu eroberten Gebiete erst einmal mit den Franzosen.

Großformatige Projektionen runden die Schau ab. In einer Film-Lounge können Besucher eine Echtzeit-Dokumentation über das Leben in Jerusalem aus dem Jahr 2014 zeitsynchron sehen. Doch dies sind nicht die einzigen Medien der Ausstellung: Dokumentarisches Filmmaterial zum Thema "Fromme Provokateure" zeigt beispielhaft jüdische Gruppen, deren religiöse Praxis oft zu Konflikten mit anderen säkularen und religiösen Vorstellungen und dem Staat führt: Die "Women of the Wall" fordern eine gleiche Gebets­praxis für Frauen an der Klagemauer ein. Andere Bewegungen wollen auf dem Tempelberg den dritten jüdischen Tempel errichten.

An Filmen herrscht kein Mangel. In einer Rotunde sind sogar verschiedene Sequenzen zeitgleich zu sehen. Es soll wohl der Vergleichbarkeit dienen, stellt aber an die Konzentration hohe Anforderungen. Um wirklich alle Filmsequenzen zu würdigen, könnte der Besucher sich mehrere Tage in dem Museum aufhalten.

Doch auch bei einem einzigen Eintritt machen die Medieninstallationen und Ausstellungsstücke den Ausspruch eines Jerusalemer palästinensischen Taxifahrers plastisch begreifbar: Er wird in der Einführung zum Ausstellungskatalog zitiert mit den Worten: "Das Problem mit Jerusalem läge an zu vielen Juden, Moslems und Christen, die die Stadt als Vorhof des Himmels sähen und bereits zu Lebzeiten dort Eintritt begehrten." Und nur ihren Weg als den allein Wahren ansähen. Dagegen setzt die Ausstellung Akzente, in denen alle Seiten durch die Zeiten hinweg zu Wort kommen. Sie zeigt, dass die aktuellen Konflikte um die Heilige Stadt nicht gottgegeben waren, sondern lenkt den Blick auf die historischen Stürme, die die Zerwürfnisse bedingten.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April 2019 im Jüdischen Museum Berlin, Lindenstraße 9-14, Eintritt 8 Euro, ermäßigt 3 Euro, geöffnet täglich 10 bis 20 Uhr. Mehr Infos und das Begleitprogramm online unter www.jmberlin.de oder Telefon 030/ 25993300.

Ausstellungskatalog hg. von Margret Kampmeyer und Cilly Kugelmann, Berlin 2017, 264 Seiten, engl. und dt., im Buchhandel 39,90 Euro, Museumspreis 29,90 Euro.    

                     Susanne Borée


Außerdem lesen Sie unter anderen in unserer gedruckten Ausgabe vom 24. Juni 2018:

- Der Ökumenische Rat der Kirchen wird 70 - ''Er ist genau das, was die Welt braucht!''

- Kein Frieden für alle in Sicht: Das ''Friedensgutachten 2018'' wurde in Berlin vorgestellt und kommentiert

- Versteinerte Psalmen: 25 Jahre Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt

=> Interesse an diesen Artikeln der gedruckten Ausgabe?

Diese, die wöchentlichen Rätsel und vieles mehr können Sie bei unserem kostenlosen Probeabo entdecken

=> Gleich online bestellen

 

 

www.kirchenpresse.de - Evangelische Wochenzeitung im Internet

 

 

Das Evangelische Sonntagsblatt finden Sie jetzt auch auf der

=> "wertvollen" Facebook-Seite

 

Wertvoll-Logo