Editorial: Mein Wert steht fest

Inge Wollschläger
Inge Wollschläger

Eines Tages - so las ich in einer Geschichte - kam ein Universitätsdozent in seine Gruppe und hielt einen Hundert-Euro-Schein in die Höhe. "Wer möchte ihn?"
Die Studenten schauten ein bisschen irritiert, meldeten sich aber alle. Wer würde nicht gerne Hundert Euro "einfach so" haben wollen?

Doch bevor sie zugreifen konnten, zerknüllte der Dozent den Schein. "Will ihn jetzt noch einer?" Wieder gingen die Hände in die Höhe.

Da schmiss er den Geldschein auf den Boden und trampelte auf ihm herum. "Und nun? Wollt ihr ihn jetzt immer noch haben?

Die Studierenden bejahten. "Wisst ihr", sagte der Dozent, "so ist es mit eurem Leben auch. Vielleicht werden wir in unserem Leben zerknüllt". Man wird uns möglicherweise auch hin und wieder mit Füßen treten. Aber was wir nie vergessen dürfen ist, dass sich an unserem Wert nichts ändern wird."

Ich mag diese Geschichte sehr. Unser Wert ändert sich nicht, auch wenn uns der Alltag oder das Leben böse mitspielt. Wenn wir nicht mehr perfekt aussehen, ein paar Kilos zu viel oder zu wenig mit uns herumtragen. Wenn wir einfach einen schlechten Tag oder auch Tage haben. Wir sind gewollt, unser Leben verliert dadurch nicht an Wert.

"Ich will, dass du bist" hören wir beim Kirchenvater Augustinus. In der Bibel können wir nachlesen: "Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."

Es ist eine Zusage an das Leben und an uns, die wir da bekommen. Es ist wie ein Geschenk, das man bekommt - ohne dass man etwas dafür tun muss. Mehr als ein Hundert-Euro-Schein, den man überreicht bekommt.

Mit diesem Gedanken gehe ich in das neue Jahr. Ich bin gewollt und ich werde von ganz oben geliebt. Ohne Einschränkung, ohne Bedingungen. Mein Wert ist festgesetzt. Er bleibt bestehen - was auch passieren mag.

                 Inge Wollschläger