Nicht nur beten, sondern neue Wege finden

Geburtshaus von Heidi Clemens in Paramaribo.
Geburtshaus von Heidi Clemens in Paramaribo. Foto: privat

Heidi Clemens erinnert sich an Surinam, das 2018 den Weltgebetstag ausrichtet

''Es war eine kleine, heile Welt - obwohl ringsherum der Zweite Weltkrieg tobte.'' So erinnert sich Heidi Clemens an ihre Kindheit in Surinam. Vor 78 Jahren erblickte sie das Licht der Welt. In diesem Jahr richtet das südamerikanische Land den Weltgebetstag der Frauen aus. Nördlich von Brasilien liegt diese ehemalige niederländische Kolonie, die erst 1975 die Unabhängigkeit erlangte. Flächenmäßig ist sie gut viermal so groß wie das Mutterland. Doch leben in Surinam nur gut 500.000 Einwohner - davon knapp die Hälfte in der Hauptstadt Paramaribo.

Heidi Clemens entstammt einer Herrnhuter Missionarsfamilie. Diese Gemeinschaft hat in Surinam die meisten Mitglieder im Kreise der evangelischen Kirchen. Sie wirkt seit 1735 dort. Neben der Mission und Gesundheitsfürsorge versuchte sie auch die Situation der dortigen Sklaven und der Indigenen zu verbessern. Nachdem Deutschland 1940 auch die Niederlande besetzt hatte, wurden viele deutschstämmige Herrnhuter in Surinam interniert.

Ihr Vater war Schweizer. Erst 1939 war er aus einer indischen Missionsstation zum "Präses" in Paramaribo berufen worden. Dort erblickte Heidi Clemens das Licht der Welt. Ihre Kindheit verlebte sie quasi in einem tropischen Paradies.
Ihr Geburtshaus lag damals am Rande der Hauptstadt. Nun befindet es sich fast in zentraler Lage, da sich die Hauptstadt inzwischen so sehr ausgedehnt hat. "Mein Geburtshaus ist gar nicht so groß, wie es auf dem Foto scheint", schränkt sie sogleich ein. Bei einem Besuch dort vor wenigen Jahren war sie überrascht, wie klein es war. "Und es gab dort noch viele Büroräume", die nicht bewohnt werden konnten.

Heidi Clemens weiß noch, wie sie früher die tropische Tierwelt beobachtete. Und mit anderen Kindern spielte. Denn auf dem Gelände befand sich ein Internat für Kinder von Mitarbeitern der Herrnhuter, die im Urwald unterwegs waren. Gemeinsam spielten sie Fußball. "Als Mädchen musste ich immer im Tor stehen." Sie kletterten auf die Bäume und aßen unreifes Obst "mit Salz".

Leider waren Familienfeste selten, da die Angehörigen weit verstreut lebten. Ein Brief nach Europa brauchte in ihrer Jugend mindestens drei Wochen. So konnte mit einer Antwort erst nach fast zwei Monaten überhaupt gerechnet werden.

Mit 14 Jahren kehrte Heidi Clemens in die Schweiz zurück, da es in Surinam keine höhere Schulbildung für sie gab. "Die Kälte dort war ein Riesenschock." Auch ihr Vater ging nach Zürich. Um seine Nachfolge im Surinam zu regeln, musste er jedoch nach Surinam zurückkehren, wo er plötzlich verstarb.

Die Mutter war schwerhörig, ein Ohr sogar "fast taub", da sie sich in Surinam nicht richtig behandeln lassen konnte. "Heute ist die medizinische Versorgung vor allem in Paramaribo besser", so Heidi Clemens. Zwar sollten Patienten in einem Krankenhaus tunlichst eigene Bettwäsche, möglichst auch noch Handtücher mitbringen, doch es gibt durchaus Gesundheitsstationen mit Ärzten.

Heidi Clemens hat da einen guten Vergleich. Denn ihre Schwester kehrte als Erwachsene nach Surinam zurück. "Bis zu ihrem Tod vor zwei Jahren habe ich sie regelmäßig besucht, und wir hatten auch sonst noch gute Kontakte. Über die Herrnhuter Brüdergemeine kenne ich viele Surinamer, die in Holland leben." Jetzt lebt Heidi Clemens in Oberfranken.

Heute fällt ihr auch der hektische Verkehr gerade in der Hauptstadt auf - wo früher Eselskarren oder höchstens mal Fahrräder vorherrschten. "Und gerade in den Außenbezirken gibt es kaum Bürgersteige."

Sie selbst lebte nach ihrer Heirat länger in Sambia. "Kurz nach unserer Rückkehr nach Deutschland vor 40 Jahren war Sambia Weltgebetstags-Land. Und ich wurde gefragt, über das Land zu berichten. Mich fasziniert immer wieder, wie die ­Probleme von Frauen weltweit sich gleichen. Die Informationen aus dem Land machen es uns möglich, gezielt für die Anliegen zu beten und dann auch aus dem Gebet heraus zu handeln." Doch damit sei das Wirken am Weltgebetstag nicht erledigt: "Im Mittelpunkt dieses Gebetstages steht die Schöpfung Gottes."

Gerade in Surinam gibt es "große Teile des Landes, in denen die Urbevölkerung im Einklang mit der Natur lebt. Leider werden die Menschen durch den Kontakt mit der Zivilisation sehr vom Glamour der übrigen Welt geblendet und fasziniert". Sie wollen oft Anschluss an all den Konsum der westlichen Welt.

Dazu kommt, dass besonders in der Stadt sich eine große Schere zwischen Armen und Reichen öffnet. Wer es sich leisten kann, ist in die Niederlande ausgewandert. "Reiche müssen ihren Besitz durch Mauern, Gitter und Hunde schützen. Arme sind zu Taten bereit, die sie aus Not begehen." Die Bevölkerung sei durch ein buntes Gemisch von Europäern, und Indigenen, Afrikanern und Asiatischen Arbeitsimmigranten geprägt.

Abholzung und die Goldgewinnung - oft auch unter Einsatz von Quecksilber - schaffen weitere Prob­leme: "Die erhöhte Quecksilbermenge in den Flüssen führt zu einer Vergiftung des Trinkwassers und der Nahrungsquelle Fisch. Die Indigenen sind besonders betroffen. Die Regierung bietet keinerlei Hilfe." Außerdem werde der Urwald auch in Surinam großflächig abgeholzt. Nach dem Ende des Bauxit-Exports, eines Rohstoffs zur Herstellung von Aluminium, geriet Surinam weiter in den Sog von Armut und Korruption.

Heidi Clemens weiter: Da "bietet außer Beten auch eine Bewusstseinsänderung eine Möglichkeit für einen Ausweg. Wir müssen lernen und begreifen, dass unser Lebensstandard hier in Deutschland einen Einfluss hat auf das Handeln in der ganzen Welt. Wir müssen lernen, die Vorteile einer bescheideneren Lebensweise zu verinnerlichen und bewusst zu genießen".

Der Weltgebetstag 2018 hat drei Projekte geplant, um Surinamer Frauen zu unterstützen: In Albina soll die wirtschaftliche Eigenständigkeit von jungen Frauen gefördert werden. Und in der Hauptstadt Paramaribo sollen Jugendleiterinnen ausgebildet und Frauentaxis gefördert werden.     

Buchtipp zum WGT: Surinam. Land der vielen Völker und Religionen, 6 Euro, 184 Seiten, ISBN 978-3-946352-07-5; Bestellung über Mission EineWelt.

                     Susanne Borée